Das tägliche Massaker des Hungers ist der absolute Skandal unserer Zeit. Ein Kommentar von Jean Ziegler

Jean Ziegler: "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet."
Jean Ziegler: "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet."

Die Bürokraten der Organisation der Vereinten Nationen (UNO) sind Weltmeister im Erstellen komplizierter Statistiken, mathematischer Modelle und mehrere kiloschwerer (häufig unleserlicher) Berichte in den sieben offiziellen UNO-Sprachen. Aber wenn es um die Umsetzung konkreter Maßnahmen zur Behebung der vielfachen Tragödien, die die Menschen auf unserem Planeten heimsuchen, geht, bleibt die UNO meist gelähmt.

Nehmen wir ein einziges Beispiel: das Massaker des Hungers, das jeden Tag und jede Nacht Zehntausende von Menschenleben vernichtet. Vor allem in der südlichen Hemisphäre. Die UNO-Charta trat am 25. Oktober 1945 in Kraft. Immer und schlimmer wütet noch heute die Geisel. Das tägliche Massaker des Hungers ist der absolute Skandal unserer Zeit.

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen.

Wir sind 7,3 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Über 795 Millionen Menschen sind schwerst permanent unterernährt. Derselbe Welternährungsbericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), der jährlich die Opferzahlen benennt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase der Entwicklung ihrer Produktionskräfte problemlos normal zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Also fast das Doppelte der Weltbevölkerung. Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es keinen objektiven Mangel mehr. Das Problem ist nicht mehr die fehlende Produktion, sondern der fehlende Zugang zu Nahrung. Es gibt keine Fatalität.

Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

September 2015: Im UNO-Hauptquartier in New York verabschieden 166 (der 193) Staats-und Regierungschefs die „Agenda 2030„. In den nächsten 15 Jahren sollen die 17 schlimmsten Tragödien, welche heute die Menschheit verwüsten, beseitigt werden. „End Hunger“ heißt das Entwicklungsziel Nummer 2 – der Hunger soll völlig beseitigt werden bis zum Jahr 2030. Leider sagt die UNO-Agenda kein Wort zu den Gründen des Hungers.

Zum Beispiel von der Börsenspekulation durch Großbanken und Hedgefonds mit Grundnahrungsmitteln (Reis, Mais, Getreide). Diese decken 75 Prozent des Weltkonsums. Zwischen 2002 und 2012 hat sich der FAO-Nahrungsmittelpreis-Index verdoppelt. In den Kanisterstädten und Slums der Welt, wo gemäß Weltbank 1,1 Milliarden Menschen wohnen und wo die Mütter mit ganz wenig Geld ihre tägliche Nahrung kaufen müssen, sterben bei jedem Preisaufschlag tausende Kinder mehr.

Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel muss deshalb sofort verboten werden. Doch die UNO schweigt. Aus Angst, die allmächtigen transkontinentalen Privatkonzerne zu verstimmen.

Laut Weltbank haben die größten transkontinentalen Privatkonzerne (alle Sektoren zusammengenommen, Industrie, Finanzen, Dienstleistungen, usw.) vergangenes Jahr 52,8 Prozent des Weltbruttosozialproduktes kontrolliert. Sie haben eine Macht wie sie nie je ein Kaiser, ein König oder ein Papst in der Geschichte gehabt haben.

Sie beeinflussen die Außenpolitik auch der mächtigsten Staaten. Die UNO fürchtet ihren Zorn zu Recht. Wo ist Hoffnung? Im Aufstand des Gewissens, im demokratischen Widerstand, im radikalen Reformwillen der Zivilgesellschaft.

Dieser Kommentar erscheint Ende Dezember in der Zeitung Welternährung 4/2015


 

Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.Das Debattenbuch des Globalisierungskritikers: Jean Ziegler – Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

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