Als Nothelfer bei der Welthungerhilfe: Der Koffer ist immer gepackt

Zuhören und Bedürfnisse erfassen – das muss ein Nothelfer auch in Extremsituationen können. Jürgen Mika (r.), seit 2005 im Nothilfeteam der Welthungrhilfe, kann das wie hier nach der Flutkatastrophe in Pakistan. © Grossmann
Zuhören und Bedürfnisse erfassen – das muss ein Nothelfer auch in Extremsituationen können. Jürgen Mika (r.), seit 2005 im Nothilfeteam der Welthungrhilfe, kann das wie hier nach der Flutkatastrophe in Pakistan. © Grossmann

Ein Interview mit Jürgen Mika.
Jürgen Mika (41) gehört seit über fünf Jahren zum Nothilfeteam der Welthungerhilfe. Von seiner Wahlheimat in Simbabwe aus fliegt er in Katastrophengebiete, um als Ersthelfer den Einsatz der Welthungerhilfe zu koordinieren. Im Gespräch erzählt er, wie diese Einsätze aussehen.

Warum sind Sie Nothelfer?

Ich bin von der Nothilfe überzeugt. Denn die reine Nothilfe und natürlich auch der Wiederaufbau finden statt, wenn Hilfe von außen tatsächlich nötig ist, wenn Menschen sich nicht mehr alleine helfen können. Ich packe gern direkt mit an und schreibe nicht so gern Konzepte am Schreibtisch.

Eine Katastrophe tritt ein. Wann wissen Sie, dass Sie als Nothelfer in das Katastrophengebiet ausreisen müssen?

Zunächst findet sehr schnell eine  Lagebesprechung in Bonn statt. Daran nehmen wichtige Vertreter aus der Zentrale der Welthungerhilfe teil: die zuständige Regionalgruppe, die Presseabteilung, die Spendenabteilung und natürlich der Programmvorstand. Die müssen dann entscheiden, ob ein Nothilfeeinsatz nötig ist, und ob sich die Welthungerhilfe daran beteiligt. Ist die Entscheidung gefallen, kriegen wir, die Mitglieder des Nothilfeteams, eine Nachricht. Dann geht es auch schon los. In der Regel sind wir innerhalb von 48 Stunden vor Ort.

Können Sie sich in der kurzen Zeit auf den Einsatz vorbereiten?

Ich schaue bereits die Nachrichten anders als andere Menschen. Wenn es einen Tsunami oder ein Erdbeben gibt, denke ich immer: Das könnte der nächste Einsatz für mich sein. Wenn ich weiß, dass es losgeht, bereite ich mich nicht groß vor. Oft lese ich noch schnell etwas über die Gepflogenheiten vor Ort und nutze die Informationen, die mir die Regionalgruppe zukommen lässt.
Packen muss ich aber nie viel: Mein Koffer ist immer bereit. Da kommen noch die entsprechenden Klamotten rein – je nachdem wo es hingeht – fertig.

War es auch bei  der Flutkatastrophe Pakistan so?

Nein, da war es etwas anders. Ich war zufällig in Deutschland, weil ich Urlaub machen wollte. Mein Einsatz in Kirgistan war gerade vorbei. Es hat ein paar Tage gedauert bis wir loslegen konnten. Ich hatte mich aber schon  darauf eingestellt, auszureisen, und vorsichtshalber ein Visum beantragt. Ich bin dann eine Woche später zur Unterstützung unseres Alliance2015-Partner CESVI nach Pakistan gereist.

Wie muss man sich das vorstellen, als einer der ersten in einem Katastrophengebiet anzukommen?

Katastrophen haben zunächst einmal eines gemeinsam: das anfängliche Chaos. Doch auch wenn ich als Ersthelfer einreise, bin ich selten alleine. Denn wir leisten in der Regel nur dort Nothilfe, wo wir bereits Projekte und einen lokalen Partner haben. So sind schon Strukturen da, die wir nutzen: ein Büro, Transportmöglichkeiten oder logistische Unterstützung.

Gibt es eine feste Vorgehensweise, wie Ihre ersten Schritte im Einsatzland aussehen?

Ja, schon. Das erste, um das ich mich kümmere, ist eine Unterkunft. Oft wird ein Hotel gleichzeitig mein Büro und meine Schlafstätte. Dann nehme ich Kontakt zu den Vereinten Nationen auf, die die Hilfe vor Ort koordiniert. Das geschieht nach unterschiedlichen Themen: Wasser und Sanitär, Obdach, Nahrungssicherheit, und andere. Dort erkundige ich mich auch darüber, wer wo was macht und wo Hilfsbedarf besteht. So stimmen wir unsere Hilfe mit den anderen Hilfsorganisationen ab.

Müssen Sie manchmal auch improvisieren?

Ja, das kommt durchaus vor. Zum Beispiel als ich nach Erdrutschen am Vulkan Mayon im Jahr 2007 auf den Philippinen war. Ich hatte die finanziellen Mittel für die Ersthilfe erhalten, doch eine Beschaffung der benötigten Hilfsgüter im weit entfernten Manila wäre zu zeitaufwendig gewesen. Also haben wir so viele Hilfsgüter wie möglich direkt in dem Gebiet aufgekauft: Decke, Töpfe und Seife. Am Ende stand ich mit recht vielen Einkaufswägen an der Kasse eines lokalen Warenmarktes. Das war schon ungewöhnlich.

