Staub, Hitze und weit und breit kein Wasser: Ein Besuch im nordkenianischen Marsabit

Nothelfer Gunther Schramm spricht mit Dorfbewohnern im Nordosten Kenias. Die Menschen leiden unter der schwersten Dürre seit 60 Jahren.
NNothelfer Gunther Schramm spricht mit Dorfbewohnern im Nordosten Kenias. Die Menschen leiden unter der schwersten Dürre seit 60 Jahren.

Liebe Leserinnen und Leser,

für eine Woche hat mich die Welthungerhilfe in den Norden Kenias geschickt, um die Auswirkungen der aktuellen Dürre systematisch zu erfassen und die erforderlichen Nothilfemaßnahmen vorzubereiten. Als Nothelfer reise ich immer dorthin, wo Menschen aufgrund einer Katastrophe oder eines Konflikts dringend schnell Hilfe benötigen. Diese Gegend kenne ich besonders gut, denn ich habe mehr als vier Jahre als Kameltierarzt in den trockenen Gebieten Nordkenias gearbeitet. Auch wegen dieser persönlichen Beziehung zu der Region, den Menschen und ihren Problemen bereitet mir die Dürre große Sorge.

In der Region Marsabit ist die Trockenheit besonders schlimm. Meine erste Aufgabe ist es, mit den Menschen zu sprechen und zu erfahren, was sie jetzt am dringendsten brauchen. Keine einfache Aufgabe, denn die kleinen Dörfer liegen weit auseinander und die Straßen sind schlecht. In diese Regionen dringen kaum Hilfsorganisationen vor und die Not der Menschen ist groß.

Auf einer völlig unwegsamen Strecke fahren wir als erstes in das Dorf Diidadhi. Der kleine Ort ist auf keiner Karte eingetragen. Wer es finden will, muss seine Koordinaten kennen: Nord 02° 20’ 50’’ und Ost 038° 04’ 69’’. Hier leben die Frauen, Alten und Kinder des Nomadenstammes Borana, während die Männer auf der Suche nach Weidegründen mit ihren Tieren von Ort zu Ort ziehen.

Im Schatten eines Baumes erzählen uns die Menschen, wie sehr die Dürre ihnen zu schaffen macht – eine tragische Geschichte: In Marsabit sind die letzten zwei Regenzeiten komplett ausgefallen, die beiden nahe gelegenen Dämme sind seit langem ausgetrocknet. Fast alle Tiere sind verhungert oder verdurstet. Die Frauen laufen jeden Tag zu einem 20 Kilometer entfernten Brunnen, um Wasser für die Familie zu holen. In 20-Liter-Kanistern tragen Sie das wertvolle Nass zurück ins Dorf. Das Wasser wird ausschließlich zum Trinken und Kochen verwendet, zum Waschen reicht es nicht. Sieben bis acht Stunden sind die Frauen jeden Tag unterwegs. Wenn dann noch Zeit ist, versuchen sie Holzkohle zu machen, um durch den Verkauf etwas Geld für Nahrungsmittel zu verdienen. Einmal im Monat bringt das Welternährungsprogramm  der Vereinten Nationen Grundnahrungsmittel wie Mais, Erbsen und Öl, die unter den Bewohnern aufgeteilt werden. Die kleinen Felder der Familien geben schon seit drei Jahren keine Erträge mehr. Es ist einfach kein Wasser da.

Wir reden einige Stunden mit den Dorfbewohnern. Die Erwartungen an uns sind hoch: Es waren bis jetzt noch keine Vertreter anderer Hilfsorganisationen hier und die nächste Regenzeit wird erst im November erwartet. Das ist noch sehr lange hin – wenn sie dann überhaupt eintritt.

Erst in der Abendsonne fahren wir zurück. Die Gespräche im Auto drehen sich um  die Geschichten der Dorfbewohner und über Möglichkeiten, hier zu helfen. In so einer Situation bietet sich die sofortige Versorgung mit Trinkwasser an, das mit Tanklastern in die vorhandenen Wassertanks gefüllt wird. Zusätzlich müssten die vorhandenen Dämme vergrößert werden, um – wenn der Regen wieder eintritt – mehr Regenwasser sammeln und speichern zu können. Diese Arbeit kann von den Dorfbewohnern erledigt werden, die dafür Geld bekommen. Mit diesen „Cash for Work“-Maßnahmen werden die Menschen in die Lage versetzt, sich selbst mit Nahrungsmitteln und anderen notwendigen Dingen zu versorgen. Zusätzlich denken wir darüber nach, Heu zu verteilen, um den noch lebenden Ziegen eine bessere Futtergrundlage zu bieten und die Milchproduktion zu ermöglichen. Denn Milch ist ein wichtiges Grundnahrungsmittel der Nomaden. Eines ist klar: Hier gibt es viel zu tun!

