Die Gefahr westlicher Überlegenheitsphantasien – Ein Workshop in Äthiopien

Die Gefahr westlicher Überlegenheitsphantasien wurde von den Denkfabrikanten in Addis Abeba heiß diskutiert. © Amelie Fried
Die Gefahr westlicher Überlegenheitsphantasien wurde von den Denkfabrikanten in Addis Abeba heiß diskutiert. © Amelie Fried

Am 16. und 17. Februar trafen sich Wissenschaftler, Kreative und Aktivisten aus Äthiopien, Deutschland, Ghana, Simbabwe und anderen Ländern Afrikas zur Denkfabrik in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Hier, am Sitz der UN und der Afrikanischen Union, diskutierten die Teilnehmer über die Zukunft der Entwicklungshilfe, die Bedeutung von Solidarität und das Selbstbild von Menschen aus dem Süden und dem Norden. Über die Erfahrungen und Ergebnisse berichtet die Schriftstellerin und Moderatorin Amelie Fried in unserem Blog. Dies ist Teil II ihres Reiseberichts.

Die Höhenluft (Addis Abeba liegt auf 2100 -2450 Metern) scheint hungrig zu machen, ich fülle mit großem Appetit meinen Teller am Buffet und frage mich gleichzeitig, ob es unmoralisch ist, bei einem Treffen der Welthungerhilfe so üppig zu essen. Wäre es nicht ein Akt der Solidarität, weniger zu essen? Und wie in meiner Schulzeit, als mir die Kinder von Biafra vorgehalten wurden, wenn ich mein angebissenes Pausenbrot wieder mit nach Hause brachte, begreife ich, dass mein Verzicht in diesem Moment nicht das Geringste bewirken würde – die Speisereste würden im Abfall landen, statt bei den hungernden Kindern.

Meine Tischdame beim Dinner ist die Netz-Aktivistin Anke Domscheit-Berg. Sie erklärt mir die Technologie der 3D-Drucker, die ich bis dahin für eine Spinnerei infantiler Computer-Nerds gehalten habe. Ich werde eines Besseren belehrt und staune: Mit 3D-Druckern kann man nicht nur Getriebeteile für Autos oder ganze Hütten für Obdachlose, sondern sogar Prothesen für Landminen-Opfer und zahllose andere, nützliche Dinge herstellen, an die ich im Traum nicht gedacht habe. Wieder was gelernt.

Am nächsten Morgen empfängt uns Eyerusalem Gedlu an unserem Tagungsort, Abbabas Villa. Nach Jahren in den USA ist die Äthiopierin in ihre Heimat zurückgekehrt und hat ihr Elternhaus unter dem Motto „Love, Peace & Respect to All!“ in ein liebevoll geführtes Guest House umgewandelt, in dem wir uns sofort zu Hause fühlen. Ein Teilnehmer stellt amüsiert fest, dass die Toiletten mit ihren halb-offenen Kabinen dem Begriff „Open Source“ eine gänzlich neue Bedeutung verliehen. Im Garten wartete ein „Think Tree“ auf die Ergebnisse unserer Diskussionen, und nach der Begrüßung und einer Vorstellungsrunde, bei der wir die beiden Moderatoren Reyhana (Simbabwe) und Markos (Äthiopien) kennenlernen, beginnt unsere Arbeit in Zweiergruppen mit der Frage:

What moves us?

Mein Gesprächspartner ist Francis Nyamnjoh, ein aus Kamerun stammender Anthropologe, der an der Universität von Kapstadt lehrt und als Romanautor und Journalist tätig ist. Wir stellen fest, dass wir eigentlich dasselbe tun, nur dass Francis „nebenher“ Professor ist, und ich „nebenher“ Fernsehmoderatorin. Wir sprechen über meinen Wunsch nach mehr Gerechtigkeit und seinen Glauben, Dinge auch mit sehr geringen Mitteln verändern zu können. Begriffe wie Selbstbestimmung und Würde tauchen auf, und schon sind wir bei einem Grundproblem der Entwicklungspolitik: der Gefahr westlicher Überlegenheitsphantasien. Wir erweitern die Gruppe um zwei Teilnehmer, und schnell füllen sich große Papierbögen mit unseren Gedanken und Ideen, die wir anschließend der großen Runde präsentieren.

