“Der Hunger treibt die Menschen an” – Nahrungsmittelverteilung in Haiti beginnt

Mit Lebensmitteln beladene Lastwagen der Welthungerhilfe. © Grossmann
Mit Lebensmitteln beladene Lastwagen der Welthungerhilfe. © Grossmann

Am Donnerstag war es endlich soweit: Wir konnten mit der lang ersehnten großen Nahrungsmittelverteilung in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince beginnen. Als Ort haben wir ein ehemaliges Schulgelände im Stadtviertel Delmas ausgewählt, in dem wir auch schon Wasser verteilt haben. Dort ist ein Camp entstanden, in dem zurzeit 5.000 bis 6.000 Menschen leben, die durch das Erdbeben ihr zu Hause verloren haben. Es ist toll zu sehen, wie sich die Menschen in den Camps selbst organisieren und kleine Komitees bilden. Mit den Sprechern dieser Komitees haben wir uns in Delmas zusammengesetzt und so die bedürftigsten Familien gefunden.

Vor der Verteilung war die Atmosphäre im Büro sehr angespannt und die Kollegen nervös. Die Sicherheitslage in Port-au-Prince ist prinzipiell nicht so schlimm, wie es manche Berichte vermuten lassen. Aber es kommt doch immer wieder punktuell zu Unruhen. Deshalb mussten wir unsere Nahrungsmittelverteilung auch anmelden. Uns wurden sechs UNBlauhelmsoldaten und vier haitianischen Polizisten zum Schutz zugewiesen. Bereits am frühen Morgen ist ein Teil der Welthungerhilfe-Mitarbeiter aufgebrochen, um die drei Lastwagen aus dem Lager zu holen und gemeinsam mit den Sicherheitskräften nach Delmas zu fahren.

Als wir an der ehemaligen Schule ankamen, warteten die Bewohner des Camps bereits auf uns. Zu Beginn war alles noch friedlich. Drei lange Schlangen hatten sich gebildet und wir konnten die Nahrungsmittel ausgeben. Die Leute, die Nahrungsmittel erhalten sollten, waren durch ein Bändchen gekennzeichnet. Sie nahmen die Pakete entgegen und brachten sie zu ihren Familien.

Doch dann hatte es sich anscheinend herumgesprochen, dass Lebensmittel verteilt werden. Plötzlich drängten immer mehr Menschen auf unsere drei Lastwagen zu. Einige sprangen auf die Dächer der Autos und versuchten, sich einfach Nahrungsmittel selbst zu nehmen. Es wurde immer unübersichtlicher und beängstigender. Die Sicherheitskräfte waren völlig überfordert. Wir versuchten noch zu koordinieren und zu vermitteln. Aber es waren einfach zu viele hungrige Menschen und zu wenig Ordnungskräfte. Ich stand auf ein Mal plötzlich mitten in den Menschenmassen und musste mich zur Seite durchkämpfen. Es war eine schwierige Situation. Ich habe mich mit einigen Sprechern der Komitees unterhalten, die mit mir am Rand standen und ganz fassungslos waren. Sie waren ganz verzweifelt, dass die Verteilung so eine Wendung genommen hat. Ein Mann hat sich bei mir sogar stellvertretend entschuldigt, das fand ich sehr berührend.

Schließlich mussten wir die Verteilung abbrechen. Letztendlich haben wir trotzdem fast alle unsere Nahrungsmittel ausgegeben. Ich verstehe die Menschen. Auch die, die auf die Lastwagen zugestürmt sind. Alle hier sind arm und haben seit Tagen nichts gegessen. Aber es ist bitter, dass einige von denen, die sich diszipliniert angestellt haben, leer ausgegangen sind. Das setzt ein falsches Signal.

Wir planen und besprechen jetzt, wie wir die nächste Verteilung durchführen können. Denn es gibt noch viele, die unsere Hilfe benötigen.

Es grüßt Sie

Ihre
Simone Pott

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3 Kommentare

  • nini sagt:

    Ich kann die Menschen auch irgendwie verstehen. Wenns ums nackte Überleben geht, können auch eigentlich friedliche Menschen mal die Disziplin verlieren. Vor allem, wenn die Angst langsam in Panik umschlägt. Die Menschen waren wahrscheinlich zu lange ohne Nahrung und da keiner von ihnen weiss, wann wieder neue Lebensmittel verteilt werden, wächst auch die Panik wieder nichts abzubekommen. Purer Überlebenskampf. Wahrscheinlich ist eine ganz gerechte Verteilung bei den Zuständen nicht mehr möglich. Und den allergrösten Respekt, dass ihr es trotzdem versucht! Lasst euch nicht entmutigen, hier gibt es sehr viele Menschen die in Gedanken bei euch sind und eure Arbeit und euren Einsatz bewundern. Und die Menschen in Haiti wissen es bestimmt auch zu schätzen, auch wenn es
    vielleicht teilweise etwas „entgleist“. Ich hoffe, ihr bekommt noch mehr Unterstützung, damit es in Zukunft besser klappt.

    Weiterhin viel Glück und Kraft und die allerbesten Wünsche
    nini

    P.S.: Danke noch für die schnelle Info zu dem Nachbeben .
    .

  • Kaspar Portz sagt:

    Jeder, der die Zahlen der Hilfsbedürftigen kennt, weiss, dass die Not vor Ort noch größer werden wird, bis die Verteilung der Nahrungsmittel, des Wassers und der sonstigen Hilfe endlich den Stand erreicht hat, der der Katastrophe gerecht wird. Wenn ich eben in den Nachrichten höre, dass es gelungen sei, 22.000 Liter Trinkwasser zu verteilen, wo ca. 1.000.000 Liter nötig wären, ist erkennbar, dass es sich um eine ganz explosive Situation handelt. Hierdurch wird die Machtlosigkeit fühlbar – und trotzdem kann jede noch so kleine Hilfe Leben retten und Hoffnung geben.

    Ich bin dankbar, dass ihr diesen Job übernehmt! Meine gedanken sind bei euch!

    Gruß
    Kaspar

  • Anke sagt:

    Liebe Simone,

    eigentlich fehlen mir die Worte, deshalb nur ein kurzer Gruß an Dich und Deine Kollegen. Ich finde es wirklich bewundernswert, was Ihr alle dort leistet. Euch allen weiterhin viel Erfolg, einen sicheren Verbleib und eine gesunde Rückkehr, Anke

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