Unser Lager erreichen wir, als es bereits dunkel ist. Ich falle sofort todmüde ins Bett. Neben all den Sorgen habe ich das gute Gefühl, schon einen entscheidenden Schritt weitergekommen zu sein. Ich denke, eine sinnvolle Unterstützung der Menschen in Diidadhi ist möglich.
Liebe  Leserinnen und Leser, nach einem Tag im kenianischen Nordosten entlasse ich Sie wieder in Ihren Alltag. Wie dieser auch aussehen mag: Vergessen Sie bitte die Menschen nicht, die wie die Dorfbewohner in Diidadhi in diesem Augenblick ums Überleben kämpfen. Unterstützen Sie unsere Arbeit im dürregeplagten Ostafrika!

Bis zum nächsten Mal!
Gunther Schramm
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Gunther Schramm ist seit 2002 Nothelfer bei der Welthungerhilfe. Geschieht auf der Welt eine Katastrophe, ist es das Nothilfeteam, das innerhalb kürzester Zeit ausrückt, um den akuten Bedarf der Betroffenen zu ermitteln und unmittelbare Soforthilfe zu leisten.

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11 Kommentare

  • Löwenstein sagt:

    Guten Tag,
    ich habe gerade ein paar Euro gespendet. Am liebsten hätte ich sie allerdings mit einer Auflage verbunden. Nämlich, dass zunächst einmal die Al-Schabaab-Milizen entwaffnet werden. Immer wieder ist in den Medien von diesen […] zu hören. Es soll sich doch nur um eine „Gruppe“ handeln. Diese besteht doch nicht aus 1000 Verbrechern (ich schreibe bewusst nicht Kämpfer oder Milizionäre), sondern, – wenn, dann doch nur aus ein paar Hundert. Und diese […] schikanieren tausende bzw. zehn- oder gar hunderttausende eigener Landsleute und zeigen den Hilfsorganisationen, den Regierungen wo’s eigentlich lang geht. Meiner Ansicht – und so denken mittlerweile viele Menschen (nicht nur Deutsche) – sollten die Hilfsorganisation nicht nur geschützt werden, sondern diese Schutztruppe sollte im gleichen Zuge die Al-Schabaab-Milizen entwaffnen, ihre Kanonen zu Pflugscharen machen und sie dann damit dorthin schicken, wo die Not am größeten ist. Ich glaube kaum, dass sich jemand über die Umsetzung dieses Vorschlages aufregen würde. Aber ich hör jetzt schon die Argumente, die alle GEGEN diesen Vorschlag sprechen würden. So bleibt halt alles wie es ist und die […] Al-Schabaab-Milizen bestimmen, wer überlebt und wer nicht.

    • KerstinBandsom sagt:

      Hallo Löwenstein,
      wir mussten Ihren Blog-Kommentar an der ein oder anderen Stelle etwas bearbeiten, weil wir uns mit unserer Blog-Netiquette einer sachlichen Diskussion verpflichtet haben. Es wurden ausschließlich die Stellen bearbeitet, die nicht den Regeln unserer Netiquette entsprechen. Wir hoffen auf Ihr Verständnis.
      Für Ihre Spende danken wir ganz herzlich. Die Entwaffnung von Al-Shabaab liegt jedoch nicht in der Hand von Hilfsorganisationen. Ich kann Ihnen aber versichern, dass die Welthungerhilfe jeden Beitrag zum Wohle der Menschen am Horn von Afrika einsetzt.
      Mit freundlichen Grüßen
      Kerstin Bandsom, Referentin Informations- und Pressestelle

  • Mansurbek sagt:

    Sehr geehrte Gunter Schramm.Ich bin aus Russland Gewohnlich verstehe ich deutsch nicht so gut.Abr dein Nachricht uber Marsabitische Durre ist klar fur mich.
    Fruher ich lebte in Tadschikistan und bin sehr dankbar fur Welthungerhilfe.
    Welthungerhilfe macht immer mehr gutes in verschidene Proekten auf dem Welt.Heute Tadschikistan hat nicht so grosse Problem wie fruher.
    Aber Kenia Hat denn,Probleme.
    Ich Lebe und Arbeite in Russland.Ich bin einfache Arbeiter in eine Supermarket,und mein Lohn ist einwenig genug fur mich.Ich will Spenden monatlich 300 Russische Rubel(Es bedeutet 10$amerikanisch)Aber wie?Per Deutsche Botschaft im Russland oder?

