Menschliche Sicherheit: "Mit militärischen Mitteln erreicht man nur eine Scheinsicherheit."
Interview mit dem renommierten Politikwissenschaftler Elmar Altvater über das Konzept der "Menschlichen Sicherheit"

Elmar Altvater bei einer Vorlesung.
© wikipediaElmar Altvater ist emeritierter Professor der Freien Universität Berlin und eine Koriphäe in seinem Fachbereich. Seine Forschungsarbeit deckt ein breites Themenspektrum von Globalisierung bis hin zur Ökologie ab. Zum noch relativ jungen Thema "Menschliche Sicherheit" hat der Wissenschaftler in verschiedenen Publikationen Stellung bezogen. In Bonn sprach Altvater mit der Welthungerhilfe über den Zusammenhang von Ernährungssicherheit mit Umwelt-, politischer und sozioökonomischer Sicherheit und die Notwendigkeit, dafür öffentliche Güter bereitzustellen.
Welthungerhilfe: Herr Altvater, wie sind Sie zum Thema menschlicher Sicherheit gekommen? Was hat Sie daran interessiert?
Altvater: Ich bin durch die Beschäftigung mit dem Thema Globalisierung und die Berichte der UNDP auf das Konzept der menschlichen Sicherheit gestoßen. Durch bestimmte Tendenzen der Globalisierung wird nicht nur Wohlstand, sondern auch Unsicherheit produziert. So wurden zum Beispiel die Arbeitplatzsicherheit und die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung ausgehöhlt. Es musste überlegt werden, was man gegen diese Unsicherheit unternehmen kann.
Welthungerhilfe: Und was kann man dagegen unternehmen? Was würden Sie vorschlagen?
Für menschliche Sicherheit
ist Wasserversorgung
unverzichtbar. © OhlenbostelAltvater: Bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln hat Sicherheit verschiedene Aspekte: Es gibt eine quantitative Seite, die im Englischen mit Security beschrieben wird. Gibt es genug Nahrungsmittel für die Menschen und wie ist die Verteilung organisiert? Dagegen steht die Safety, die eine qualitative Seite impliziert. Sind die Nahrungsmittel so, dass sie der Gesundheit nicht schaden? Für die Security ist die Bereitstellung von öffentlichen Gütern notwendig. Zur Gewährleistung der Wasserversorgung braucht man Wasserleitungen und gute Straßen, für Nahrungsmittelsicherheit Anbauflächen und ein vernünftiges Verteilungssystem. Für die Herstellung von Safety muss man dem Vorsorgeprinzip folgen, das in der Umweltgesetzgebung auch international eine ganz prominente Rolle spielt. Es gibt Beispiele wo die Nichtvorsorge sehr teuer gekommen ist, wie im Fall des Hurrikans Katrina in New Orleans.
Welthungerhilfe: Würden Sie sagen, dass menschliche Sicherheit durch militärische Intervention hergestellt werden kann?
Sicherheit kann militärisch
allenfalls vorübergehend
hergestellt werden. © LohnesAltvater: Das Interventionskonzept wird nicht aufgehen. Man kann Sicherheit militärisch allenfalls vorübergehend herstellen. Zumeist erreicht man höchstens eine Scheinsicherheit. Denn nach dem Ende der militärischen Intervention müssen Strukturen vorhanden sein, die nicht wieder zum neuen Eingriff veranlassen.
Trotzdem gibt es heute eine Kehrtwendung in der Diskussion über Sicherheit. Denn der Sicherheit von staatlichen Systemen wird wieder eine sehr viel größere Rolle beigemessen als der menschlichen Sicherheit im Sinne von UNDP.
Welthungerhilfe: Was genau bedeutet es, wenn sie von Kosten und Nutzen der menschlichen Sicherheit sprechen, davon dass die Sicherheit der Einen nicht unbedingt die Sicherheit der Anderen bedeutet?
Altvater: Das ist ein methodisches Prinzip und zugleich eine Warnleuchte. Wenn wir über menschliche Sicherheit reden, dann hat das einen sehr freundlichen Klang, als wollen wir nur das Beste für alle. Aber es kann sein, dass die Politik, die dem Einen Sicherheit bringt, für den Anderen keinen Nutzen hat und eventuell sogar Kosten und Schaden verursacht und die Unsicherheit steigert. Wenn ich in einem Entwicklungsland eine Politik unterstütze, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen menschliche Sicherheit bringen soll, dann hat dies möglicherweise negative Auswirkungen auf andere Bevölkerungsgruppen.
Welthungerhilfe: Ich würde gern auf die von Ihnen genannte Ernährungssicherheit zurückkommen. Was sind die Ursachen für ihre Gefährdung?
Altvater: Eine Ursache ist die ungerechte Landverteilung und die zunehmende Produktion für Dieselkraftstoffe und Ethanol für Automobile anstelle der Produktion von Nahrungsmitteln für die Menschen. Die zweite Ursache sind die transnationalen Konzerne, die durch großflächigen Anbau den Verlust von Biodiversität mit verursachen. Außerdem erzeugt die Globalisierung der Märkte einen Druck auf die lokale und regionale Produktion. Sie wird unrentabel, wird eingeschränkt und trägt so zur Ernährungsunsicherheit bei. Für diese Fälle tragen die Welthandelsorganisation WTO, aber auch die Handelspolitik der EU Verantwortung.
Welthungerhilfe: Unterschiedliche Sicherheitsinteressen widersprechen sich also nicht nur, sondern greifen auch ineinander?
Altvater: Die verschiedenen Sicherheitsdimensionen sind interdependent. Es gibt keine Nahrungssicherheit ohne Umweltsicherheit. Wenn die Umwelt verschmutzt ist, können bestimmte Nahrungsmittel nicht mehr angebaut werden. Das gleiche gilt für politische und sozioökonomische Sicherheit. Ein politischer Ansatz wird benötigt, der auf die Vielfalt dieser Interdependenzen eine vernünftige und angemessene Antwort findet.
Das Interview führte Katharina Philipps, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in Bonn.
Menschliche Sicherheit
Der Begriff der menschlichen Sicherheit wurde erstmals prominent im „Bericht über die menschliche Entwicklung“ des UNDP von 1994 verwendet. Der Bericht steht auf Englisch zum kostenlosen Download auf der Webseite des UNDP zur Verfügung.
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Die Freiheit von Angst und Mangel - das Konzept der "Menschlichen Sicherheit"
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