Extreme Kälte in Kabuls Flüchtlingscamps

Afghanistans härtester Winter seit Jahrzehnten

Der Schnee vor den Zelten ist knietief, darunter eine hart gefrorene Eisschicht. "Es gibt praktisch nirgends einen Ort, an dem man sich aufwärmen kann." Federico Motka ist seit über einem Jahr in Kabul. Mit seinem Team der Welthungerhilfe, arbeitet er in den Flüchtlingscamps rund um die Stadt. Die Menschen leiden dort seit Wochen unter der extremen Kälte. Bei minus zwanzig Grad leben sie in Zelten und provisorischen Unterkünften.

Winterhilfen in Kabul

Warme Kleidung für die Kinder im Camp Nassaji Bagrami Taga.


Die Dächer der Hütten müssen jeden Tag vom Neuschnee befreit werden, weil die provisorischen Konstruktionen sonst unter der Last zusammenbrechen. Wenn es dann tagsüber taut, zieht das Wasser überall hin, in die Kartons auf den Dächern, in die Hütten, in die Knochen. "Man muss sich vorstellen, die Menschen sitzen auf gefrorener Erde, in einem feuchten, kalten Raum ohne Fenster und richtige Tür – und obwohl sie versuchen zu heizen, geht die Hitze sofort wieder verloren." Das betrifft diejenigen die eine Unterkunft haben. Die im letzten Jahr gekommen sind, haben nur ganz normale Zelte, "so wie wir sie kennen", berichtet Motka.

"Die sind nicht zu übersehen"

Dass der Winter kommen würde, war keine Überraschung und auch die Situation in den Lagern war nicht unbekannt: "Man kann doch nicht durch Kabul fahren, ohne die Menschen in ihren Zelten und Schlammhütten zu sehen. Die sind nicht zu übersehen. Alle kennen die Probleme." Seit Dezember hat Federico Motka mit seinem Team über 1600 Heizöfen verteilt. Ein Drittel der Familien in den offiziell 42 Camps (UNHCR Angaben) können damit heizen – solange Feuerholz verfügbar bleibt. Schon im letzten Winter hatte das Team der Welthungerhilfe Heizöfen verteilt, aber die meisten Lagerbewohner verkauften sie im Sommer. Sie brauchten Geld für Nahrung und Wasser.

Permanente Lösungen oder Nothilfe?

Eisige Kälte in Kabul
Eisige Kälte in Kabul

Politisch ist es eine komplizierte Situation. Die afghanische Hauptstadt, die mal fünfhunderttausend Menschen fassen sollte, hat heute knapp vier Millionen Einwohner. Die Flüchtlinge haben sich auf privatem oder öffentlichem Land niedergelassen. Sie sind auf der Flucht im eigenen Land. Aus ihren Dörfern vertrieben, oder in der Hoffnung auf ein besseres Leben, kommen sie in die Großstädte. Die meisten nach Kabul. Aus Sicht der Regierung und der Kommunen müssen sie zurück in ihre Heimat. "Deshalb ist es ganz schwierig, hier unterstützt zu werden. Die haben Angst, dass dann weitere Flüchtlinge kommen." Im Sommer wurden die Versuche, etwas an den Unterkünften zu verbessern, abgelehnt. Man könne nichts Permanentes machen, hieß es von den Behörden. Erlaubt waren nur ganz grobe Verbesserungen. Aber alles in Zelten, nichts permanentes. "Wir wissen, dass das jedes Jahr kommt, aber trotzdem wird die Lage nicht verbessert. Es geht entweder um permanente Lösungen oder Nothilfe. Nie wird von einem Mittelweg gesprochen. Dabei kann man schon viel machen ohne feste Häuser zu bauen.", weiß Motka.

Er und sein Team sind Tag für Tag in den Camps unterwegs. Eine Task Force der Akteure vor Ort trifft sich jetzt wöchentlich. Sie besprechen wer, was, wo macht – damit nicht zweimal das Gleiche und alles fair verteilt wird. "Wir wissen, welche Camps welche Probleme haben." Im vergangenen September wurden alle Campleader eingeladen. "Wir haben das arrangiert, um auf einer Ebene als Partner zusammenzuarbeiten und nicht als ‚beneficiary‘ und als Geber aufzutreten." Motka, der schon als Nothelfer in Haiti im Einsatz war, will sein Wissen weitergeben. Sein Team übernimmt die Verteilungslisten auch für andere Organisationen, weil es die Informationen über ein Jahr lang gesammelt hat und sich die Welthungerhilfemitarbeiter in den Camps am besten auskennen: "Wir werden auch dabei sein, wenn alles verteilt wird – damit die Menschen wissen, das ist ein Teil eines Programms und nicht nur eine einmalige Möglichkeit, etwas zu bekommen."

Socken, Schuhe und Pullis

Am Sonntag wurde eine große Ladung Kleider an 800 Kinder verteilt. Eigentlich waren Plastikfolien für Dächer geplant: "Wir haben so viele Kinder gesehen, die unter der Kälte litten. Sie waren zu dünn angezogen. Statt für Planen, haben wir uns dann für warme Kleidung entschieden." Verteilt werden sollten die Kleider von älteren Kindern. Sie erklären den jüngeren, worauf sie bei Eis und Schnee achten müssen, um nicht zu erfrieren. Die Hilfe muss jetzt schnell gehen, denn die Menschen in Kabuls Camps frieren schon viel zu lange - und der Winter hält noch an.

Von Ruben Frangenberg, freier Mitarbeiter der Welthungerhilfe.

Euro

Letzte Änderung an dieser Seite: 06.02.2012
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