Helfen in Afghanistan: "Es gibt keine Garantien!"

Über den Dächern von Kabul, Afghanistan. © Meissner
Die Meldungen über Entführungen in Afghanistan reißen nicht ab. Wer am Hindukusch unterwegs ist - ob als Soldat, Journalist, Geschäftspartner, Entwicklungshelfer - muss sich der Risiken bewusst sein, in die Gewalt krimineller Banden, Drogenhändlern oder militanten Religiösen zu geraten. So musste im März auch die Welthungerhilfe den Verlust eines Mitarbeiters verkraften. Gemeinsam mit lokalen Mitarbeitern war der 65-jährige Bauingenieur Dieter Rübling mit lokalen Mitarbeitern in der Region Sar-i-Pul im Norden des Landes unterwegs, als die tödlichen Schüsse fielen.
Zur aktuellen Situation in Afghanistan und der Arbeit der Welthungerhilfe äußert sich Theo Riedke, Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Afghanistan.

Theo Riedke. © DWHHThema: Arbeit der Welthungerhilfe in Afghanistan nach dem Attentat
"Seit dem Attentat auf unseren Mitarbeiter im März haben wir uns entschlossen, die Arbeit in der betreffenden Gegend einzustellen. Unseren Auftrag führt nun eine holländische Nicht-Regierungsorganisation zu Ende. Außerdem beginnen wir keine neuen Projekte. Die Laufenden prüfen wir auf ihr Konfliktpotenzial. Das bedeutet, dass wir uns sehr genau anschauen, mit wem wir zusammenarbeiten und dass wir dabei niemanden auf die Füße treten. Besprechungen mit den Projektbeteiligten finden möglichst nicht mehr in den Dörfern statt, sondern in den Büros in den vergleichsweise sicheren Orten. Bei Fahrten übers Land, die nicht immer zu vermeiden sind, fahren wir nur mit zwei unauffälligen Fahrzeugen und nicht im Konvoi, um keine Aufmerksamkeit zu errechen. Wir stehen dabei permanent im Funkkontakt."

Frauen in Burkas
gekleidet. © Kropke
Thema: Taliban
"Die Taliban sind kein fest organisiertes, von Pakistan ferngesteuertes Kommando erfahrener Kämpfer. Es sind sicher noch einzelne Gruppierungen aus den alten Taliban-Verbänden von vor 2001 übrig. Es gibt aber auch sehr viele traditionell verhaftete Gruppen, die einfach frustriert sind. Daneben existieren Gruppen von Taliban verschiedener Ordnung, die aber nicht immer religiöse Kämpfer sein müssen. Und natürlich haben wir auch noch die Fraktionen des alten Bürgerkriegs, die Warlords.
Viele Menschen, darunter unsere afghanischen Mitarbeiter, sind einfach besorgt, dass ihr Land wieder ins Chaos zurückfällt. Andererseits haben sie auch Verständnis für die um sich greifende Frustration. Gerade im Süden gibt es immer wieder zivile Opfer durch internationale Militäraktionen. Nicht wenige meinen, dass das Militär vorsichtiger und angemessener vorgehen muss. So werden beispielsweise Häuser gestürmt oder ganze Dörfer aus der Luft angegriffen, ohne dass sich die internationale Truppen vorher davon überzeugt haben, ob dort nicht auch Zivilisten sind. Der Frust richtet sich aber ebenso gegen die oppositionellen Kämpfer, die sich manchmal hinter Zivilisten verstecken.

Militär in Kabul.
© GutschkerThema: Bundeswehreinsatz
"Grundsätzlich begrüßen wir den internationalen Einsatz, um das Land zu stabilisieren. Wir als Hilfsorganisation lehnen militärische Begleitung und militärischen Schutz allerdings generell ab. So sollte man auf jeden Fall einige Mandate in Frage stellen. Zum Beispiel die Mitarbeit im Kontext der Operation Enduring Freedom, was in erster Linie das mit den Amerikanern zusammen arbeitende Kommando betrifft. Dieses Engagement wird von der Bevölkerung schon beobachtet. Und insgesamt müsste man die einzelnen Militäreinsätze sehr genau anschauen, Zeitraum und Ziel viel klarer festsetzen. Ein sofortiger Abzug aller internationalen Militärs hätte aber ein absolutes Chaos und das Zurückfallen in den Bürgerkrieg zur Folge.
Wir sind seit Anfang der 80er Jahre in Afghanistan und haben festgestellt, dass der Status als neutrale Hilfsorganisation eine wichtige Schutzfunktion für unsere Arbeit hat. Wenn man Teil einer als feindlich empfundenen Strategie wahrgenommen wird, gerät man auch als Hilfsorganisation ins Visier von bewaffneten Kämpfern. Deshalb wahren wir möglichst große Distanz zum Militär.
(Stand: Juli 2007)
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Die Welthungerhilfe ist seit 1980 in Afghanistan aktiv. Zu den Schwerpunkten zählen seit 2003 der Wiederaufbau der ländlichen und kommunalen Infrastruktur, die Ernährungssicherung, die Stärkung der Zivilgesellschaft sowie der Umwelt- und Erosionsschutz.
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