Anbruch einer neuen Bioenergie-Ära… wie schön das wäre ohne diese vielen Haken!

Import von Biomasse aus Entwicklungsländern ist unter sozialen Aspekten und Umweltgesichtspunkten in den seltensten Fällen nachhaltig! © Bolesch
Import von Biomasse aus Entwicklungsländern ist unter sozialen Aspekten und Umweltgesichtspunkten in den seltensten Fällen nachhaltig! © Bolesch

Größer, schneller, protziger – das war gestern. Heute ist weniger mehr. Umweltbewusstsein ist hip. Der „Trend aus den 80ern“ kann sich wieder sehen lassen und erfährt schon seit geraumer Zeit ein Comeback (nicht zuletzt durch Al Gore). Wer sich zur neuen Sparsamkeit und Bescheidenheit im Namen der Umwelt bekennt, wird nicht mehr als wollpullitragender „Öko“ verhöhnt. Sondern er/sie gilt als zeitgemäß, verantwortungsbewusst, gar gebildet.

Der derzeitige Medienrummel um den „indischen Smart“, den Tata Nano des Autobauers Tata Motor aus Indien, unterstützt diese These. Das bislang günstigste und sparsame (allerdings nicht sparsamste!) Auto der Welt bringt die Automobilhersteller in den Industriestaaten ganz schön ins Schwitzen und drängt sie in die Rechtfertigungsecke.

Rechtfertigen? Wofür? Haben wir nicht das Zeitalter der Bioenergie und vor allem der Biokraftstoffe längst erreicht? Ist doch alles biologisch produzierbar. Vor allem in den armen Ländern. Warum dann ungewohnten Verzicht üben?

Deutsche Landwirte nehmen bislang stillgelegte Flächen unter den Pflug. Sie werden nebenher zu Energieproduzenten und freuen sich über höhere Preise. Ähnlich gut müsste es dann doch auch den Bauern in den Entwicklungsländern gehen. Weg mit hohen Exportsubventionen. Her mit den neuen Potenzialen. Endlich ein ernst zu nehmender Player auf dem Weltmarkt.

Doch es gibt Haken: Berechnungen beweisen, dass biologische Kraftstoffe trotz gestiegener Rohölpreise ohne erhebliche staatliche Förderung nicht wettbewerbsfähig sind. Die vermeintlich ausgeglichene Kohlendioxidbilanz erweist sich als Milchmädchenrechnung. Denn die Ausgangsprodukte benötigen, wie alle anderen Agrarprodukte aus Großplantagen, Dünge- und Pflanzenbehandlungsmittel. Außerdem verbraucht ihre Verarbeitung sowie ihr Transport Energie, und das nicht zu knapp. Ergo: Am Beispiel Biodiesel ergibt sich eine Ökobilanz von 1:2 – eine Einheit fossile Energie zu zwei Einheiten Bioenergie.

Ok, mit dieser Rechnung könnte man vielleicht leben. Oberflächlich betrachtet. Denn beim Blick auf die weiten landwirtschaftlichen Flächen der Entwicklungsländer wird sofort deutlich, dass von einem „Heimvorteil“ nicht die Rede sein: Der Anbau von Kraftstoffpflanzen wie Mais, Zuckerrohr, Ölpalmen oder Rizinus lohnt nur dann, wenn riesige Mengen produziert werden, damit günstige und somit weltmarktfähige Preise erzielt werden können. Kleinbauern, und das sind die meisten, sind folglich im Exportgeschäft nicht konkurrenzfähig.

Zudem sind Wettbewerbskonflikte zwischen Nahrungsmittel- und Kraftstoffpflanzenanbau sowie zwischen Siedlungs- und Anbauflächen bereits heute in einigen Ländern Realität, z.B. in Mexiko und Indonesien. Obendrein bieten Großplantagen keine Lösung zur Armutsbekämpfung, weil nur verhältnismäßig wenige Menschen dort in Lohn und Brot finden. Damit bleibt festzuhalten, dass der Import von Biomasse aus Entwicklungsländern unter sozialen Aspekten und Umweltgesichtspunkten in den seltensten Fällen nachhaltig ist.

Fazit: Natürlich bietet die Verarbeitung von Agrarrohstoffen zu Bioenergie Chancen – in begrenztem Maß. Doch besser wäre es, wir untersuchten vermehrt alternative Energiequellen, investierten in neue Technologien zur ökonomischen Verarbeitung agrarischer und forstlicher Abfallprodukte. Das hätte gleichfalls positive Einkommenseffekte zur Folge hätte.
Wichtig bleibt: Wir verstärkten unsere Anstrengungen zur Einsparung von Energie. Dies hätte eine deutlichere Reduzierung von Emissionen, Kraftstoffverbrauch und Abhängigkeiten zur Folge – und wäre mehr als ein schöner Traum.

Ihr Hans-Joachim Preuß

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1 Kommentar

  • Martin Dietz sagt:

    Lieber Herr Preuß,
    natürlich gibt es überall Haken: Kleinbauern in Westafrika sollen keine Bioenergie exportieren, sondern endlich vom weltweit gestiegenen Agrarpreisniveau (teurerer US-Mais in Lagos) profitieren und bei ihrer Nahrungsproduktion mehr als den berühmten Dollar pro Tag verdienen können. Die Entlastung der Überschußmärkte durch Energierohstoffproduktion findet in den entwickelten Agrawirtschaften – zugunsten der Drittweltbauern – statt.
    Klar hat Biodiesel aus Rapsöl eine ungünstige (aber immer noch positive) Ökobilanz. Bei Mais- und Ganzpflanzensilage in der Biogasanlage sieht das – wie Öko-Betriebswirtschaftler der TU München nachweisen – viel günstiger aus.
    Es gibt auch kleinbäuerliche Ölpalm- und Jatropha-Pflanzungen, die weit ökologischer als einjährige Ackerkulturen Pflanzenöl für lokale und regionale Kraftstoffmärkte liefern können.
    Einer der Haken bei der Sache ist auch die oft eng-vereinfachte Sicht: „Kleinbäuerlicher nachhaltiger Nahrungsfrüchteanbau vs.großbetriebliche Exportproduktion“. Die erweiterten Produktions- und Marktalternativen öffnen auch Wege in neue ökologische und sozioökonomische Vielfalt.
    Ihr Martin Dietz

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