Bürgerkrieg in Kirgistan: Warum die Welthungerhilfe sich engagieren muss!

Konflikte in Kirgisistan.
Konflikte in Kirgisistan.

Gestern traf ich in Bonn zufällig eine alte Bekannte. Und sie erinnerte sich daran, dass ich über acht Jahre lang für die Welthungerhilfe in Zentralasien gearbeitet habe. Sie fragte mich, was denn in Kirgistan los sei? Warum denn dort plötzlich Nachbarn und sogar Freunde aufeinander losgehen? Wie kann es sein, dass Hunderttausende Frauen und Kinder aus ihrer Heimat fliehen? Hat es denn Sinn, dass die Welthungerhilfe hier mit Nahrungsmitteln helfen will, wenn die Katastrophe von den Menschen selbst verzapft wurde? Ich stand den Fragen zunächst ratlos gegenüber. Klar, warum sollen wir jetzt mit der Hilfe unserer Spenderinnen und Spender diese Suppe auslöffeln?

Doch es gibt mindestens zwei triftige Gründe: Zum Einen sind über eine Million Menschen in der Region überhaupt nicht an dem Konflikt beteiligt. Sie sind lediglich die Opfer der Taten von ein paar kriminellen Clanführern und korrupten Beamten. Alle Übrigen sehen dem Geschehen nur fassungslos zu. 100.000 Menschen sind nach Usbekistan geflohen, 300.000 Usbeken haben sich in die großen Städte zurückgezogen und leben dort jetzt in Camps hinter der usbekischen Grenze oder bei Bekannten in der Stadt. Sie benötigen unsere Hilfe.

Zum Anderen ist es jetzt an der Zeit, die Gewalt, die von den jungen Männern ausgeht, zu stoppen, wenn nicht „afghanische“ Verhältnisse einziehen sollen. In einer patriarchalischen Gesellschaft wie der kirgisischen geht das nur über die ältere Generation. Die ältere Generation muss ihren Einfluss wiedergewinnen. Indem wir als Hilfsorganisation helfen, erfahren sie unsere Solidarität. Und wir graben so den nationalistischen Demagogen das Wasser ab. Wenn die Alten sich den Marodeuren entgegenstellen, kann das Unheil gestoppt werden. Das geht nur, wenn sie die Angst vor Hunger und Gewalt überwinden. Deshalb, das habe ich meiner Bekannten gesagt, müssen wir helfen. Nur so verhindern wir weitere sinnlose Opfer.

Was sind die Hintergründe? Der Graben in der Bevölkerung liegt nicht zwischen den Usbeken und Kirgisen, er liegt zwischen den Alten und den Jungen. Während die ältere Generation hilflos die Ereignisse beobachtet, ziehen junge Männer brandschatzend durch die Straßen. Sie sind aufgebracht, weil sie sich um ihre Zukunft betrogen fühlen, keine Perspektive sehen und so leicht Opfer von Mafiagangs und korrupten Beamten wurden, die nach dem Machtwechsel im April um ihre Pfründe fürchten. Sie wurden mobilisiert, als das Gerücht gestreut wurde, dass Usbeken kirgisische Mädchen vergewaltigt hätten. Damit waren die Jungen in ihrer Wut nicht mehr zu halten

Heute Morgen rief mein Kollege Sasha aus Osch an. Er leitet dort das Büro unserer Partnerorganisation in Kirgistan und war heute erstmals wieder seit Freitag an seinen Arbeitplatz zurückgekehrt. Das hat er mir berichtet: „Vor einer Stunde haben wir wieder Strom im Büro erhalten und können arbeiten. Heute wurde damit begonnen, die Straßen aufzuräumen. Die ersten Straßenhändler sind wieder aufgetaucht. Auf dem Basar wurden Kartoffeln, Zwiebel, Makkaroni und Brot verkauft. Die Situation scheint sich beruhigt zu haben. Jedoch sagen die Leute, dass ihnen die Stimmung nicht gefällt: Ist es die Ruhe vor einem neuen Sturm? Heute morgen sah ich auch einen Bus auf der Straße fahren und ich habe mich natürlich gefreut – ein Zeichen der Normalisierung, dachte ich. Aber es stellte sich heraus, dass die Busse aus den Fahrzeugparks evakuiert werden, um sie zu verstecken, aus Angst vor weiteren Zerstörungen. Die Situation ist wohl doch nicht unter Kontrolle, wenn die staatlichen Betriebe ihre technischen Ausrüstungen wegbringen.“

In der Tat, die Situation ist alles andere als friedlich. Auf den Wohnhäusern an der Straße zum Flughafen sitzen Scharfschützen, die die vorbeifahrenden Fahrzeuge beschießen. Die Menschen haben sich in ihre Wohnbezirke zurückgezogen, streng getrennt nach ethnischer Zugehörigkeit. Sie haben sich verbarrikadiert und lassen niemanden in ihr Territorium hinein.  Sascha berichtet mir weiter: „Ich sprach gestern mit einem unserer Mitarbeiter. Er wohnt im Stadtteil Vostotschnij. In seinem Haus halten sich zur Zeit 40 Menschen auf, die, von Angst getrieben, aus ihren Häusern in und um Osch geflohen sind. Nahrungsmittel gibt es fast keine. Was vorhanden ist, erhalten die Kinder, die Erwachsenen hungern. Die Hilfslieferungen reichen bei weitem nicht, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Das Misstrauen ist groß, kein Usbeke nimmt ein Stück Brot von einem Kirgisen an und umgekehrt. Es laufen Gerüchte um, dass in den usbekischen Vierteln das Trinkwasser vergiftet sei.“

Obwohl Sasha selbst Nothilfeprojekte geleitet hat,  ist er kein Freund humanitärer Hilfe. Seiner Meinung nach produziert gedankenlos vergebene Hilfe nur Abhängigkeit. Aber auch für ihn ist heute humanitäre Hilfe aus dem Ausland der einzige Weg, den heraufziehenden Hunger und die Angst davor zu stoppen. Gewalt und Plünderungen werden nur enden, wenn die Angst vor dem Hunger sinkt und sichtbar ist, dass das Ausland die Opfer der Ausschreitungen unterstützt und sehr genau die Geschehnisse beobachtet.

Sasha ist gegenwärtig dabei, Listen zusammenzustellen, mit den Namen der Familien, die am meisten unter der Gewalt gelitten haben. Außerdem versucht er einen Plan zu erarbeiten, wie Nahrungsmittel sicher in der Stadt transportiert werden können. Wir hier in Bonn helfen ihm dabei so gut es geht. Sobald es die Lage erlaubt, werden ihn erfahrene Kollegen unseres Nothilfeteams unterstützen.

Aber hier und heute brauchen wir Eure und Ihre Unterstützung, um helfen zu können.

Ihr

Hubertus Rüffer

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