Eine schwere Entscheidung

Erst das Erdbeben, dann der Tsunami, und jetzt die atomare Bedrohung: Die Welthungerhilfe leidet mit den zahllosen Opfern. © REUTERS/Kim-Kyung-Hoon
Erst das Erdbeben, dann der Tsunami, und jetzt die atomare Bedrohung: Die Welthungerhilfe leidet mit den zahllosen Opfern. © REUTERS/Kim-Kyung-Hoon

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wie viele von Ihnen verbringe ich meine Tage und Nächte wo immer möglich am Fernsehschirm. Die Katastrophe von Japan ist von solcher Unvorstellbarkeit, dass die Sprache davor versagt. Wir leiden mit den zahllosen Opfern, wir zittern mit den „Tapferen 50“, die ihr Leben geben, um das Schlimmste zu verhindern. Jeden Tag, jede Stunde sehen wir neue Bilder von verzweifelten Menschen, die unter Hunger, Durst und Kälte leiden – und unter der Angst vor dem atomaren Super-GAU.

Wir sehen Menschen, die in Notunterkünften auf die Hilfe von außen angewiesen sind. Darunter viele alte Menschen, die besonders leiden, und viele Kinder und Kleinkinder, die vor den uneinschätzbaren Folgen der atomaren Strahlung in Sicherheit gebracht wurden. Bei den Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki, daran denke ich besonders oft, müssen entsetzliche, längst vergrabene Erinnerungen wach werden. Ich denke an meine eigene Angst, die mich als Schülerin 1977 zur Demonstration in Brokdorf trieb, und an meine ehemaligen Kollegen von Greenpeace, die seit ihrer Gründung ein Ende des Atomzeitalters fordern.

Wer diese Bilder sieht, wer diese Katastrophe verfolgt, hat nur einen Impuls: den Menschen in Japan zu helfen – sofort. Das gilt auch für Sie, unsere Unterstützer und Spender. Sie rufen uns an, Sie überweisen uns Spenden mit dem Verwendungszweck „Japan“. Und auch wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Welthungerhilfe, möchten nichts lieber tun, als den Japanern beizustehen in dieser schwersten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.

Lange haben wir hier im Haus der Welthungerhilfe beraten und mit unseren Experten gesprochen, ob die Welthungerhilfe in Japan sinnvoll helfen kann. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das nicht möglich ist. Ist das herzlos? Wir meinen: Nein. Die Welthungerhilfe ist eine Organisation, die sich entsprechend ihres Mandates um Hungernde und Arme in den Entwicklungsländern kümmert und dort Ihre Kompetenzen, ihre Erfahrungen und vor allem ihre bewährten Partner hat, mit denen wir bei jedem Einsatz zusammenarbeiten. Deshalb sind wir überzeugt, dass wir keinen sinnvollen Beitrag leisten können, um das Leid der Überlebenden in Japan zu lindern. Ich kann Ihnen versichern, dass uns allen diese Entscheidung nicht leicht gefallen ist.

Wir sind sofort zur Stelle, wenn Menschen nach Naturkatastrophen in Entwicklungsländern Hilfe brauchen. In Haiti und Pakistan etwa konnten wir im letzten Jahr mit Trinkwasser und Nahrungsmitteln das Überleben der Betroffenen sichern und tun es weiter, in dem wir in beiden Ländern langfristige Aufbauhilfe leisten. So können wir Kindern und ihren Eltern wieder eine echte Chance auf einen Neuanfang bieten.

Aber genau hier liegt der Unterschied zur Situation in Japan. Wir haben in Japan keine lokalen Partner, keine eigenen Mitarbeiter, keine Ortskenntnis, wie das in vielen anderen Ländern der Welt der Fall ist. Das aber sind Voraussetzungen für eine wirksame und seriöse Unterstützung in unserem Arbeitsfeld. Im Gegensatz zu Entwicklungsländern, in denen wir sonst helfen, verfügt Japan zudem über funktionierende, wenn auch derzeit überforderte staatliche Strukturen wie Armee, Polizei und Katastrophenschutz, die sich um die Überlebenden kümmern können. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.

Natürlich, das Dilemma bleibt. Wir erfahren in diesen Tagen schmerzlich, dass unsere Möglichkeiten zu helfen begrenzt sind. Dies gilt auch für die Geschehnisse in Nordafrika, wo die Welthungerhilfe nicht tätig ist. Umso glücklicher bin ich darüber, dass es andere Organisationen gibt, die in Japan sinnvoll helfen können. Und ich bin froh, dass wir in anderen Teilen der Erde nicht hilflos zusehen müssen. Im Südsudan zum Beispiel greifen wir Menschen unter die Arme, die sich auf den Weg in den neuen Staat gemacht haben, um dort einen Neuanfang zu wagen. Wir stehen vielen Flüchtlingen bei und geben ihnen Planen und Wasserkanister, damit sie in den Übergangslagern vor der kommenden Regenzeit geschützt sind und sauberes Trinkwasser holen können. Auch die Familien in Liberia, die sich vor den Kämpfen in der Elfenbeinküste geflüchtet haben, können mit unsere Unterstützung rechnen.

Das Schicksal der verzweifelten Überlebenden in Japan kann niemandem gleichgültig sein. Mit ganzem Herzen haben sich deshalb alle Mitarbeiter der Welthungerhilfe heute Morgen dem bundesweiten Aufruf zu einer Schweigeminute für die Opfer in Japan angeschlossen.

Oft hoffen wir bei dramatischen Ereignissen, dass sie die Welt verändern – etwa bei der Ölkatastrophe im Mexikanischen Golf. Und kurze Zeit später gehen wir doch wieder zur Tagesordnung über, und die Politik ändert sich nicht wirklich. Ich persönlich hoffe, dass das Desaster von Japan uns alle so nachhaltig aufrüttelt, dass sich die Weltgemeinschaft zu einer Zeitenwende in der Energiepolitik entschließt. Daran möchte ich glauben, genauso wie an die Kraft der Japaner, das Grauen zu überwinden und ihr so schönes und faszinierendes Land wieder aufzubauen.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis für unsere Entscheidung. Die Welthungerhilfe wird die Spenden, die bei uns für Japan eingehen, nach Rücksprache mit den Spendern an seriöse Organisationen weiterleiten, die vor Ort  über Strukturen und Partner verfügen und somit wirklich helfen können.

Dies ist für uns Ausdruck eines seriösen Umgangs mit Spendern und Spendenmitteln.

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1 Kommentar

  • Daniel Maiser sagt:

    Wow! Ich bin tief beeindruckt von Eurer Offenheit und Transparenz!

    Nur aufgrund dieses Beitrags werde ich Euch zukünftig unterstützen! hut ab!

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