Flüchtlinge in Liberia: Die Mittel sind knapp, doch geteilt wird alles

Bisher haben geschätzte 130.000 Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste das Nachbarland Liberia erreicht. Hinter der Grenze warten sie auf den Transport in eines der Flüchtlingslager.
Bisher haben geschätzte 130.000 Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste das Nachbarland Liberia erreicht. Hinter der Grenze warten sie auf den Transport in eines der Flüchtlingslager.

Ein Interview mit Rüdiger Ehrler, Nothelfer bei der Welthungerhilfe.
Die Meldungen aus der Elfenbeinküste zeichnen ein immer dramatischeres Bild von der Lage im Land. Andauernde Kämpfe zwischen Anhängern des bisherigen Machthabers Laurent Gbagbo und dem gewählten Präsidenten Alassane Ouattara  veranlassen immer mehr Menschen, die Elfenbeinküste zu verlassen. Viele von ihnen fliehen in die Nachbarländer Liberia und Mali.

In der liberianischen Grenzregion zur Elfenbeinküste Grand Gedeh ist die Welthungerhilfe seit 2004 aktiv. Von den geschätzten 130.000 Flüchtlingen, die bereits in Liberia angekommen sind, befinden sich hier rund 25.000. Rüdiger Ehrler vom Nothilfeteam der Welthungerhilfe arbeitete bereits in zahlreichen Katastrophengebieten. Seit einigen Tagen ist er in Grand Gedeh, um den Nothilfeeinsatz zu begleiten und weitere Schritte zu planen.

Am Telefon berichtete er mir direkt aus Zwedru, dem Sitz der Welthungerhilfe in Liberia, von seinen Erlebnissen.

Berichten zufolge sind bis zu 25.000 Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste in der Region Grand Gedeh angekommen. Wie sind sie untergebracht?

Ehrler: Viele Flüchtlinge sind von liberianischen Familien aufgenommen worden, die selbst während des Bürgerkrieges in Liberia vor zehn Jahren Zuflucht in der Elfenbeinküste gesucht haben. Die Gastfreundschaft und das Gefühl der Zugehörigkeit sind hier sehr groß. Nicht zuletzt, weil beide Seiten überwiegend der Ethnie der Krahn angehören.

Reichen denn die Mittel der Gastgeber aus, um sowohl die eigene Familie als auch die Flüchtlinge zu versorgen?

Ehrler: Die Versorgungslage hinsichtlich Wasser und Nahrung ist tatsächlich prekär. Die Gastgeber haben kaum genug, um sich bis zur kommenden Erntesaison zu versorgen.Umso bewegender ist es zu sehen, wie bereitwillig sie die knappen Mittel teilen. Manche Haushalte sind auf das Dreifache angewachsen. Damit die Nahrung reicht, werden auch die Vorräte gegessen, die für die kommende Aussaat aufgespart werden müssten. Zum Glück ist landwirtschaftliche Nutzfläche ausreichend vorhanden.  Das geben die Liberianer großzügig an die Flüchtlinge ab. Die Gastgeber rechnen ohnehin damit, dass die Ivorer lange bleiben werden. Mit dem Land können sie sich später selbst versorgen. Das ist eine echte Chance für die Flüchtlinge.

Die  Welthungerhilfe unterstützt beide Seiten: einheimische Familien und Flüchtlinge. Seit zwei Wochen bauen wir zusätzliche Brunnen und Latrinen. Gleichzeitig bereiten wir uns darauf vor, Werkzeuge und Saatgut für die bevorstehende Aussaat zu  verteilen – und zwar an Flüchtlinge und Einheimische.

Auf welchem Weg kommen die Menschen aus der Elfenbeinküste nach Liberia?

