Bittere Armut in der Region Amhara, doch es gibt Chancen
Von Jutta Lohkamp

Über den Wellblechdächern von Dessie - Standort
des Büros der Welthungerhilfe in der Region Amhara.
© LohkampDas Büro der Welthungerhilfe für die Amhara-Region befindet sich in Dessie, 2.600 Meter über dem Meeresspiegel, eine staubige und hektische Stadt mit ca. 200.000 Einwohnern und Zonenhauptstadt des Bezirks von Süd-Wollo. Dort, wo das Hauptproblem der Menschen heißt: Niemals genug zu essen zu haben. Davon ist in Dessie selbst nicht viel zu spüren. Zumindest auf dem ersten Blick. Links und rechts neben der asphaltierten Hauptstraße, die sich zumeist stinkende Ladas, überfüllte Kleinbusse, alte Transporter mit Waren aus dem Umland und wackelige Pferdekarren teilen, reihen sich kleine, einfache Verkaufsläden, aus Wellblech zusammengewerkelt, neben einzelnen größeren Geschäften und wenigen Restaurants.

Marktfrau am Straßenrand in
Dessie. © Lohkamp
Grün ist die Landschaft - noch.
Hier und da verkaufen Marktfrauen ihre traditionellen Tonwaren sowie die typisch leuchtenden Stoffe, scharfe Gewürze, Backwaren und frisches Obst. Die Regenzeit war gut und die Ernte üppig. Das satte Grün der letzten Monate, was der Regen der Natur entlockte, ist noch überall sichtbar und verzaubert die Region in eine prachtvolle Landschaft.

Die Amhara-Region zur
Regenzeit. © Lohkamp
Eine Landschaft, die so gar nicht dem Bild zu entsprechen scheint, welches für gewöhnlich aus Äthiopien transportiert wird. Doch Amhara kennt wahrlich andere Zeiten: Dürren, glühende Hitze, Ernteausfälle, und – Hunger. Durst. Bittere Armut. Sterben. Tod. Erst Anfang bis Mitte des Jahres 2006 wurde Äthiopien von der letzten schweren Dürre erfasst, die viele Opfer forderte, insbesondere Kinder.

Mangelware Wasser: Weite
Strecken müssen Frauen und
Kinder für ein paar Liter
Wasser täglich zurücklegen.
© Lohkamp
Welthungerhilfe vor Ort
Die chronische Ernährungsunsicherheit ist hier das Hauptproblem. Die Welthungerhilfe arbeitet bereits seit 1992 mit ihrer Partnerorganisation ORDA (Organisation for Rehabilitation in Amhara) in der Region. Gemeinsam stellen sie sich den plötzlichen wie auch dauerhaften und mühsamen Herausforderungen: Nothilfe in Form von Nahrungsmittelverteilungen, wenn Trockenheit und Ernteverluste, wie schon so oft, das Leben der Amharen bedrohen. Oder die Sicherung der Ernährung in Form von "Food for Work–" sowie "Cash for Work-Programmen" mit dem Bestreben, dass dieses langfristig und nachhaltig gelingt. Als oberstes Ziel allerdings hat sich die Welthungerhilfe die generelle Entwicklung des Amhara-Raums auf die Fahnen geschrieben.

Welhungerhilfe-Mitarbeiter
Hendrik Smid. © Lohkamp
Aufbau neuer Wirtschaftsstrukturen
Letzteres zu erreichen ist harte Arbeit. Denn neben den klimatischen Problemen wirken sich insbesondere der hohe Bevölkerungsdruck, Umweltzerstörungen und die extrem niedrige Kaufkraft auf die Ernährungssituation der Menschen aus. "Es reicht nicht nur aus zu sagen: Der Regen ist schuld! Hunger hat vor allem eine vom Menschen gemachte wie politische Komponente", erklärt Hendrik Smid, Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Dessie. "Deswegen muss sich auch vor allem die Wirtschaftsstruktur ändern, sonst werden die Menschen immer weiter in Armut verfallen."

Zimmerei in Dessie.
© LohkampDie meisten Amharen leben von der traditionellen Landwirtschaft und stehen somit in permanenter Abhängigkeit zum Klima. Smid ist der Ansicht, dass der Fokus noch stärker auf zusätzliche einkommenschaffende Maßnahmen gelegt werden muss, um die Haushalte zu stärken. Dazu könnten zum Beispiel die Verarbeitung und Veredelung landwirtschaftlicher Produkte in Form von Viehmast, Milchproduktion oder Imkerei zählen. Außerlandwirtschaftliche Erwerbsquellen wie Kleinsthandel, Handwerk und Dienstleistungen bieten ebenfalls diverse Möglichkeiten. Bei Ertneausfällen hätten die Menschen dann im günstigsten Fall etwas Geld zur Verfügung, um ihre Ernährung durch den Kauf von Nahrung eigenständig zu sichern.
(Stand: Januar 2007)
Die Autorin
Jutta Lohkamp, Online-Redakteurin der Welthungerhilfe, besuchte die äthiopische Amhara-Region im Dezember 2006.
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