Am Ende der Nacht – Neubeginn im Südsudan

Der Traum von einem eigenen Staat wird im Südsudan wahr. © Tsegaye
Der Traum von einem eigenen Staat wird im Südsudan wahr. © Tsegaye

Es war immer nachts. Kaum Lichter zu sehen „Links unter uns sehen Sie Khartum“, sagte der Pilot aus dem Cockpit, und jedes Mal kam in mir die Sehnsucht auf, einfach auszusteigen, hinunterzugleiten und anzukommen in der großen, unbekannten, im Dunkeln versunkenen Stadt, die tagsüber sicher ganz anders sein würde: laut und lebendig…

Ich war bis heute nicht in Khartum, der Hauptstadt des Sudan. Des bislang größten afrikanischen Staates. Des Staates auf der Weltkarte, in dem sich gerade eine kleine Revolution vollzieht– das Land wird kleiner und ist mitten in einem aufregenden, einem elektrisierenden Umbruch. Ein neuer Staat entsteht. Der Südsudan wird nach Jahren zweier brutaler Bürgerkriege, nach Friedensverhandlungen und immer wieder gebrochenen Waffenstillständen, nach einem überwältigend deutlichen Referendum im Januar, am 9. Juli offiziell für unabhängig vom Norden des Landes erklärt. Bisher gab es einzelne Kämpfe an den Grenzen, aber angesichts der blutigen Vergangenheit verlief die Entwicklung seit Abschluss des Friedensvertrags vor über fünf Jahren erstaunlich friedlich. Ein Ereignis, das Beachtung verdient auf einem Kontinent, der allzu oft mit Kriegen und Katastrophen die Schlagzeilen bestimmt. Wir werden Zeugen der Geburt einer neuen Nation. Zum zweiten Mal werden die kolonialen Grenzen in Afrika neu gezogen.

Auch der Südsudan hat eine solche Leidensgeschichte hinter sich. Mehr als zwanzig Jahre kämpften Regierung und Rebellen gegeneinander. Hintergrund waren eine willkürliche postkoloniale Grenzziehung im Jahr 1956 sowie der Kampf um politische Teilhabe und Ressourcen. Nach Schätzung der Vereinten Nationen forderte dieser Konflikt seit 1983 mehr als zwei Millionen Tote und vier Millionen Vertriebene.

Im Jahr 2005 schlossen die Regierung in Khartum und die größte Rebellenorganisation, die Sudan People’s Liberation Movement (SPLM), einen Friedensvertrag, die Basis für das Referendum vom Januar. Friedlich und geduldig standen die Südsudanesen an den Wahllokalen, um ihre Stimme abzugeben. Bei einer überwältigend hohen Wahlbeteiligung stimmten fast 99 Prozent für die Unabhängigkeit. Mich haben die Fernsehbilder von den Schlangen vor den Wahllokalen ein wenig an die euphorischen ersten freien Wahlen nach der Apartheid in Südafrika 1994 erinnert – unvergessliche Momente des Weltgeschehens.

Von unserem Kollegen Johan van der Kamp aus unserem Büro in Nairobi und unserer langjährigen sudanesischen Mitarbeiterin Bucay Deng hören wir, dass es eine große Aufbruchsstimmung im Land gibt. Und außerhalb des Landes gibt es eine große Bereitschaft, den Südsudan beim Aufbau zu unterstützen. Das ist auch notwendig: Die Aufgaben, die vor dem jungen Staat liegen, sind gewaltig. Das Land beginnt bei Null. Es gibt kaum Infrastruktur; Straßen, Wasser, Strom – alles fehlt und muss neu gebaut werden.

