Viele Pflichten, wenig Freizeit. Wie die Kinder im angolanischen Mangue in die Normalität zurückfinden

Von Karina Kunze
 

Kinder des Millenniumdorfe Mangue. © Wieneke
Kinder des Millenniumdorfes
Mangue. © Wieneke
Nach 27 Jahren Bürgerkrieg sind die Dorfbewohner im angolanischen Mangue wieder in ihr Dorf zurückgekehrt. Rund 57 Prozent der Bevölkerung ist unter 18 Jahren alt. Überall, wo wir mit unserem Jeep auftauchen, scharen sich die Kinder aller Altersklassen um uns. Sie sind scheu, aber auch neugierig, Erwachsene lassen sich zunächst kaum sehen. Die Kinder sind in schmutzige, zerrissene Kleider gehüllt, manche tragen sogar Schlafanzüge. Da sie keine Schlafanzüge kennen, ist das für sie normale Alltagskleidung. Schuhe hat kaum eines von ihnen.

 

Hunger, ohne zu verhungern

Die meisten Kinder im Dorf haben aufgeblähte Bäuche – Zeichen einseitiger Ernährung und Parasitenbefalls. Wirklich verhungern muss hier aber kein Mensch mehr. Die Dorfbewohner können von der Landwirtschaft, die sie betreiben, auch leben. Aber die Ernährung ist nicht so vielseitig, wie wir sie kennen. Diese einseitige und mangelhafte Ernährung beeinträchtigt das Wachstum der Kinder und führt – begleitet durch Parasitenbefall – zu den aufgeblähten sogenannten “Hungerbäuchen”.

 

Schulunterricht im Schichtbetrieb

In der Dorfschule. © Lyons
In der Dorfschule. © Lyons
Nur die ganz kleinen Kinder werden von den Eltern mit aufs Feld genommen. Die Größeren gehen in die Schule. In der Schule in Mangue, die vor zwei Jahren neu erbaut wurde. Täglich werden rund 300 Schüler von nur einem Lehrer unterrichtet – in Portugiesisch, Mathematik und Sachkunde.

Viele der Kinder haben einen Schulweg von ein bis zwei Stunden. Die Schüler sitzen dicht gedrängt auf Holzbänken, Tische gibt es keine. Sie haben ihre Schreibblöcke auf dem Schoß und alle tragen weiße Kittel als Schuluniform. Weil das Schulgebäude nicht sehr groß ist, werden hier im Schichtbetrieb nur die ersten beiden Schuljahre unterrichtet: von 8 bis 11 Uhr die 1. Klasse und von 13 bis 17 Uhr die 2. Klasse. Eine Schule für die 3. und 4. Klasse wird derzeit mit Hilfe der Welthungerhilfe im Ortsteil Caboqueiro gebaut und soll Ende dieses Jahres fertig werden.

Nur wenige Kinder gehen länger als vier Jahre in die Schule, denn eine weiterführende Schule gibt es in der näheren Umgebung nicht. Die nächste befindet sich erst wieder im 42 Kilometer entfernten Amboiva. Obendrei gibt es gibt zu wenige Lehrer und die Schulbücher sind sehr teuer. Für drei Bücher (Portugiesisch, Mathe und Sachkunde) müssten die Familien umgerechnet rund 100 Dollar bezahlen, dazu kommen Kosten für Stifte und Papier. Das ist für die meisten zu viel Geld.

 


Blick in eine bessere Zukunft? © Lyons
Blick in eine bessere
Zukunft? © Lyons

Arbeitsalltag mit mehr Pflichten als Freuden

Die 14-jährige Dominga geht in die 2. Klasse. Allerdings wohnt sie nicht in Mangue, sondern in einem der Nachbardörfer. Ihr Tagesablauf ist fest geregelt: Um sechs Uhr steht sie auf, wäscht erst sich, dann das Geschirr vom Vortag und fegt die Hütte. Dann frühstückt sie gemeinsam mit ihren Brüdern (acht und zwölf Jahre). Es gibt Süßkartoffeln und Maisbrei.

Danach geht sie los zur Schule, ihr Schulweg dauert mehr als eine Stunde. Um 17 Uhr ist die Schule aus. Um 18 Uhr macht sich Domiga dann wieder auf den Heimweg, um sich sofort um das Abendessen zu kümmern. Erst am späteren Abend hat sie vielleicht noch Zeit zum Spielen. An den Wochenenden findet sie manchmal Zeit zum Ausruhen oder für Freundinnen. Aber erst, wenn sie sich um die Wäsche gekümmert hat. Noch hat Domiga keinerlei Vorstellungen von ihrer Zukunft, jedenfalls keine, über die sie öffentlich spricht.

 

Der 16-jährige Rocelino möchte einmal Tischler werden, wie sein Vater.  Rocelino geht wie Dominga in die 2. Klasse. Er wird bereits 18 sein, wenn er die Grundschule hinter sich hat. Viele Jungen in seinem Alter haben bereits eine eigene Familie. Die Jungen und Mädchen sind im Schnitt 15 Jahre alt, wenn sie heiraten. Auch Rocelinos Tagesablauf ist genau festgelegt. Um fünf Uhr steht er auf, auch er ist erst abends wieder zu Hause. Doch im Gegensatz zu Domiga ist er als Junge nicht so stark in die häusliche Arbeit eingebunden. Er kann nach dem Abendessen auch ab und zu noch Fußballspielen mit seinen Freunden.  

 

(Stand: Juni 2007)

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