Finanzkrise und Welthunger – welche Antworten haben wir?

Wenn die Nachfrage der Konsumenten sinkt, bedeutet das einen Rückgang der Exporte von Rohstoffen aus den Entwicklungsländern. © Steurer
Wenn die Nachfrage der Konsumenten sinkt, bedeutet das einen Rückgang der Exporte von Rohstoffen aus den Entwicklungsländern. © Steurer

Liebe Leserinnen und Leser,

im vergangenen Herbst wurden wir Zeuge einer einzigartigen internationalen Anstrengung zur Rettung des internationalen Finanzsystems. Allein in Deutschland waren Politiker bereit, ein Hilfspaket in Höhe von 500 Milliarden Euro zu schnüren. Damit wollen sie den von der Krise betroffenen Banken Finanzspritzen verschaffen. Durch Ausfallbürgschaften soll der Zahlungsverkehr zwischen den Geschäftsbanken wieder herstellt werden.

Während sich die Berichterstatter auf die negativen Wachstumsraten für Deutschland, Europa und andere OECD-Staaten konzentrieren, werden die Auswirkungen auf die Entwicklungsländer häufig nur am Rande gestreift. Dabei zählen die ärmsten Länder erst recht zu den Verlierern des Finanzdesasters, welches durch Profitgier und Verantwortungslosigkeit hervorgerufen wurde.

Denn wenn die Nachfrage der Konsumenten sinkt, bedeutet das einen Rückgang der Exporte von Rohstoffen aus den Entwicklungsländern: Die Produzenten von Erdnüssen, Baumwolle und Ananas bleiben auf ihren oftmals verderbbaren Erzeugnissen sitzen. Oder sie müssen ihre Ware zu einem Preis verkaufen, der unterhalb der Herstellungskosten liegt, weil sie den Verkaufserlös zum Überleben benötigen.

Zudem werden keine Investitionen in der Verbesserung kleinbäuerlicher Produktsysteme (Bewässerung, Düngereinsatz, Pflanzenschutz, Aussaat ertragreicher Pflanzensorten) mehr getätigt, da die notwendigen Kleinkredite fehlen. Die refinanzierten Banken sind nicht mehr in der Lage, die erforderlichen Sicherheiten zu garantieren.

Selbst Schwellenländer wie Indien registrieren einen Rückzug ausländischer Investoren und Finanzagenturen, die bislang häufig die Defizite der Leistungsbilanz mit kurzfristigem Kapital finanziert haben.

Nicht zuletzt können wir davon ausgehen, dass sich die zu erwartenden geringeren Steuereinnahmen sowie die Rettungsaktionen für die Banken auf zukünftige Budget-Debatten für die Entwicklungszusammenarbeit auswirken.

Das alles ist nicht gut für die Entwicklungszusammenarbeit und die Entwicklungsländer!

Gerade erst haben steigende Preise für Nahrungsmittel und Rohstoffe – trotz eines vorübergehenden Abfalls im Zuge der Finanzkrise – den Blick auf die Potenziale ländlicher Räume gelenkt, die aufgrund jahrzehntelanger Vernachlässigung nicht ausgeschöpft werden konnten.

Doch ich frage mich: Woher werden die nationalen und internationalen Ressourcen kommen, die notwendig sind, um die ländliche Infrastruktur der Entwicklungsländer mit Verkehrswegen, Elektrizität und Telekommunikation auszustatten? Erforderliche Voraussetzungen, damit Marktanreize überhaupt bei den Produzenten ankommen und zugleich ihre Güter die Märkte erreichen.

Wer wird in der Lage sein, die nationale Agrarforschung, die landwirtschaftliche Beratung und die Bereitstellung dezentralisierter Dienstleistungen so zu fördern, dass von ihnen Impulse zur Steigerung von Produktion und Produktivität ausgehen? Woher kommen die zusätzlichen Mittel, um den fast eine Milliarde Hungernden eine Perspektive zu geben?

Es würde unseren politischen Entscheidungsträgern gut anstehen, ein Rettungspaket zu schnüren für das Erreichen des ersten Millenniumsziels: den weltweiten Hunger zu halbieren.

Es braucht dazu keine 500 Milliarden Euro. Es ist viel, viel weniger: Das internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI) in Washington beziffert die für ein signifikantes weltweites landwirtschaftliches Wachstum erforderlichen Finanzmittel auf 14 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Für eine Steigerung der Produktion in Subsahara-Afrika wären demnach jährlich weniger als zwei Milliarden US-Dollar notwendig.

Geradezu skandalös mutet vor diesem Hintergrund die Diskussion um die Verwendung nicht ausgeschöpfter Agrarexport-Subventionen der Europäischen Kommission in Höhe von einer Milliarde Euro an: Aus „grundsätzlichen Überlegungen“ sei man nicht in der Lage, diese Mittel in die Förderung der Agrarproduktion armer Länder umzuschichten. Dabei fand man ein Jahr vorher nichts dabei, unverbrauchte Agrarbeihilfen für die Finanzierung des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo einzusetzen.

Unsere Politiker sollten jetzt den Weitblick und den Mut beweisen, der sie noch vor wenigen Wochen bei der Bewältigung der Finanzkrise ausgezeichnet hat! Oder werden noch mehr Menschen hungern, weil sich hierzulande Banker verspekuliert haben?

Ich freue mich über Ihre Ansichten und Meinungen! Diskutieren Sie mit mir.

Herzlichst,

Ihr Hans-Joachim Preuß

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