„Das ist die Offensive!“ Flüchtlinge im Nordirak zwischen Bangen und Hoffen, Rohbauten und Zeltplanen

Tausende Familien sind vor dem IS in den Norden des Iraks geflohen. © Dickerhof
Tausende Familien sind vor dem IS in den Norden des Iraks geflohen. © Dickerhof

Schon vor zehn Minuten dachte ich, jetzt müsse die Grenze aber wirklich da sein, und immer noch fahren wir weiter. Vorbei an unzähligen LKWs, links und rechts von der Straße eingereiht. Wahnsinn, das müssen Tausende sein – vollgepackt mit Waren, die in den Nordirak sollen. Fakt ist, dass die Türkei gute Geschäfte macht mit der Autonomen Region Kurdistan, wie das Gebiet im Nordosten des Irak offiziell heißt. Eine gut ausgebaute Autobahn führt bis an die Grenze, wo ich eine eigene Landesflagge sehe, von eigenen Grenzern kontrolliert werde, ein Visum erhalte. Ich besuche zunächst die Stadt Dohuk, was auf Kurdisch „kleines Dorf“ bedeutet und mir mit Blick auf den Bauboom etwas euphemistisch erscheint. Gut 500.000 Einwohner hat die Provinzhauptstadt.

Gerade einmal rund 60 Kilometer weiter südlich liegt die irakische Stadt Mosul, die von den Schergen des „Islamischen Staats“ eingenommen wurde. Noch ist es hier, im Nordirak, sicher. Aber das könnte sich auch bald ändern, denn die gemeinsame Grenze ist recht durchlässig. In der Stadt, vor allem aber auf den großen Landstraßen und an neuralgischen Punkten, passiere ich Check-Points der Peschmerga, den Streitkräften der Autonomen Region Kurdistan. Ich bin unterwegs zu einem Dorf mit dem verstörenden Namen Sharia. Der irakische Machthaber Saddam Hussein hatte in diesem herrlich gelegenen Tal in den 80er Jahren viele Familien zwangsumgesiedelt. Ganze Dörfer waren „verschoben“ worden. Auch ein Grund, warum hier seit einigen Jahren wieder viel gebaut wurde:

Die Menschen wollten wieder zurück. Bis dann der Krieg in Syrien und im Irak selbst kam.

Die Wände sind noch roh, aber die Fenster dicht: Flüchtlinge  im Nordirak. © Dickerhof

Die Wände sind noch roh, aber die Fenster dicht: Flüchtlinge im Nordirak. © Dickerhof

Ein Einfamilienhaus für 42 Menschen

Jetzt sitze ich in einem Rohbau und trinke Tee. Die Arbeiten an dem geräumigen Einfamilienhaus sind vor vielen Jahren eingestellt worden, im Erdgeschoss gibt es vier große Zimmer mit nackten Wänden. Vier Zimmer, die jetzt vier Wohnungen geworden sind – eine Familie lebt jeweils in einem der Räume, 42 Personen sind es insgesamt. Dem Besitzer des Rohbaus wurde angeboten, das Haus mit Kunststofffenstern und Türen auszustatten. Im Gegenzug hat dieser mit den Flüchtlingen einen Mietvertrag abgeschlossen. Für zwei bis vier Jahre dürfen sie hier nun rechtssicher wohnen – ohne Miete zahlen zu müssen. Ein Agreement, von dem alle Beteiligten profitieren.

Ich höre Neamet Qasem zu, dem Oberhaupt der einen Familie. Wie alle hier im Tal sind sie Jesiden und kommen aus der Stadt Sengal (je nach Sprache und Schreibweise auch Sindschar oder Shingal). Mit dem Auto sei man dort in rund drei Stunden, die kleine Stadt liegt im Irak, direkt am Fuße der Sindschar-Berge. Moment, die kenne ich doch aus den Nachrichten? – Richtig, genau hier waren im Spätsommer Tausende Jesiden von den IS-Kämpfern eingekesselt worden, man hatte gar einen Völkermord befürchtet.

Ich erfahre, dass noch etwa 3.000 Menschen dort in den Bergen verschanzt seien. Gerade sei die Großoffensive gestartet, mit Luftangriffen der Alliierten und Bodentruppen der kurdischen Peschmerga, ausgestattet auch mit deutschen Waffen. So Gott wolle, seien die Nachbarn und Verwandten dort schon bald wieder frei. Die Stimmung im Raum ist gedrückt, einer der Söhne Neamets prüft alle drei Minuten sein Mobiltelefon. Dann ruft er eine Nummer an, spricht kurz – und reicht es mir herüber. Ich höre Geschrei, Schüsse, Explosionen – es klingt schrecklich. Geschockt frage ich, was ich da höre. Antwort: Die Gegenoffensive in den Sindschar-Bergen hat begonnen!

Wenn es gelänge, den IS dauerhaft zu vertreiben, könne man wieder zurück. Häuser, Ställe, Dörfer wieder aufbauen. Ein selbstständiges Leben führen. Von den Erträgen der eigenen Felder leben. Tränen fließen, Menschen zwischen Wut, Verzweiflung, Resignation – und doch auch Hoffnung. Bevor wir aufbrechen, denke ich einmal mehr:

Wenn sie nur eine Perspektive haben, können Menschen eine ganze Menge aushalten.

Besuch im Camp Bajed Kandala Nummer Eins, zu Gast bei Fahan Kasim und seiner Familie.

Am Nachmittag sitze ich im „Schlafzimmer“ einer anderen Flüchtlingsfamilie auf einer dünnen Schaumstoffmatte. Der Wind lässt den Zeltstoff an meinen Hinterkopf flattern. Neun Personen werden hier heute Nacht schlafen, das Zelt bietet kaum mehr Fläche als ein deutsches Doppelbett. Wahnsinn! 13.425 Flüchtlinge leben alleine hier in diesem einen Flüchtlingslager, 90 Prozent Jesiden, 10 Prozent Moslems, alle zu 100 Prozent aus dem Irak geflohen.

Das Camp ist ausgestattet und geführt vom Development and Modification Center DMC in Kooperation mit dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen. Es gibt sogar (meistens jedenfalls) Strom im Zelt, welches auf einem gemauerten Podest steht, damit es nicht im Schlamm versinkt. Und dass dieser kommt, ist sicher, steht doch die kalte Zeit des Winters vor der Tür. Oder sollte ich besser sagen: vor der Plane? Hoffentlich gelingt es den Mitarbeitern der Welthungerhilfe, hier bald ein Set von Winterkleidung an die Familien zu verteilen. In der Türkei läuft das Programm ja bereits erfolgreich, dort konnte ich miterleben, welchen Unterschied etwa vernünftige Thermo-Unterwäsche für Kinder und Erwachsene ausmacht.

Vielleicht bin ich an den LKWs mit den Hilfsgütern vorgestern vor der Grenze ja schon vorbei gefahren? Ich verlasse den Nordirak in der Hoffnung, dass die Hilfslieferungen bald abgefertigt werden, und dass der üble Spuk in der Heimat dieser Menschen bald ein Ende nehmen wird.

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