Abschied von Pakistan: Verschnaufpause vor dem Wiederaufbau

Obwohl diese Flut eine Katastrophe wahnsinnigen Ausmaßes ist, sind es nicht nur die Bilder der Zerstörung, die bei mir hängengeblieben sind. Ich vermisse die Leute, mit denen ich dort gearbeitet habe.
Obwohl diese Flut eine Katastrophe wahnsinnigen Ausmaßes ist, sind es nicht nur die Bilder der Zerstörung, die bei mir hängengeblieben sind. Ich vermisse die Leute, mit denen ich dort gearbeitet habe.

Jetzt ist plötzlich alles anders – das Wasser ist weg und der Stress auch. Vor einer Woche bin ich aus Pakistan zurückgekehrt. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Welthungerhilfe-Zentrale in Bonn bin ich jetzt wieder in Simbabwe, wo ich mit meiner Familie lebe. Heute Nacht habe ich das erste Mal seit drei Monaten wieder in meinem eigenen Bett geschlafen. Im Juli war ich bereits in Kirgistan im Einsatz, wo wir Nothilfe für die von den ethnischen Auseinandersetzungen Betroffenen leisteten und kurz darauf einen Monat in Pakistan. Nach dieser anstrengenden Zeit hat es einfach gut getan, endlich mal wieder auszuschlafen.

Nach dem Aufstehen habe ich an Pakistan gedacht. Obwohl diese Flut eine Katastrophe wahnsinnigen Ausmaßes ist, sind es nicht nur die Bilder der Zerstörung, die bei mir hängengeblieben sind. Ich vermisse die Leute, mit denen ich dort gearbeitet habe. In den Wochen, die ich im Land verbracht habe, habe ich ein enges Verhältnis zu Vielen aufgebaut. Besonders zu Amir Jan: Er arbeitet für unseren Alliance2015-Partner Cesvi und lebt in Pakistan. In den ersten Tagen nach der Flut waren wir gemeinsam im Katastrophengebiet und haben Bedarfslisten darüber erstellt, welche Hilfsgüter am schnellsten wohin müssen. Die nötigen Nahrungsmittel und Hygieneartikel haben wir dann auch zusammen verteilt.

Doch es war nicht nur die Arbeit mit Amir, die mir Spaß gemacht hat. Wir hatten intensive Gespräche über Politik, Religion und Kultur in Pakistan. Er ist ein kluger Mann, der mit mir ganz offen über sein Land gesprochen hat. Ich glaube nicht, dass Amir ein Einzelfall ist, ich sehe ihn als Stellvertreter für viele Menschen in Pakistan: Sie sind bereit, auf andere Kulturen einzugehen und sich gleichzeitig kritisch mit ihrer eigenen auseinanderzusetzen – so ganz anders als sich das mancher in Europa vorstellt.

Auch in meiner letzten Woche in Pakistan war ich mit Amir unterwegs – wir haben ein Büro für die Welthungerhilfe gesucht. Amir war mit seinen Orts- und Sprachkenntnissen natürlich der perfekte Begleiter für die Büro-Suche: Gleich die ersten Räume, die er mir in der Stadt Multan im Distrikt Punjab gezeigt hat, habe ich für die Welthungerhilfe angemietet. Hier ziehen jetzt meine Kollegen ein. Sie werden in den nächsten Jahren in Multan bleiben und beim Wiederaufbau, der wohl noch lange dauern wird, helfen. Es sind alles sehr erfahrene Mitarbeiter, die nun die vom Nothilfeteam angestoßenen Projekte langfristig durchführen werden. Eine wirklich große Herausforderung in Anbetracht der Zahl der Bedürftigen.

Es ist noch so Vieles, was die Leute benötigen. Während ich in Pakistan war, haben wir gemeinsam mit unseren Partnern Cesvi und Concern bereits 150.000 Menschen unterstützt. In den nächsten Wochen wollen meine Kollegen weitere 150.000 erreichen. Die Flutopfer werden Erbsen, Öl und Mehl, sowie Haushaltssets und Zeltplanen erhalten. Trotz der großen Anzahl Menschen, die wir versorgen, ist unsere Hilfe ein Tropfen auf den heißen Stein.