Ein anderes Mal wollten wir zu philippinischen Dörfern fahren, die nur auf dem Seeweg zu erreichen waren. Im Hafen standen unsere mit Hilfsgütern beladenen LKW, doch  das georderte Boot kam nicht. Da haben wir spontan ein paar Fischer angeheuert, die uns auf die andere Seite brachten.

Stichwort Katastrophenvorsorge: Hätten die Katastrophen, zu denen sie ausgereist sind, durch Vorsorgemaßnahmen verhindert werden können?

Das ist unterschiedlich. Die Japaner haben das Wort “Tsunami” erfunden. Doch trotz aller Tsunami-Warnsysteme und Wellenbrecher vor der Küste konnten sie die Katastrophe nicht verhindern.

Andere Katastrophen, wie die Erdrutsche auf den Philippinen, hätte man durchaus vermeiden können.  Hier treten immer wieder schwere Regenfälle auf. Das Wasser schwemmt den Boden auf den Hängen weg, der von den Palmplantagen nicht gehalten wird. Alle natürliche Vegetation ist längst gerodet. Aber ich verstehe die Menschen auch: Sie leben von Palmöl, Kokosnüssen und anderen Dingen, die von den Palmen kommen. Das ist ihre Lebensgrundlage. Und natürlich wollen sie dann so viel wie möglich davon anpflanzen. Ich habe Verständnis, dass die Menschen etwas verdienen wollen. Auf der anderen Seite sind dann ein Teil der Katastrophen hausgemacht.

Auch in Pakistan kommt es immer wieder zu Fluten – wenn auch selten in einem Ausmaß wie im vergangenen Sommer. Soviel ich weiß, haben vergangenes Jahr einige Großgrundbesitzer ihre Schleusen nicht geöffnet, um ihr Farmland zu schützen. Anstatt in die vorgesehenen Überschwemmungsgebiete ist das Wasser dann in die Dörfer gelaufen. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch so zu verheerenden Überschwemmungen gekommen wäre. Aber es ist genau dasselbe wie in Deutschland: Wenn der Rhein Hochwasser trägt und die Anrainer im Süden die Schleusen zu den natürlichen Überschwemmungsgebiete nicht öffnen, dann steht Köln unter Wasser.

Ist die Vorsorge vor künftigen Katastrophen bereits Teil der Maßnahmen in der Nothilfephase?

Nein, in der Nothilfephase geht es ums nackte Überleben. Da kümmert man sich nicht um solche Dinge. In der Wiederaufbauphase jedoch wird dann schon sehr viel Wert darauf gelegt, dass über Vorsorge nachgedacht wird. Wieder ein Beispiel aus Pakistan:  Die neuen Häuser, die von der Welthungerhilfe hier gebaut werden, sind besser geschützt vor zukünftigen Fluten als die alten. Sowohl was das Material angeht, als auch die Bauweise.


Wie wichtig ist es, dass die Menschen vor Ort die Vorsorgemaßnahmen mittragen?

Sehr wichtig. Ohne die Menschen vor Ort machen Vorsorgemaßnahmen keinen Sinn. Wir arbeiten deswegen immer eng mit der Bevölkerung und auch mit Regierungsvertretern zusammen.

Wie sieht Ihr Fazit nach über fünf Jahren Nothilfeerfahrung aus? Hat sich etwas geändert?

Rupert Neudeck, der Gründer von Cap Anamur, sagte einmal, die Nothilfe habe ihre Unschuld verloren. Es besteht für alle Hilfsorganisationen immer die Gefahr, dass ihre Arbeit in den Ländern aber auch in Europa Teil einer politischen Strategie wird. Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Entscheidungen, welche Projekte wo und wann gemacht werden, rein von der Politik entschieden werden und nicht mehr von humanitären Erwägungen getragen sind.

Nach großen Katastrophen tauchen auch manchmal sehr unerfahrene Organisationen auf. Leider wird dann auch immer wieder viel falsch gemacht. Die Welthungerhilfe dagegen  hat eine lange Tradition in der Nothilfe. Sie verfügt über  sehr erfahrene Mitarbeiter, die schon lange dabei sind und die auch eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen. Das darf man nicht unterschätzen, gerade auch im Umgang mit der lokalen Bevölkerung und Regierungsvertretern.

Vielen Dank!

Lesen Sie weiter: Während seines Nothilfeeinsatzes bloggte Jürgen Mika aus Pakistan.

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2 Kommentare

  • Martin Dietz sagt:

    Lieber Jürgen Mika,
    danke für das interessante und richtige Interview. Ich möchte nur bestätigen, daß schnelle Hilfe die wirksamste Hilfe ist. Das DWWH-Nothilfe-Team ist eine hervorragende Einrichtung. Ich war nach Ihrem Kollegen Ehrler der zweite in Indien nach dem Tsunami. Da konnte man auf erfahrene indische Partner zurückgreifen. Sehr erfolgreich waren wir in einem kriegsbedingten Katastropühengebiet im Ostkongo. Nach Ihrem Prinzip konnten wir schnell helfen anstatt schlaue Papiere zu schreiben. Saatgut und Hacken zur Selbsthilfe waren für alle einleuchtende logische Instrumente. Nach dem Motto: “von der Nothilfe zur nachhaltigen Entwicklung” kann mit der Motivation der Zielgruppe aus der Not heraus meistens mehr erreicht werden, als mit mühsamen Langfrist-Projekten, die leider oft auch nicht besser sind, als Tausende anderer Organisationen.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren Nothilfe-Kollegen weiterhin viel Erfolg.
    Martin Dietz, Wehrheim/Ts

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