Neue Allianz bei Klimaverhandlungen in Paris: Die Koalition der Ehrgeizigen

Der neue Vertragsentwurf für das Pariser Klimaabkommen ist da. Gestern wurde bis weit in die Nacht beraten, heute wird weiter ausgehandelt.
Der neue Vertragsentwurf für das Pariser Klimaabkommen ist da. Gestern wurde bis weit in die Nacht beraten, heute wird weiter ausgehandelt.

Es mag ein gutes Zeichen sein, dass die „Koalition der Ehrgeizigen“ so groß ist, dass sie kaum mehr an einen Tisch passt. Umweltministerin Barbara Hendricks hat ebenso wie der US-Klimabeauftragte John Todd Stern noch einen Stuhl in der Mitte ergattert. Doch EU-Umweltkommissar Miguel Arias Cañete wird von den anderen acht Unterhändlern so an den Rand gedrängt, dass er nur mit Mühe beide Beine unter die Tischplatte strecken kann.

Die Pressekonferenz am Mittwochabend in Paris könnte der entscheidende Wendepunkt in den Verhandlungen über ein globales Klimaabkommen sein.

Mehr als 90 Staaten, darunter neben den USA und der EU auch Länder aus dem Pazifik, der Karibik, Afrika und Lateinamerika, erklärten, dass sie sich für ein ambitioniertes globales Klimaabkommen einsetzen wollten.

 „Mehr Druck“ in den Verhandlungen sei das Ziel, sagte der US-Klimabeauftragte Todd Stern. Diesen Druck wird es brauchen, soll die drohende Klimakatastrophe doch noch abgewendet werden.

Auch nach zehn Tagen Verhandlungen sind zentrale Fragen des globalen Klimaabkommens noch ungeklärt.

Im neuen Vertragsentwurf, den der französische Vorsitz am Mittwoch vorlegte, finden sich an den entscheidenden Stellen noch immer Klammern.

Je länger diese Klammern bleiben, desto mehr muss Tony de Brum um seine Heimat fürchten. Er ist Außenminister der Marshall Inseln, einer Inselgruppe mit gerade einmal 72.000 Einwohnern im Pazifik. Er kam nicht nach Paris, um für Wirtschaftsinteressen oder Geld zu kämpfen. Er kämpft dafür, dass sein Land auch weiterhin existieren kann. Nun sitzt er mit den Koalitionären auf dem Podium und berichtet von der Sorge um seine Heimat, die schon jetzt allmählich im Meer versinkt. Maximal um 1,5 Grad dürfe sich das Weltklima erhöhen, sagte er. Alles andere würde die kleinen Inseln noch mehr gefährden. „Wir müssen sofort handeln“, fordert de Brum eindringlich.

Es mangelt nicht an Appellen in Paris

Es werde hier über die Zukunft des Lebens auf unserem Planeten entschieden werden, warnte Frankreichs Staatspräsident François Hollande bereits bei der Eröffnung der Konferenz. US-Außenminister John Kerry erklärte zehn Tage später. „Wir blicken der Katastrophe ins Auge.“

Einer derjenigen, die entschlossen für ein ambitioniertes Abkommen kämpfen, ist Bas Eickhout. Er ist klimapolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament und kommt aus den Niederlanden – ein Land, das selbst massiv von einer nachhaltigen Erwärmung des Weltklimas betroffen wäre.

Paris sei vermutlich die letzte Chance, die Erderwärmung zu begrenzen, sagt Eickhout. Je länger man damit warte, umso schwieriger und teurer werde es später, die Kehrtwende einzuleiten. „Vieles lässt sich schon heute nicht mehr rückgängig machen, zum Beispiel die Abschmelzung an den Polen, aber noch ist nicht Alles verloren.“

Man will nicht den gleichen Fehler machen wie vor sechs Jahren in Kopenhagen.

