Äthiopien: Wasserarm im Wasserreich

Die Bevölkerung trägt mit ihrer Arbeit erheblich zum Gelingen der Wasserprojekte in Äthiopien bei.
Die Bevölkerung trägt mit ihrer Arbeit erheblich zum Gelingen der Wasserprojekte in Äthiopien bei.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Äthiopien wird als der „Wasserturm“ Afrikas bezeichnet. Hauptgrund dafür ist, dass der Blaue Nil im Tana-See auf dem äthiopischen Hochland entspringt. Dieser schlängelt sich von Äthiopien durch den Sudan und Ägypten bis zum Mittelmeer. Der Fluss war mit seinen Wassermassen und seinem fruchtbaren Schlamm die Lebensader für die ägyptische Hochkultur in der Antike, und bis heute ist er die existenzielle Grundlage für die Wüstenstaaten Sudan und Ägypten. Und wie steht es um das Wasser in Äthiopien, das Land direkt an der Quelle?

Ernüchternd. Obwohl Äthiopien über immense Wasserressourcen verfügt, hat nur etwa ein Viertel der ländlichen Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser.  Das ist eine der niedrigsten Zugangsraten weltweit. Fast jeder siebte Todesfall und die Hälfte aller Krankheiten gehen auf verunreinigtes Trinkwasser zurück. Zwar konnte in den vergangenen zehn Jahren der Zugang zu sauberem Trinkwasser erheblich verbessert werden, die Wasserversorgung der 70 Millionen Äthiopier auf dem Land bleibt aber eine Herkulesaufgabe.

In der nördlichen Amhara Region arbeitet die Welthungerhilfe seit 2007 zusammen mit der lokalen Partnerorganisation ORDA an der Verbesserung der Wasserversorgung, sanitären Grundversorgung und Bewässerung. Finanziert wird das Projekt aus EU-Mitteln und Spendengeldern der Welthungerhilfe, die Bevölkerung steuert ihre Arbeitsleistung bei. Seit Beginn der Aktivitäten werden 280 000 Menschen mit Trinkwasser versorgt. 5000 Familien können mit dem bereitgestellten Bewässerungswasser ganzjährig Ackerbau betreiben. Das sichert nachhaltig die Ernährung und schafft Einkommen, selbst wenn die Regenfälle einmal ausbleiben. Und das geschieht im Osten des Bundeslandes Amhara häufig.

Eine der schlimmsten Dürren in der Region führte 1984/85 zu einer entsetzlichen Hungersnot. Hunderttausende flohen damals in einem biblisch anmutenden Exodus. Die Fernsehbilder gingen um die Welt und haben nachhaltig das Bild Äthiopiens in der Weltöffentlichkeit geprägt. Die Bilder waren Anlass zu weltweiten Hilfsaktionen, beispielsweise BandAid.

Auch Kobo war damals von der Dürre betroffen. Nun gehört das Dorf zu unserem Projektgebiet. Ein junger Mann erzählt uns, dass er noch vor wenigen Monaten dreimal die Woche mit seinen beiden Kamelen zum Wasserholen in die umliegenden Berge ging. Für eine Tour zur Quelle war er mit seinem Bruder fast einen ganzen Tag unterwegs. Heute verfügt das Dorf dank des Projektes über eine Wasserleitung. Die Einwohner gehen einfach zum Wasserkiosk und zapfen dort das kostbare Nass. Eine Dorfbewohnerin beaufsichtigt die drei Zapfstellen. Nebenbei bietet sie noch die nötigsten Dinge des Lebens an: Mehl, Speiseöl, Linsen, Seife und Waschpulver. Vom Verdienst durch den Kaufladen kann sie leben und erhält noch einen kleinen Lohn für die Pflege der Wassertankstelle.

Jeder, der hier Wasser zapft, zahlt auch gleichzeitig einen kleinen Obulus an den Wasserfonds. Der wird vom Wasserkomitee des Dorfes verwaltet. Mit dem Geld werden die Wasserzapfstellen gepflegt und gewartet. Der gesamte Unterhalt der Wasserleitung und des Reservoirs wird so sichergestellt. Die Wartung übernehmen die Komiteemitglieder zusammen mit der Gemeindeverwaltung. Vom ersten Tag der Planung bis zur Fertigstellung waren sie dabei und haben mit den Wasserexperten des Projekts zusammengearbeitet. Dabei haben sie viel gelernt: Sie wissen wie jedes technische Detail von der Quellfassung bis zum Zapfhahn funktioniert. Nun können sie bei Problemen selbst die Reparatur übernehmen. Lediglich 10 Euro pro Einwohner hat die Errichtung der Wasserversorgung gekostet. Unglaublich, wenn man bedenkt, was damit bewirkt wird.

Auf dem Hügel hinter dem Dorf Kobo steht heute ein Wasserturm, mehr als nur ein Zeichen der Hoffnung. Er ist der Anfang einer guten Entwicklung.

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2 Kommentare

  • Jürgen Friedrich sagt:

    In einem 12-min-Video wird die desolate Wassersituation vor allem von Ägypten dargestellt. Daneben auch alle anderen Nil-Länder.

    http://www.youtube.com/watch?v=eEd3jMaKDl8

    Die Fülle der Welthunger-Themen verträgt sicherlich noch ein weiteres ‚heißes Eisen‘. Gerade bestätigte mir die Online-Version von SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT die Veröffentlichung meines Leserbriefes mit einem rechnerischen Beweis für die PRIMA-KLIMA-Zukunft unserer Erde. Nachzulesen unter http://www.spektrumverlag.de/artikel/1117222

    Auf Anfrage stelle ich gerne weitere Daten zur Verfügung.

    Jürgen Friedrich

  • THE CHRASHER sagt:

    Bei uns war ein der Sänger Björn von Fettesbrot und hat und einen Beitrag zu Äthiopien gehalten.

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