Machen Convenience-Produkte gesund? Kambodschas Kampf gegen Unterernährung

Bunte Packungen mit Snacks und Fertigprodukten an einem Marktstand
Schnell und praktisch, aber oft nicht gesund: Snacks und Fertigprodukte.

Läuft man durch die Straßen von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh, so findet man hier ein Restaurant neben dem anderen, unzählige kleine Straßenküchen und auf den Märkten ein reichhaltiges Angebot der verschiedensten Lebensmittel wie Fisch, Fleisch, frische Nudeln und allerlei Gebäck. Bunte Berge von Obst und Gemüse häufen sich auf den Marktständen, man bekommt hier fast alles, was das Herz begehrt – einheimische Sorten sowie importierte Waren. Außerdem sieht man neben all den frischen Lebensmitteln mittlerweile auch immer mehr Convenience-Produkte: Fertig abgepackte Instant-Nudelsuppen, Reissnacks, Cracker und allerhand Süßigkeiten, die schon von außen betrachtet sehr ungesund aussehen.

Man hat absolut nicht den Eindruck, dass es in diesem Land an Nahrungsmitteln mangeln könnte.

Im Gegenteil: In Phnom Penh essen die Kambodschaner für ihr Leben gern und die Zubereitung sowie der Verzehr von Nahrungsmitteln nehmen einen großen und wichtigen Teil des Tages ein. Dies ist jedoch längst nicht überall im Land der Fall. Mangelernährung ist gerade bei Kindern in ländlichen Gebieten noch immer ein ernsthaftes Problem. Dem Welthunger-Index zufolge sind 40 Prozent der kambodschanischen Kinder unter fünf Jahren unterentwickelt. Das Land produziert zwar ausreichend Nahrungsmittel, um den durchschnittlichen Kalorienbedarf der Bevölkerung zu decken. Allerdings ist der Zugang zu Nahrungsmitteln ungleich verteilt und die politischen Konzepte konzentrieren sich noch immer vor allem auf die Menge an Nahrung anstatt auf deren Qualität.

Auch der Mangel an Hygiene und sanitären Einrichtungen trägt der Problematik Rechnung. Besonders in den ersten Lebensmonaten eines Kindes können fehlende Nährstoffe schlimme Folgen haben. Und da diese Folgen nicht nur körperlicher und geistiger, sondern auch ökonomischer Natur sind, kosten sie die kambodschanische Regierung jährlich rund $ 400 Millionen Dollar.

Erste nationale Ernährungskonferenz in Kambodscha

Diese hat nun beschlossen, das Problem verstärkt anzugehen und veranstaltet deshalb eine Nationale Ernährungskonferenz in Phnom Penh. Hauptorganisatoren der Konferenz sind Unicef, USAID, die FAO und das Wold Food Programme.

Zum allerersten Mal kommen wichtige Vertreter der kambodschanischen Politik mit Wissenschaftlern, internationalen Entwicklungshilfeorganisationen und dem privaten Sektor zu diesem Thema zusammen, um über gemeinsame Lösungen zu beraten.

Wir, die Welthungerhilfe Cambodia & Laos, sind ebenfalls Gast der Veranstaltung und gemeinsam mit unserer lokalen Partnerorganisation stellen wir eines unserer Projekte zum Thema Ernährung vor. Ich schaue mich ein wenig bei den anderen Ausstellern um. Neben ein paar NGOs, die Unterstützung und Aufklärungsarbeit zum Thema Hygiene oder Trinkwasseraufbereitung leisten, sind auffallend viele Hersteller von Snacks und Fertigprodukten vertreten. Sie preisen besonders gesunde und nährstoffreiche Instant Haferbreis für Kleinkinder, Weizengebäck und verschiedene Fertigpasten an. Ich wundere mich etwas, denn solche Produkte hatte ich auf einer Ernährungskonferenz weniger erwartet.

Dagegen wirkt unser Stand mehr wie eine kleine Kochschule mit verschiedenen traditionellen Gerichten aus frischem Gemüse, verschiedenen Kräutern und Fisch.

Die Gerichte sind Bestandteil der Kochkurse, die wir in unseren Projektdörfern durchführen und werden nun als Kostproben hier angeboten. Einer der größten Hersteller von Snacks in Kambodscha ist LYLY. Das Unternehmen produziert seit 2002 Reiscracker und andere Snacks für Kinder und wurde bereits mehrmals für seine Produkte ausgezeichnet. Unter den Kambodschanern erfreuen sich diese anscheinend auch großer Beliebtheit, denn der Ansturm auf die Reiskekse, die zum Mitnehmen auf dem Ausstellungstisch bereit liegen, ist enorm und der Tisch ist in null Komma nichts wie leergefegt.

