"Liebe Leser, wissen Sie, wie Armut riecht?"

Von Andrea Kiewel

Andrea Kiewel beim Besuch von Basanti und ihrer Familie. © Breitschuh
Andrea Kiewel beim Besuch von Basanti und
ihrer Familie. © Breitschuh
Basanti ist 20 Jahre alt, hat eine dreijährige Tochter und einen fünf Monate alten Sohn. Sie lebt mit ihrer Familie auf einer Insel im Flussdelta des Ganges. Ihr Mann ist taubstumm. Die Familie besitzt nichts außer der Lehmhütte, in der sie wohnt. Wobei Hütte nicht ganz treffend ist. Es sind eher zwei Quadratmeter befestigter Lehmboden inmitten von Schlamm und Matsch. Das Dach der Hütte ist notdürftig abgedeckt mit Bambusblättern.

Ich hatte mich wirklich gut vorbereitet auf diese Reise nach Indien zusammen mit der Welthungerhilfe. Habe viel gelesen über das Land. Schon Hunderte Male die schrecklichen Bilder der Slums in Kalkutta im Fernsehen gesehen. Aber diese Armut, mit der ich auf meiner Reise konfrontiert wurde, übertraf meine schlimmsten Erwartungen und machte mich unendlich traurig.

 

Unglaublich und schockierend

Schon auf dem Weg in die Innenstadt wurde ich regelrecht überrollt von Armut, Elend, Dreck. Wenn an der ersten roten Ampel Mütter ihre Kinder durch das offene Autofenster stecken, um ein wenig Geld zu erbetteln, ist das ein sehr schockierendes Gefühl. Und wenn diese Kinder dann auch noch keine Arme haben, weil sie ihnen abgehackt wurden, erschlägt es einen. In den meisten Fällen griffen die eigenen Eltern zu dieser Tat. Aus Verzweiflung und in der Hoffnung, dadurch ein paar Rupien mehr zu ergattern.

 

Kein Strom, keine Schule, kein Spielzeug

Basanti, die junge Mutter, die so sehr auf Unterstützung durch die Welthungerhilfe angewiesen ist, hat kein Wort mit mir gesprochen. Sie saß in ihrer Hütte, erstarrt, traurig, müde, ohne jede Hoffnung. Es gibt keine Elektrizität, kein Wasser, keine Kanalisation, keine Schule.

Wenn ein Bewohner dieser Insel krank wird, ist er drei Tage unterwegs zum nächsten Arzt. Das einzige Spielzeug von Basantis kleiner Tochter ist eine Pipette aus Plastik, wie wir sie von Einweg-Augentropfen kennen. Können Sie sich das vorstellen?

 

Andrea Kiewel, mit der Welthungerhilfe in Indien. © Breitschuh
Andrea Kiewel. © Breitschuh

Leben in völliger Armut

Und wissen Sie, wie Armut riecht? Und wie es für die Frauen und Kinder und Männer ist, nur ein einziges Kleidungsstück zu besitzen? Und dass jeder Tag ihres Lebens genauso ist wie der vorherige? Und dass es überall auf der Welt Orte wie diese Inseln im Ganges gibt? Dass da Menschen leben, die nicht nur arm sind, sondern ohne unsere Hilfe auch verloren?

Milliarden Dollar haben die Banken in Amerika bekommen, um die Finanzkrise bewältigen zu können. 50 Euro würden Basanti genügen, damit sie und ihre Familie ein Jahr lang keinen Hunger leiden müssen. 50 Euro!

 


Andrea Kiewel mit Brigitte Schmitz (mitte) und Pia Vadera, ebenfalls von der Welthungerhilfe. © WHH
Andrea Kiewel mit Brigitte
Schmitz (mitte) und Pia
Vadera, ebenfalls von der
Welthungerhilfe. © WHH
Erinnerungen, die ewig bleiben

Brigitte Schmitz, die seit 30 Jahren für die Welthungerhilfe arbeitet und mein Team und mich in Indien mehrmals täglich aufgefangen hat, wenn wir in Anbetracht der Situation dort zerbrechen wollten, sagte uns: "Diese Menschen werdet ihr nie vergessen. Sie verändern euer Leben, ohne dass sie ein Wort sagen!"

Ich bin wieder in Deutschland. Kann mir die Zähne mit sauberem Wasser aus der Leitung putzen und gemeinsam mit meinem kleinen Sohn überlegen, ob wir in den Ferien die Großeltern besuchen oder doch lieber seinen großen Bruder. Aber all das fühlt sich so merkwürdig an, denn in Gedanken bin ich immer noch in Indien. Es gibt ein Sprichwort, das lautet: "Du kannst reisen, womit du willst. Deine Seele geht zu Fuß".

Meine ist noch nicht mal losgelaufen. Sie ist immer noch in dieser kleinen Hütte, bei Basanti, ihrer kleinen Tochter und der Plastikpipette...

Letzte Änderung an dieser Seite: 16.10.2008
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