Ehrler: Fast alle erreichen die Grenzen zu Fuß. Vor einigen Tagen waren wir in Tempo Town,  an einem der wenigen Grenzübergänge über den Fluss Cavala zur Elfenbeinküste. Tausende Flüchtlinge sind hier inzwischen gestrandet. In den Häusern gibt es kaum noch Platz. Deshalb campieren viele im Freien, richten sich in Kirchen oder in der Schule ein. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das UNHCR,  holt die völlig erschöpften Menschen mit Lastwagen ab, um sie dann  in ein Übergangslager in Ziah Town zu bringen.
Zunächst war dies nicht möglich, weil Brücken und Wege unpassierbar waren. Mit einem Arbeitertrupp aus einem unserer Projekte hat die Welthungerhilfe die zugewachsenen Wege mit Motorsägen und „Pangas“ –  also Macheten – geräumt, Brücken instand gesetzt und die Infrastruktur wieder aufgebaut. Nun pendeln die LKWs mehrmals am Tag.

Was erzählen die Flüchtlinge von ihrer Flucht?

Ehrler: Alle müssen den Grenzfluss Cavala überqueren. Bei Tempo Town ist ein Einbaum und ein kleines Boot auf der liberianischen Seite festgemacht. Kommen Menschen ans ivorischen Ufer, wird zunächst per Zuruf die Identität geklärt. Man will sicher sein, dass es sich um Flüchtlinge handelt. Erst dann setzen die Boote über. Eine 14-köpfige Familie erzählte mir, dass sie drei Tage durch den Wald geirrt ist, um an den Grenzübergang zu gelangen. Sie hatten Angst vor einem Überfall. Denn an den Grenzen treiben auch Rebellen ihr Unwesen, die niemand zuordnen kann. Als die Familie endlich am Fluss angelangt war und die zwei Boote sich auf den Weg zu ihnen machten, gab es plötzlich eine Schießerei. Die Boote drehten abrupt um und die Familie stürzte ins Wasser. Glücklicherweise konnten sich alle ans Ufer retten. Doch aus Furcht blieben sie weitere drei Tage im Wald versteckt, bevor sie erneut den Übergang wagten.

Es befinden sich vor allem Frauen, Kinder und Ältere in den Camps. Wo sind die Männer?

Ehrler: Viele Väter arbeiten weit weg von der Familie, zum Beispiel auf Plantagen. Als es gefährlich wurde, sind die Frauen mit den Kindern und Alten alleine geflohen. Das ist natürlich nicht leicht. Auf dem Weg von Tempo zurück in unser Büro in Zwedru, trafen wir eine hochschwangere Frau mit ihrer 71-jährigen Mutter und der 8-jährigen Tochter auf der Straße. Die Frau stand kurz vor der Geburt. Sie wollten nach Zwedru zu Bekannten, also haben wir sie mitgenommen. In Zwedru stellte sich heraus, dass die Telefonnummer der Bekannten nicht stimmte. Schließlich kam sie bei einer Nachbarin unter. Wenn sie erst einmal als Flüchtlinge registriert sind, wird die Frau mit etwas Glück auch medizinische Versorgung erhalten.
So geht es vielen hier – gerade den Schwangeren. Die Krankenhäuser vor Ort sind völlig überlastet.

Wann werden die Flüchtlinge wieder zurück in ihre Heimat können?

Ehrler: Ich glaube, dass es Jahre braucht bis sich die politischen Verhältnisse stabilisiert haben. Der abgewählte Gbagbo vertritt den christlichen, wohlhabenderen Teil im Süden der Elfenbeinküste. Ouatarra steht für die zahlenmäßig stärkeren Muslime im Norden. Es gibt Kräfte im Süden, die sagen, sie wollen nicht von Muslimen regiert werden. Selbst wenn Ouatarra seinen Posten als Präsident einnehmen kann, muss man mit Widerstand gegen die neue Regierung rechnen. Kommt es zu anhaltenden Konflikten, werden viele Flüchtlinge in den nächsten Jahren nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Noch ist es reine Spekulation, aber in den nächsten drei bis vier Monaten sehe ich keinen Frieden in der Elfenbeinküste.

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Die Welthungerhilfe ist in Liberia und Mali in der Flüchtlingshilfe aktiv. Unterstützen Sie uns!

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1 Kommentar

  • Sami sagt:

    Ich finde es schlimm wie die Kinder in den Familien leben. Sie leben in schlimmen Lagern. Liberia ist sehr arm !!!!
    Eure Sami

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