Eine weitere enorme Herausforderung ist die Rückkehr von Hunderttausenden Flüchtlinge. Viele von ihnen kommen zurück aus Karthum, aus dem Norden, wohin sie während des Bürgerkrieges geflohen waren. Dort haben sie in Camps gelebt, haben als Niedriglohnarbeiter gearbeitet, allerdings als Arbeiter am Rande einer pulsierenden Großstadt. Jetzt wollen und können sie nach Hause, aber das bedeutet auch, dass sie zurückkehren in eine Lebenswelt, die sie hinter sich gelassen hatten: Da wird es, wie Andrea Böhm in der ZEIT schreibt, um den Viehbestand gehen, um die Anzahl der Rinder, die man für die Verheiratung von Töchtern braucht. „Die Dageblieben und die Rückkehrer – das wird einen heftigen Kulturkampf geben.“ Und natürlich kann es auch zu einem neuen Krieg zwischen Nord und Süd kommen, auch weil die Fragen des künftigen Grenzverlaufs und der Verteilung der Einnahmen aus dem Ölexport noch nicht beantwortet sind. Dennoch überwiegt die Hoffnung.

Der Präsident des Südsudans hat zur Versöhnung aufgerufen. Wir von der Welthungerhilfe werden den Sudan bei seinem Weg in die Unabhängigkeit unterstützen. Wir konzentrieren uns dabei auf den Bundesstaat Northern Bhar el Ghazal im Westen des Südsudan. Dort kampieren tausende Flüchtlinge unter Bäumen oder suchen in provisorischen Hütten aus Lehm Unterschlupf. Ein großes Problem ist die Versorgung mit sauberem Wasser. Etwa tausend Familien müssen sich eine einzige Wasserstelle teilen.

Wir wollen dafür sorgen, dass sie Wasserkanister und Chlortabletten zur Desinfektion des Trinkwassers erhalten und noch vor der nahenden Regenzeit mit Zeltplanen ausgestattet werden. Dafür sammeln wir jetzt Spenden. Wir wissen: Prävention ist besser ist als die Bekämpfung der Katastrophe.

Die Herausforderungen sind riesig. Aber der Südsudan hat gute Voraussetzungen. Neben den reichen Ölvorkommen hat das Land großes landwirtschaftliches Potenzial.

Vor allem aber hat das Land Menschen, die noch träumen können – die wichtigste Voraussetzung dafür, die Dinge zum Besseren zu wenden. Wir haben den äthiopischen Fotografen Michael Tsegaye in den Südsudan eingeladen und er hat dort Momentaufnahmen von träumenden Männern, Frauen und Kindern gesammelt, frei nach der bewegenden Serie des ZEITmagazins.

Ein Bild hat es mir besonders angetan: Das Foto der 30 jährigen Amer Deng, Mutter von neun Kindern. Sie ging 1984 nach Uganda und kam 2008 zu Fuß mit ihren Rindern zurück. Sie verlor alles. Jetzt sitzt sie am Rande von Juba vor einem Wellblechverschlag, und sie träumt von einem Stückchen Land, um Gemüse anzubauen. Ihr größter Traum aber ist es, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Es sind solche Träume, die uns Menschen die Kraft geben, unser Leben und die Welt um uns herum zu verändern.

Ich selbst träume nun nicht mehr nur von Khartum, der Metropople, in der der weiße und der blaue Nil zusammenkommen, die ich eines Tages hoffentlich auch einmal bei Tage sehe. Nun träume ich auch von Juba, der Hauptstadt des jüngsten Staates der Welt.

Wenn Sie und wir und die Menschen im Südsudan gleichermaßen mithelfen, dann können wir zusammen dabei mitwirken, ein Stück afrikanische Erfolgsgeschichte zu schreiben.

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4 Kommentare

  • Spamhasser sagt:

    Guten Tag,

    Seit einer(!) kleinen Spende bekomme ich nun gefühlt 2-wöchentlich Werbebriefe.
    Ich möchte, das die Welthungerhilfe diese Werbebriefe unterlässt.
    Dieses Verhalten ist meiner Ansicht nach nicht mit dem effizienten Umgang mit Spendengeldern vereinbar.
    Ich dankbar für Tipps, wie ich effektiv die weitere Belieferung mit Werbung per Briefpost unterbinden kann.
    Ich werde Montag den Brief mit dem Vermerk „Annahme verweigert“ zurück gehen lassen.