21 Millionen Menschen sind von der Katastrophe betroffen, davon sind über sechs Millionen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Zu Vielen sind die Hilfsorganisationen noch gar nicht durchgedrungen. Das Wasser fließt jetzt langsam wieder ab, hat aber zuvor vielerorts die Infrastruktur zerstört – Brücken und Straßen wurden einfach weggespült. Doch wenn es keine Straßen und Brücken gibt, ist es kaum möglich, schnell zu den Betroffenen zu kommen.

Immerhin wird die Welthungerhilfe länger in Pakistan bleiben und beim Wiederaufbau mitanpacken. Das gibt mir Hoffnung, dass wir mit der Zeit auch in die entlegenen Gebiete vordringen und den Menschen dort helfen können. Auch ich werde im Oktober nochmals nach Pakistan zurückkehren und mich mit meinen Kollegen dafür einsetzen, dass wir unsere Hilfe ausweiten können.

Ich hoffe, ich kann Ihnen dann im Oktober von weiteren Fortschritten berichten.

Herzliche Grüße aus Simbabwe

Ihr Jürgen Mika

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3 Kommentare

  • Patrick sagt:

    Lieber Jürgen,
    ich verfolge Deinen Blog mit großem Interesse und freue mich zu sehen, dass es Dir gut geht. Der Blog und auch die Videoaufnahmen sind ein klasse Weg mir und den tausenden anderen Spendern die Angst vor Missbrauch Ihrer Spende zu nehmen und zu zeigen wie, wo und von wem Ihr Geld verwaltet und verwendet wird – gut so! Tolle Arbeit die Du/Ihr da leistet!!!! Würde mich freuen von Dir zu hören!
    Allerbeste Grüße aus der Heimat und viel Kraft zum weitermachen!
    Patrick

  • Dr. med. Gabriele Philipp sagt:

    Warum sterben jährlich noch immer Millionen Kinder an den Folgen von Unterernährung?
    Als Ärztin bin ich für die Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ in den Slums von Bangladesh tätig. Ich habe in den letzten zwei Jahren die katastrophale Teuerung von Reis miterlebt und habe gesehen, wie Familien, die bislang von ihrem Tagesverdienst von einem Dollar sich ausreichend mit Reis versorgen konnten, jetzt hungern. Die Löhne in den Textilfabriken und für die Rikschafahrer sind die gleichen geblieben, aber der Reis hat sich auf das Doppelte verteuert und nun muss oft die Ehefrau mitarbeiten und lässt ihre kleinen Kinder zuhause, die in wenigen Monaten dadurch unterernährt sind und schon beim kleinsten Infekt der Atemwege oder des Magen-Darm-Trakts sterben.
    Die Ursache für die Verteuerung des Reises um 100% in den letzten zwei Jahren liegt an den Rohstoffbörsen in Chicago. Finanzinvestoren haben den Lebensmittelmarkt gekapert und treiben die Preise in die Höhe. Dass am anderen Ende der Welt Versorgungsengpässe und Hungertote die Folge sind, ist auf ihren Kurszetteln nicht vermerkt.
    Es ist ein Riesen Geschäft für Spekulanten und eine Katastrophe für die Ärmsten. Anleger wählen nun ein Schlüsselprodukt, das fatalerweise anderen Menschen den Hungertod bringt.
    Vor allem beim Reis hat dies dramatische Konsequenzen. Reis ist das Grundnahrungsmittel für die Hälfte der Weltbevölkerung. Steigende Preise führen direkt in den Hungertod.
    Ich bitte Sie daher, dass Sie mit folgender Forderung an die Öffentlichkeit treten:
    Spekulationen mit Lebensmitteln sind ethisch und moralisch unerträglich.
    Alle Börsengeschäfte mit Grundnahrungsmitteln sollen sofort weltweit geächtet und verboten werden!
    Ich bitte Sie dringend, sich für diese Angelegenheit einzusetzen und einen Artikel darüber zu verfassen, da die Problematik kaum bekannt ist.
    Dem Artikel sollte eine Mailadresse beigefügt sein von Verantwortlichen, an die man seinen Protest schicken kann.
    Gaby Philipp

