Vertrieben im Zweistromland – Zu Gast bei Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak

Gespräche in einem Flüchtlingscamp im Nordirak.
Gespräche in einem Flüchtlingscamp im Nordirak.

Es ist nicht leicht, für diesen Besuch die richtigen Worte zu finden. Die humanitäre Krise in und um Syrien wurde schon mit zu vielen Superlativen belegt – die größte Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen, die schlimmste politische Verwerfung seit dem Völkermord in Ruanda, die größte humanitäre Notlage unserer Zeit. Und wer wie ich gemeinsam mit lokalen Mitarbeitern eine Woche durch die Ost-Türkei, entlang der syrischen Grenze bis in den Nord-Irak reist, der erfährt einiges über das Leid der Bevölkerung, die von nunmehr Dutzenden von Kriegsherren in einer immer unübersichtlicheren Region gequält und verjagt werden.

Oft nur mit dem Leben davon gekommen fristen etwa 1,5 Millionen Menschen alleine in der Türkei ein improvisiertes Flüchtlingsdasein. So wie Tehani S., die mit sieben Kindern im Juni aus Mosul geflohen ist und nun in einer Behelfsunterkunft in Kizeltepe bei Mardin ausharrt, dringend medizinische Hilfe benötigt und deren Kinder nicht zur Schule gehen können, weil sie die Busfahrt nicht bezahlen kann. In ihrem Leben vor der Eroberung von Mosul durch die IS – die hier alle nur „Daisch“ nennen, weil die Terroristen weder islamisch sind noch einen Staat verkörpern – in diesem Leben war sie Friseurin und ihr Mann ein Taxifahrer. Heute sind sie Hilfsempfänger. Vertrieben. Verzweifelt.

Viele solcher Familien treffen wir an, manches Mal versorgt in Flüchtlingscamps, die hier vom türkischen Roten Halbmond ausgestattet werden, und manches Mal in halb fertigen Rohbauten, notdürftig geschützt mit Plastikplanen oder schnell hereingezimmerten Fenstern, auch dort meistens ohne kurzfristige Perspektive das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

 

Die humanitäre Hilfe steht vor gigantischen Herausforderungen

Dem Welternährungsprogramm droht die Finanzierung für Nahrungsmittel auszugehen. Hilfslieferungen in frontnahe Gebiete sind immer mit Gefahr für Leib und Leben verbunden. Und in Syrien selbst erreicht man die Bedürftigen nur noch durch Partnerorganisationen, denen das Leben und die Arbeit schwer gemacht werden, um es vorsichtig auszudrücken.

Aber gerade diese Partner sind es, auf denen die Last und der Erfolg der Hilfe ruht. Insbesondere mit den Gesellschaften des Roten Halbmonds in der Türkei, in den kurdischen Gebieten und dem Irak arbeitet die Welthungerhilfe eng zusammen. Auch die türkische Katastrophenschutzbehörde AFAD und die kurdische Provinzregierung unterstützen uns, gewährleisten die Sicherheit unserer Helfer, und räumen bürokratische Hürden aus dem Weg.

Durch die wertvolle Zusammenarbeit mit syrischen, türkischen und irakischen Partnern konnte die Welthungerhilfe in den vergangenen zwei Jahren fast eine Million Menschen versorgen, mit Nahrungsmitteln, Zelten, Winterhilfen und Cash-Gutscheinen für den täglichen Bedarf. Unser Programm ist schnell gewachsen, und fast jeden Tag erreicht uns ein neuer Vorschlag unsere Arbeit auszuweiten.

6.000 Tonnen Weizen für Bäckereien in Aleppo? Schulbau in den Flüchtlingslagern? Nahrungsmittel in die Grenzregionen?

Der Bedarf ist vorhanden, und die Welthungerhilfe hat nun Mitarbeiter und Freunde vor Ort, die vieles davon ermöglichen können – unser Regionaldirektor Ton van Zutphen und sein Team leisten Außerordentliches. Und das ist bitter notwendig, denn die nächsten Frühjahrsoffensiven werden weitere Flüchtlinge hervorbringen, vielleicht aber auch Rückkehrer in befreite Regionen, die Starthilfe brauchen.

Niemand weiß derzeit, wie eine Befriedung dieser einst blühenden Region im Zweistromland, das vor den künstlichen Grenzziehungen einmal unter dem schönen Namen Mesopotamien bekannt war, gelingen kann. Politische Lösungen scheinen fern, militärische sind ungewiss. Und wenige der Kriegsparteien scheren sich um das Los der Zivilisten. Selbst die Flüchtlinge finden sich schon wieder in religiösen und ethnischen Gruppierungen – hier die Jesiden, dort die Kurden, da die Araber. Eine Fragmentierung der Region scheint sicher, eine komplette Desintegration zweier Staaten droht. Niemand vermag den Verlauf des neuen Jahres vorauszusagen, aber sicher scheint dass die Bewältigung dieser Krise einen langen Atem braucht.

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