    • Lieber Absender,
      es ist sehr verständlich, dass Sie sich bei solch einer gehäuften Werbeflut gestört fühlen. Die Welthungerhilfe schickt jedoch nicht zweiwöchentlich Werbebriefe aus.
      Ihre Kritik, dass der Versand von Werbebriefen nicht vereinbar mit dem effizienten Umgang von Spendengeldern sei, nehmen wir sehr ernst. Deshalb halten wir stets im Blick, wie hoch der Anteil unserer Kosten in Sachen Vewaltung, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit ist. Bislang liegt die Welthungerhilfe regelmäßig unter dem vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) empfohlenen Anteil von 10% aller Verwaltungsausgaben. Im Jahr 2009 lagen die Ausgaben für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit bei 5,4% und für Verwaltung bei 1,8%. Die Zahlen für 2010 werden Ende Mai vorliegen. Wir können aber schon absehen, dass wir wieder unter den empfohlenen 10% liegen werden. Unabhängige Prüfer bestätigen uns regelmäßig, dass wir seriös und effektiv mit den uns anvertrauten Geldern umgehen. Bitte lesen Sie dazu auch unseren Jahresbericht .
      Wir sind uns bewusst, dass Spendenwerbung Aufwand ist. Die Welthungerhilfe ist aber sehr bemüht, diesen Aufwand so gering wie möglich zu halten.
      Wenn Sie keine weiteren Werbe- oder Info-Briefe wünschen, machen wir uns gerne einen Vermerk in unserer Adressdatenbank. Dazu bräuchten wir dann Ihren Namen und die Post-Adresse, damit wir Sie auch finden können. Sie können dies gern per E-Mail an info@welthungerhilfe.de mitteilen.
      Wenn Sie weitere Informationen zur Verwendung der Spendengelder bei der Welthungerhilfe wünschen, darf ich Ihnen unsere Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen empfehlen: FAQ
      Mit freundlichen Grüßen

      Kerstin Bandsom
      Referentin, Informations- und Pressestelle

  • Spamhasser sagt:

    Warum bekam ich gestern erneut Post ? Warum werde ich trotz Rücksendung nun weiter belästigt ?
    In der Welthungerhilfe scheint es großen Verbesserungsbedarf zu geben.
    Tipp: Löschen Sie alle zurückgesendeten Werbebotschaften aus Ihrem Verteiler.

    • Kerstin Bandsom sagt:

      Sehr geehrter „Spamhasser“,
      auf Ihre Nachricht vom 16. April hatte ich Ihnen angeboten, Ihre Adresse in unserem System sofort zu löschen. Leider haben Sie uns Ihren Namen und die Zustelladresse noch nicht mitgeteilt. Post-Rücksendungen bedeuten nicht gleichzeitig, dass der Empfänger die Sendung nicht annehmen wollte. Oftmals bekommen wir nach einiger Zeit Adressänderungen mitgeteilt, z.B. wegen Umzugs. Wenn wir dann eine Adresse wegen Rücksendung bereits gelöscht hätten, müsste die Person mit allen Angaben komplett neu im System angelegt werden. Der Aufwand – und damit die Verwaltungskosten – ist zu groß. Deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns Ihren Namen und die Zustelladresse nennen würden. Wenn Sie eine Spender-Nummer haben, reicht auch die Übermittlung dieser Nummer, die mit den Buchstaben PSN beginnt, aus. Bitte senden Sie uns kurz eine Nachricht an info@welthungerhilfe.de.
      Vielen Dank!
      Mit freundlichen Grüßen

      Kerstin Bandsom
      Referentin Informations- und Pressestelle

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