Fertigprodukte gelten als schick – angereichert mit Zusätzen gar als gesund

Ich begreife langsam, was für die kambodschanische Bevölkerung Fortschritt in Sachen Ernährung eigentlich bedeutet. Fertigprodukte gelten als schick und mit vielen Vitaminen und Nährstoffen angereichert auch noch als gesund – das perfekte Nahrungsmittel. Es scheint nachvollziehbarer zu sein, Lebensmitteln notwendige Nährstoffe hinzuzufügen, als verstärkt die Lebensmittel zu essen, die von Natur aus solche Bestandteile enthalten. Und sehr wahrscheinlich wissen viele Menschen auch gar nicht, welche Nährstoffe in welchen Nahrungsmitteln enthalten sind, denn es steht ja auch nicht drauf, im Gegensatz zu den industriell gefertigten Produkten.

Noch klarer wird mir meine Erkenntnis, als ich im Konferenzsaal die Statements aus Politik und Wirtschaft höre. Fortification, also die Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Vitaminen und Mineralstoffen, scheint unter den Entscheidungsträgern die Lösung des Problems zu sein und die Nahrungsmittelkonzerne springen gerne auf den fahrenden Zug auf. Dabei kann es sich sowohl um den Golden (Vitamin-A-reichen) Reis, als auch um angereicherte Sojasauce oder Sojamilch handeln. Auch die Anwendung von Nahrungsergänzungsmitteln zur Bekämpfung von Mangelernährung ist ein viel diskutiertes Thema und scheint von den meisten Anwesenden sehr begrüßt zu werden. Von Tabletten mit Vitaminen und Mineralien solle in Zukunft nun noch stärker Gebrauch gemacht werden.

Doch wo bleiben die – in meinen Augen jedenfalls – natürlichen Ansätze für eine nachhaltig gesunde Ernährung?

So genannte nahrungsmittelbasierte Ansätze, wie sie die Welthungerhilfe vertritt und deren Ziel der verbesserte Zugang zu vitamin- und mineralstoffreichen Nahrungsmitteln ist, werden nur am Rande erwähnt. Auch Bildung scheint hier nicht als ein wesentlicher Schlüssel zu einer gesunden Ernährung gesehen zu werden. Dabei gibt es so wunderbare Nahrungsmittel in diesem Land, man muss sie nur richtig zu nutzen wissen. Es ist sicher in mancherlei Hinsicht sehr sinnvoll, bestimmte Nahrungsmittel mit Nährstoffen anzureichern, und doch möchte ich nicht glauben, dass dies die einzige Lösung des Problems sein kann.

Am Ende der Veranstaltung erklären alle Beteiligten in einer Stellungnahme die Bekämpfung von Mangelernährung zu ihrem gemeinsamen Ziel. Und auch wenn ich mir den Weg dorthin noch nicht richtig vorstellen kann, ist dies trotzdem schon ein sehr guter Anfang für die Kinder Kambodschas.

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1 Kommentar

  • Ute Latzke sagt:

    Der Blog spricht ein ganz wichtiges Thema an, das uns in der Welthungerhilfe mit dem strategischen Projekt „Nachhaltige Ernährgunssicherung“ am Herzen liegt: nämlich die Bekämpfung des (versteckten)Hungers und Mangelernährung mit lokal verfügbaren gesunden Nahrungsmiiteln statt angereichteren Industrie-Produkten, die zufälligerweise auch eine Menge Geld in die Taschen der herstellenden Firmen spülen. Diese Entwicklung – in meinen Augen eine traurige Fehlentwicklung – beobachten wir leider nicht nur in Kambodscha auf der Ernährungskonferenz. Das Vertrauen auf technische Lösungen oder „Super-Produkte“ ist auch in anderen Foren und Konferenzen zur Ernährungssicherung – insbesonderer zur Bekämpfung von Mikronährstoffmängeln – zunehmender Trend. Toll, dass unserer Kollegen und Partner dem mit nahrungsmittelbasierten und auf Ernährungsbildung aufbauenden Strategien etwas entgegen setzen, was nachhaltiger ist, weil es den betroffenen armen Familien die Lösung der Probleme (im Sinne des Rechts auf angemessene Nahrung) selbst in die Hand gibt, ohne dass sie von ihrem wenigen Geld etwas kaufen müssen. Außerdem ist erwiesen, dass Nahrungsmittel über die bekannten Makro- und Mikronährstoffe auch weitere gesundheitsfördernde Vitalstoffe enthalten, die noch gar nicht richtig erforscht und in künstlich hergestellten Snacks nicht enthalten sind. Fachleute wissen,: Eine gesunde ausgewogene Ernährung erreicht man am besten mit einer möglichst vielseitige Kost auf Basis von frischen Lebensmitteln!. Danke an Juliane für diesen tollen Beitrag!

    Ute Latzke, Senior Advisor Food and Nutrtion Secturity, Sector Unit

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