Auf diese Weise diskutieren wir an den folgenden zwei Tagen in ständig wechselnden Konstellationen die Themenkomplexe Migration, Ökonomie und Solidarität. Wir stellen die Frage, was eigentlich ein Entwicklungsland ist („Aren’t we all developing countries?“), es geht um den Unterschied zwischen Migration und Mobilität, das Selbstverständnis von Flüchtlingen und den Unterschied zwischen Schleppern und Fluchthelfern. Es geht um die Frage, wie sich echte Solidarität ausdrückt (sie muss etwas „kosten“), um die Begriffe Integration und Assimilation (und die damit verbundenen Erwartungen), um Ressourcenkontrolle und ökonomische Umverteilung, die Frage, ob mehr oder weniger Wirtschaftswachstum besser für die Welt wäre, um ,„Good Governance“ (bzw. den Mangel daran).

Peter Eigen, ehemaliger Weltbank-Mitarbeiter und Afrika-Experte berichtet mit großem Engagement von seiner Initiative „Transparency International“, mit der er in 120 Ländern gegen Korruption kämpft. Der junge Bahati Kanyamanza erzählt, wie er als 13-Jähriger nach dem Verlust der Familie aus dem Kongo flüchtete, und heute in Uganda eine Schule für 600 Flüchtlinge leitet. Dr. Papa Sow, Sozialforscher aus dem Senegal, derzeit an der Uni Bonn, erzählt von Besuchen in seiner Heimat, bei denen zwischen ihm und einheimischen Jugendlichen folgender Dialog stattfindet:

Die Jugendlichen: „Wenn wir älter sind, wandern wir auch aus.“ Papa Sow: „Anderswo ist es aber nicht unbedingt einfacher.“
Die Jugendlichen: „Wenn es nicht einfacher ist, warum bist du dann nicht zurückgekommen?“

Die Hitliste der populärsten Sätze wird angeführt von: „Completeness is an extravagant illusion“ (Francis Nyamnjoh), gefolgt von „Wo sind denn hier die Frauen?“ (Anke Domscheit-Berg). Die zwei ungewöhnlichsten Vorschläge kommen von einem der jüngsten und einem der ältesten Teilnehmer: Alex Herholz schlägt vor, privates Vermögen solle einem Verfallsdatum unterliegen – wenn es nicht in den Wirtschaftskreislauf investiert wird, solle es nach einer bestimmten Zeit wertlos werden. Und Emmanuel Gyimah-Boadi, der ehrfurchtgebietende Politik-Professor aus Ghana, überrascht mit der Idee, die westlichen Länder sollten für jeden afrikanischen Flüchtling Geld an sein Herkunftsland bezahlen, um Afrikas „brain-drain“ auszugleichen. Ich stelle mir vor, wie deutsche Politiker den Teilnehmern der Pegida-Aufmärsche diese Idee verklickern, und muss grinsen.

Zu Beginn des Workshops wurde die Devise ausgegeben, dass alle Gedanken zulässig seien und es keine „falschen“ Ideen gäbe. In diesem offenen Gesprächsklima entstehen tatsächlich neue, unkonventionelle Gedanken, die offenbar auch bei den Mitarbeitern der Welthungerhilfe auf fruchtbaren Boden fallen. Sie verfolgen aufmerksam die Gespräche, ohne sich zu beteiligen. Während die Kleingruppen arbeiten, wandern sie umher, hören hier und dort eine Weile zu, wandern weiter. Als Teilnehmerin fühle ich mich zwischendurch wie bei einem Assessment-Center, aber da keine Jobs vergeben werden, vergesse ich den Gedanken bald wieder.


Lesen Sie mehr von Amelie Fried: 

Teil I: Eine Lektion in Demut – Fünf Tage mit dem Welthungerhilfe-Think Tank in Äthiopien

Teil III: Es hat wenig Sinn, nach den Unterschieden zu suchen, wo es so viele Gemeinsamkeiten gibt

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