Hunger durch Biokraftstoff: Biokraftstoffproduktion lässt Lebensmittelpreise steigen

Hunger durch Biokraftstoff: Biospritproduktion
lässt Lebensmittelpreise steigen. © DWHHDie drastisch steigende Produktion von Biokraftstoffen treibt weltweit die Nahrungsmittelpreise in die Höhe. Leidtragende sind vor allem die Armen in den Entwicklungsländern. Sie können sich oft kaum noch die wichtigsten Grundnahrungsmittel leisten und profitieren nicht vom boomenden Geschäft mit nachwachsenden Energieträgern in ihren Ländern.
Nach Angaben der UNO sind die Preise für Mais, Weizen und Reis allein zwischen September 2007 und März 2008 um durchschnittlich 50 Prozent gestiegen. Neben der erhöhten Nachfrage aus Indien und China wird dafür vor allem die zunehmende Produktion von Biosprit verantwortlich gemacht. Die UNO geht von einer einfachen Faustregel aus: Für eine einzige Tankfüllung von 100 Litern Biotreibstoff wird etwa die Getreidemenge gebraucht, die einen Menschen ein Jahr lang ernähren könnte.
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen befürchtet Engpässe bei der Versorgung von Hungernden in Krisengebieten. Wegen der erwarteten Mehrkosten im Jahr 2008 von rund 500 Millionen US-Dollar müssten entweder die täglichen Rationen gekürzt oder der Kreis der Hilfeempfänger eingeschränkt werden.
Der größte Teil des Biosprits wird in den Industrieländern verbraucht. Sie decken ihren Bedarf aber zunehmend aus Rohstoffen, die in Entwicklungsländern wachsen. Ob Zuckerrohr und Soja aus Brasilien, Yucca aus Kolumbien, Palmöl aus Indonesien und Thailand oder sogar aus Äthiopien – der Energiehunger der Industriestaaten steht in direkter Konkurrenz zur Lebensmittelversorgung in ärmeren Ländern. Schon heute gibt es in den Industrieländern Verarbeitungskapazitäten, die ein Vielfaches der derzeit verfügbaren Energiepflanzen verarbeiten könnten – der Nachfragedruck ist enorm. Mittlerweile mussten die ersten Anlagen mangels Rohstoffnachschub schon wieder stillgelegt werden.
Wollte Deutschland den derzeit vorgeschriebenen Anteil Biosprit in Benzin und Diesel aus eigenen Ressourcen decken, müsste etwa doppelt soviel Ackerfläche mit Energiepflanzen bebaut werden wie in Deutschland überhaupt vorhanden ist. Mit der von der Bundesregierung jüngst zurückgezogenen Erhöhung der Bioquote wäre dieser Flächenbedarf ab 2009 noch einmal drastisch gestiegen.
Auch ökologisch wird der Einsatz von Biokraftstoffen zunehmend kritisch bewertet. Brandrodungen in Indonesien oder Brasilien zugunsten neuer Ölpalmen- oder Sojaplantagen verursachen heute schon einige hundert Mal so viel Kohlendioxid wie der später daraus gewonnene Biosprit einsparen hilft. Für Raps und Mais hat das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz darauf hingewiesen, dass allein der notwendige Dünger die Atmosphäre mit gewaltigen Mengen Lachgas belastet. Demnach sind Bioäthanol aus Mais oder Biodiesel aus Raps etwa 1,5 Mal klimaschädlicher als "normaler" Treibstoff.
(Autor: Karl-Albrecht Immel)