Damals hatte sich die Weltgemeinschaft erfolglos in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen über ein globales Klimaabkommen gestritten. Der Name Kopenhagen steht wie ein Mahnmal im Raum, wenn die Delegierten miteinander sprechen.

Die Teilnehmer sind allerdings davon überzeugt, dass dieses Mal die Chancen auf eine Einigung besser stehen. Während sich in Kopenhagen vor allem die USA und China über die Pläne für Klimaschutz stritten, hätten dieses Mal mehr als 180 Staaten ihre Pläne auf den Tisch gelegt. „Ich bin zuversichtlich, dass wir in Paris einen Deal bekommen werden“, sagt Eickhout.

Die Frage ist, wie ambitioniert der Deal ausfallen wird.

„Am Ende des Gipfels darf nicht nur eine Absichtserklärung stehen, sondern konkrete Zusagen der Industriestaaten an Entwicklungsländer und klare Regeln dafür, wie die Verpflichtungen für alle überprüft und eingehalten werden“, sagt der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen.

Man warnte gleichwohl schon davor, in eine Starre zu verfallen, sollte das Ergebnis am Ende nicht den Erwartungen entsprechen. „Sollte es keine politische Einigung für einen internationalen Klimaschutzplan geben, müssen wir in anderen Bereichen weitere Erfolge erreichen“, fordert Leinen. Es müsse mehr in erneuerbare Energien investiert werden.

Es ist eine Forderung, die große Teile der Industrie teilen – offiziell zumindest. In Paris sind auch zahlreiche Industrievertreter anwesend: Vom Autohersteller BMW bis hin zum Lebensmittelkonzern Unilever. Viele von ihnen sagen, sie würden unternehmerische Chancen in einer klimafreundlichen Geschäftspolitik sehen. Dazu gehören etwa die zahlreichen Anbieter von erneuerbaren Energien. „Wachstum und Wohlstand müssen möglich werden, ohne damit automatisch auch klima- und umweltschädliche Emissionen in die Höhe zu treiben“, sagt Oliver Hummel, Vorstand des Ökostrom-Anbieters Naturstrom. Er fordert die Industrienationen auf, den ärmeren Staaten dabei zu helfen, Alternativen zur Kohle bei der Stromerzeugung zu finden. „Deutschland und die hiesigen Unternehmen können andere Staaten darin unterstützen, das Kohlezeitalter zu überspringen und eine zukunftsfähige Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen aufzubauen.“

Es geht hier nicht nur um abstrakte Zahlen oder Wirtschaftsinteressen, sondern um Menschen, sagt Rupa Mukerij. Sie ist Vorstandsmitglied bei der Schweizer Organisation Helvetas und plä­die­rt dafür, beim Klimaschutz stärker auch auf die Rolle der Frauen zu achten.

Am Ende sind es meist die Frauen, die sich um die Ernährung der Familien kümmern.

„Frauen werden als erste mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert“, sagt Mukerij. Frauen können auch deswegen eine entscheidende Rolle dabei spielen, die negativen Folgen des Klimawandels zu minimieren. „Sie haben eine ausgeprägte Fähigkeit zur Beobachtung und verfügen über traditionelles Wissen. Das ist eine Schlüsselressource, um Anpassungsstrategien zu entwickeln.“

Damit sich etwas ändert, wird es einen globalen Klimavertrag brauchen.

Wenig Zeit bleibt noch, um ihn auszuhandeln. Die selbstgesetzte Frist der Staaten läuft am Freitag ab. Dass es eine Verlängerung geben könnte, wird allerdings schon jetzt nicht ausgeschlossen.

Da ist es ein gutes Zeichen, dass die Koalition der Ehrgeizigen wächst.

Selbst die Mitglieder können nicht so recht sagen, wie viele Staaten diese Koalition denn nun konkret umfasst. Einige sagen 90, andere 100. Auch Bundesumweltministerin Hendricks weiß es nicht genau. Auf die Frage nach der genauen Zahl sagt sie: „Es werden sozusagen ständig mehr“.

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