Eine Lektion in Demut – Fünf Tage mit dem Welthungerhilfe-Think Tank in Äthiopien

Addis Abeba - Das Treffen der Denkfabrik der Welthungerhilfe fand bewusst auf afrikanischem Boden statt.
Addis Abeba - Das Treffen der Denkfabrik der Welthungerhilfe fand bewusst auf afrikanischem Boden statt. © Amelie Fried

Am 16. und 17. Februar trafen sich Wissenschaftler, Kreative und Aktivisten aus Äthiopien, Deutschland, Ghana, Simbabwe und anderen Ländern Afrikas zur Denkfabrik in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Hier, am Sitz der UN und der Afrikanischen Union, diskutierten die Teilnehmer über die Zukunft der Entwicklungshilfe, die Bedeutung von Solidarität und das Selbstbild von Menschen aus dem Süden und dem Norden. Über die Erfahrungen und Ergebnisse berichtet die Schriftstellerin und Moderatorin Amelie Fried in unserem Blog. Dies ist Teil I ihres Reiseberichts.

Mitte Februar 2015. Im Morgengrauen schweben wir auf Addis Abeba zu. Häuser und Hütten scheinen aus den lehmfarbenen Hügeln herauszuwachsen, bilden eine fremdartige, ausufernde Struktur, von Lichtpünktchen schwach erhellt, ein magischer Anblick. Am Boden angekommen setzt Ernüchterung ein. Der Weg vom Flughafen zum Hotel offenbart die irdischen Aspekte der Stadt: Wohnblocks neben Wellblechhütten, gut ausgebaute Straßen neben huckeligen Pisten, viel Verkehr, Staub und Dreck, überall Menschen, von denen viele Tüten oder Pakete tragen, in bunter, oft schäbiger Kleidung. Der Eindruck von Armut springt einen sofort an, der Kontrast zu der Welt, aus der wir kommen, ist augenfällig.

Für mich ist es der erste Besuch in Äthiopien und ich habe einiges zur Vorbereitung gelesen, darunter „König der Könige“ von Ryszard Kapuściński, ein Portrait des legendären Kaisers Haile Selassie, Iwanowskis „Reiseführer Äthiopien“ und „Wir retten die Welt zu Tode“, eine kritische Betrachtung von Armutsbekämpfung und Entwicklungshilfe des langjährigen Weltbank-Ökonomen William Easterly, der an einem einfachen Beispiel zeigt, was schief läuft:

„Am 16. Juli 2005 schaffte es die amerikanische und die britische Wirtschaft, an einem einzigen Tag neun Millionen Exemplare des sechsten Harry-Potter-Bandes an begierig wartende Fans auszuliefern. (…) Es bricht einem das Herz, dass die globale Gesellschaft zwar eine so überaus effiziente Methode gefunden hat, wohlhabenden Erwachsenen und Kindern Unterhaltungslektüre zukommen zu lassen, aber nicht in der Lage ist ein 12-Cent-Medikament (gegen Malaria, Anm.) zu sterbenden Kindern zu befördern.“

Dieses Zitat wird mein ständiger Begleiter auf dieser Reise, ein Parameter für die Sinnhaftigkeit dessen, was ich sehe und erlebe.

Der erste Nachmittag dient dem Kennenlernen. Dem der Teilnehmer untereinander, aber auch dem der Stadt. Eine Rundfahrt durchs Zentrum, ein Besuch im Nationalmuseum bei Lucy, der Urfrau, die vor über 3 Millionen Jahren in der Region gelebt hat. Einige ihrer Nachfahren stellen sich bereitwillig und kichernd fürs Foto neben die Glasvitrine mit Lucys rekonstruiertem Knochengerüst.

Beim kurzen Gang zum Café tauchen die ersten Bettler im Straßenbild auf, die Gruppe diskutiert den Touristen-Klassiker: „Soll man was geben, oder besser nicht?“ Man einigt sich auf Einzelfall-Entscheidungen, mit Ausnahme von Kindern. Die sollen grundsätzlich nichts bekommen, damit die Eltern sie nicht zum Betteln, sondern in die Schule schicken.

Das erste Abendessen findet im „Grani di pepe“ statt, einem italienischen Restaurant, das auch in Florenz stehen könnte. Beim Aperitif im Garten heißt uns Tobias Schulz-Isenbeck im Namen der Welthungerhilfe willkommen, und ab diesem Moment öffnet sich die Schere zwischen den zwei Welten, in denen sich unsere Gruppe ab jetzt bewegen wird: Unserer geschützten Welt aus guten Hotels, Restaurants und gepflegten Tagungs-Locations auf der einen Seite, und einer Welt voller Armut und Perspektivlosigkeit auf der anderen. Eine Ambivalenz, die mir die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen verursacht, obwohl ich weiß, dass ich sie nicht aufheben kann.

Immer wieder wird mir die grausame Macht des Zufalls bewusst: Zuhause meine Kinder, die in ein Land und eine Familie geboren wurden, die ihnen sämtliche Bildungs- und Entwicklungschancen bietet – hier zahllose Kinder, die bei gleicher oder höherer Begabung nicht den Hauch einer Chance haben, sondern mit dem schieren Überleben beschäftigt sind.


Lesen Sie mehr von Amelie Fried: 

Teil II: Die Gefahr westlicher Überlegenheitsphantasien – Ein Workshop in Äthiopien

Teil III: Es hat wenig Sinn, nach den Unterschieden zu suchen, wo es so viele Gemeinsamkeiten gibt

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