Biokraftstoff - Zauberwort der Zukunft?

Biokraftstoff, gewonnen aus der Produkton von Ölsaaten.
© Aberle
Biokraftstoffen wie Biodiesel, Pflanzenöl, Ethanol, Biomethan oder die synthetischen Biomass-to-Liquid (BtL)-Kraftstoffe stehen möglichweise eine große Zukunft bevor. Neben der Schonung fossiler Ressourcen spielt der ökologische Aspekt hier eine wichtige Rolle: Biotreibstoffe können einen erheblichen Beitrag dazu leisten, dass die vorgegebenen Ziele der CO2-Einsparung erreicht werden können. So sieht der Aktionsplan der EU vor, den Biokraftstoff-Anteil am Kraftstoffverbrauch in Höhe von 10 Prozent bis 2020 zu erhöhen.
Über die Vor- Nachteile von Biokraftstoffen im besonderen Hinblick auf deren Produktion in Entwicklungsländern berichtet Welthungerhilfe-Experte Dr. Rafaël Schneider.
Welthungerhilfe: Bis 2020 soll der Anteil an Biokraftstoffen auf zehn Prozent erhöht werden. Das hat sich die EU als Beitrag zur Reduzierung der Klimaerwärmung zum Ziel gesetzt. Setzt die Gemeinschaft auf das richtige Pferd?

Dr. Rafaël Schneider.
© DWHHSchneider: Im Prinzip ja, denn nachwachsende Rohstoffe gehören durch ihre Erneuerbarkeit zu den Energieträgern der Zukunft. Da im Idealfall bei der Verbrennung von Biokraftstoffen nur soviel Kohlendioxid freigegeben wird, wie zuvor von den Pflanzen aufgenommen wurde, stellt die Gleichung eine klimagünstige Ökobilanz dar. Allerdings wird die steigende Nachfrage nach Biokraftstoffen aus gutem Grund sehr kontrovers diskutiert.
Welthungerhilfe: Wo liegen die Probleme?
Schneider: In der EU steht nicht genügend landwirtschaftliche Fläche zur Verfügung, um den steigenden Bedarf an Kraftstoffpflanzen zu decken. Die stark wachsende Nachfrage führt schon seit längerem zu einer massiven Ausweitung der Anbauflächen in den Entwicklungsländern. Als Folge davon werden ökologisch wertvolle Naturräume wir Ur-, Moor- und Mangrovenwälder zerstört. Dadurch ist nicht nur die Artenvielfalt gefährdet, sondern auch der Lebensraum naturnah lebender Völker. Zudem stellen diese Räume wichtige Kohlendioxid-Speicher dar, deren Vernichtung kaum tragbar ist.
Welthungerhilfe: Die Anbauflächen in den armen Ländern werden also ausgeweitet, allerdings nicht für die Produktion von Nahrungsmitteln, sondern zur Energiegewinnung für die Industriestaaten. Entsteht da nicht ein Interessenskonflikt?
Schneider: Ganz genau, und das ist auch ein weiteres wichtiges Problem. Dieser Konkurrenzkampf zwischen Nahrungsmittel – und Kraftstoffpflanzenanbau sowie zwischen Siedlungs- und Anbauflächen geht bereits heute zu Lasten der Kleinbauern und damit der Armen: Explodierende Preise für Grundnahrungsmittel, Landverlust, gewalttätige Konflikte, Menschenrechtsverletzungen und damit Verstärkung von Hunger und Armut sind die Folgen für die Bevölkerung im ländlichen Raum. Hinzu kommt, dass die kleinbäuerliche Landwirtschaft nur schwer in die industrielle Produktion von Kraftstoffpflanzen einzubinden ist. Um die Produktionskosten niedrig zu halten, erfolgt der Anbau hauptsächlich in Monokultur unter Einsatz von Pestiziden und Mineraldünger, was dann natürlich wieder die Ökobilanz belastet.
Welthungerhilfe: Ist somit Ihrer Ansicht nach die Investition in Biokraftstoffe zur Rettung des Klimas von vornherein ein zum Scheitern verurteilter Versuch?
Schneider: Das kommt darauf an, wie die Umsetzung erfolgen wird. Biokraftstoffe stellen nur dann eine umweltverträgliche und entwicklungsrelevante Alternative zu fossilen Energieträgern dar, wenn sie ökologisch, ökonomisch nachhaltig sowie sozialverträglich gewonnen werden.
DWHH: Wie kann das garantiert werden?
Welthungerhilfe: Es müssen Standards für den noch vergleichsweise jungen Produktionszweig entwickelt werden, die sich an den Hauptkriterien Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit orientieren. Dabei sollten mindestens fünf Prioritäten gesetzt werden. Erstens: Verantwortungsbewusstsein seitens der Politik. Die Gewinnung von Biomasse darf an keinem Ort und zu keinem Zeitpunkt unseren Lebensraum gefährden. Zweitens: Ökologischer Anbau. Anstelle von großen Monokulturen muss die kleinbäuerliche Landwirtschaft konsequent in die Biomassengewinnung einbezogen werden. Drittens: Keine Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion. Eine besondere Sorgfaltspflicht gilt in den Ländern, die bis heute von Hunger und starker Ernährungsunsicherheit betroffen sind. Viertens: In den Entwicklungsländern darf nicht nur der Biomassenanbau stattfinden. Armen Ländern muss auch der Zugang zu Biokraftstoffen als moderner Energieträger durch nachhaltige Eigenproduktion ermöglicht werden. Und fünftens: Der "wahre" Preis muss bezahlt werden. Nachhaltig und sozialverträglich gewonnene Energie ist keine preisgünstige Alternative zu fossilen Kraftstoffen – logischerweise. Es wird Zeit, dass die Industrienationen den wahren Wert für Energie anerkennen und auch darin investieren.
Welthungerhilfe: Wie lautet Ihr Fazit?
Schneider: Der Anbau von Biokraftstoffen stellt eine große Chance für Umwelt und Entwicklung dar – vorausgesetzt, er findet nachhaltig und sozialverträglich statt. Doch trotz großer Hoffnung in diese noch junge Art der Energiegewinnung darf nicht vergessen werden: Regenerative Energien sind keine Alternative zum Einsparen von Energie!
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