    • KerstinBandsom sagt:

      Hallo Herr Mansurbek,
      es freut uns sehr, dass Sie die Arbeit der Welthungerhilfe wertschätzen und uns unterstützen möchten. Ganz herzlichen Dank! In Tadschikistan können wir tatsächlich viele Erfolge verzeichnen. Zum Beispiel in Veshab.
      Wenn Sie sich nun persönlich für die Menschen am Horn von Afrika einsetzen wollen, geht das aus Russland am besten per Auslandsüberweisung. Dazu benötigen Sie diese Angaben:
      Konto der Deutsche Welthungerhilfe e.V.
      Bank: Sparkasse KölnBonn
      Konto-Nummer: 1115
      Bankleitzahl: 370 501 98
      IBAN: DE15370501980000001115
      BIC: COLSDE33
      Ich hoffe, so wird es für Sie gehen.
      Mit den besten Grüßen nach Russland,
      Kerstin Bandsom
      Referentin Informations- und Pressestelle

    • L. Thomas sagt:

      Das finde ich toll: Sie haben selbst nicht so viel dort und möchten helfen! Wenn alle so wären…

  • thomas becker sagt:

    Wie kann das sein das in kenia hunger herscht,wo doch täglich frachtjumbos der mike krüger (MK) Airlines in Ostende oder Ramsgate landen die aus Kenia kommen.Als Fracht bringen diesen Bohnen,Erbsen und anderes Gemüse aus Kenia und dieses jeden tag,meist zwei flugzeuge oder mehr.Und nicht zuvergessen die guten blumen für holland (fast immer Rosen).
    Ich war LKW -Fahrer für Luftfracht und habe täglich in Ostende oder Ramsgate fracht geladen für England oder Holland.Daher kann ich nicht verstehen,wenn dort in Kenia soviel Gemüse wächst,das dieses noch nach Europa Exportiert wird wo im eignen Land die Menschen hungern.

    Thomas Becker aus Körba

    • Jochen Heeskens sagt:

      Diese Farmen sind alle im Privatbesitz – reine wirtschaftliche Interessen!!! Außerdem wer will schon für eine Rose oder seine Bohnen viel Geld bezahlen. Ein Tagelöhner verdient hier im Moment 1,40€ pro Tag, keine Festanstellung oder Versicherung. Leider scheinen die Gewächshäuser wir Pilze aus dem Boden zu schießen – ich lebe im Dürregebiet in Kenia, aber in 30min bin ich umringt von Gewächshäusern. Allerdings die Menschen die hungern leben in Regionen in denen es kaum möglich ist Landwirtschaft zu betreiben. Es sind Wanderhirten und Nomaden die von der Viehzucht leben.

  • Daria Thurn und Taxis sagt:

    Vielen Dank für Ihre Arbeit !!! Auch ich kenne Nordkenia und weiß wie lange man dort unterwegs ist, auf Pisten und schlechten Straßen… Alles Gute und Gottes Segen!
    DTT

  • HenrikE sagt:

    Mich erschreckt immer wieder, dass die Politik in diesen Gebieten nicht hilft, wo doch so dringend Hilfe benötigt wird. Für so viele sinnfreie Dinge wird Geld aus dem Fenster geschmissen, völlig unnötige Projekte werden subventioniert und in anderen Gebieten der Welt hungern die Menschen. Ist den Politikern der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen?

  • Jochen Heeskens sagt:

    Hallo,

    guter Bericht. Ich lebe mit meiner Familie ca. 250km südlich von Marsabit in Isiolo.
    Die Menschen hungern und es wird dringend Hilfe benötigt. Ich hoffe dass die Programme nun schnell anlaufen. Tagtäglich kommen stark unterernährte Kinder in unsere Gesundheitsstationen. Die Hilfe des Welternährungsprogrammes reicht bei weitem nicht aus. Eine Ration für 2 Monate ist oft schon nach zwei Wochen aus. Es werden Rationen an unternährte Kinder ausgeteilt, aber wer lässt schon seine anderen Kinder hungern? Es scheint mir auch dass viele der hier tätigen Organisationen an ihre Grenzen stoßen. Die Wege sind weit, schlecht ausgebaut und gefährlich. Es bedarf hier der Zusammenarbeit und Anstrengung Aller um die Situation zu mildern. Ich wünsche ihnen viel Erfolg dabei.
    Jochen Heeskens, Katholische Diözese Isiolo

  • Claus sagt:

    Hallo!

    Mich würde mal interessieren, wie es die Menschen dort geschafft haben zu überleben, als es noch keine Hungerhilfe gab, z.B. vor 300 Jahren. Ich möchte jetzt die Hilfe nicht schlecht machen, aber es würde mich interessieren wie die es damals geschafft haben.

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