    • Antje Paulsen sagt:

      Sehr geehrte Frau Dr. Philipp,
      vielen Dank für Ihre Einschätzung zur Auswirkung der Spekulation mit Nahrungsmitteln auf die Ernährungslage der Menschen in Bangladesh. Die Welthungerhilfe und ihre Partner sind zwar selbst nicht in Bangladesh tätig, aber Ihre Beobachtung von vor Ort entsprechen unseren Beobachtungen in anderen Entwicklungsländern. Unseren bisherigen Erfahrungen nach sind es vor allem die städtischen Armen in Entwicklungsländern, die unter den Preisspitzen für Grundnahrungsmittel in den letzten Jahren gelitten haben. Aber auch die ländliche Bevölkerung – die meisten sind Klein- und Subsistenzbauern – sind Zukäufer von Grundnahrungsmitteln. Allerdings gehen Menschen in Dörfern nicht medienwirksam auf die Straße, um gegen überhöhte Nahrungsmittelpreise zu protestieren, wie wir es kürzlich in einer Reihe von Hauptstädten in Entwicklungsländern gesehen haben.
      In Monrovia in Liberia haben wir unter anderen als Reaktion auf Nahrungsmittelpreisspitzen das Programm „Urbane Landwirtschaft“ gestartet, damit die Menschen dort unabhängiger von Nahrungsmittelimporten werden.
      Eine 100 prozentige Preissteigerung des Grundnahrungsmittels Reis ist katastrophal für die Ernährungslage der Menschen in Bangladesh und vielen anderen Entwicklungsländern. Auch aus Ihren Schilderungen geht hervor, dass mal wieder vor allem Kleinkinder in Hunger-Situationen wie diesen leiden. Der Hunger und die psychischen Qualen durch die Abwesenheit von Vertrauenspersonen, die nun arbeiten müssen, statt sich um ihre Kinder kümmern zu können, wird diese Kinder für ihr ganzes spätere Leben zeichnen. Studien zeigen auch, dass Familien durch den erhöhten, unverhältnismäßigen Anteil der Ausgaben für Lebensmittel am Gesamthaushaltseinkommen an wichtigen Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Familienplanung sparen.
      Es gibt viele Ursachen für Hunger und Armut, die oftmals, da strukturbedingt, nur sehr schwer zu überwinden sind. Nun kommt allem Anschein nach das exzessive und unverantwortliche Spekulieren auf Nahrungsmittel durch Finanzakteure hinzu und treibt arme Familien noch tiefer in Hunger und Elend. Dies hielten wir nicht nur für einen Skandal, sondern auch mit konzertierter Aktion für abwendbar. Noch ist die Welthungerhilfe dabei, Informationen zum genauen Anteil der Spekulation an Nahrungsmittelpreis-Anstiegen und Preis-Stürzen für eine Reihe von Grundnahrungsmittel sowie den Auswirkungen auf die Ernährungslage in verschiedenen Netto-Nahrungsmittelimport-Ländern und Regionen zusammenzutragen. Noch beraten wir uns zu den erforderlichen besten Lösungsstrategien für das Problem.
      Die Spekulation mit Nahrungsmitteln trägt zur Verletzung des Rechts auf Nahrung bei, wenn sie armen Menschen den Zugang zu angemessener Nahrung erschwert und verhindert. Dies werden wir bekämpfen!
      Antje Paulsen, Fachgruppe Politik und Außenbeziehungen der Welthungerhilfe

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