Zukunftsweisend und gastfreundlich: Ein Besuch in Tadschikistan

Marktstände in Dushanbe. Andrea Düchting berichtet von ihrer Reise nach Tadschikistan.
Marktstände in Dushanbe. Andrea D. berichtet von ihrer Reise nach Tadschikistan.

Stille und Ruhe umgibt uns. Gelb gefärbte Laubbäume vor kargen braunem Gestein und Gebirge. Vor zwei Wochen waren wir noch bei mehr als 30 Grad im Millenniumsdorf Ogur. Wenn ich an Afrika denke, ist es warm, laut und lebendig. Nun schlagen wir uns im Schneesturm bis zum Millenniumsdorf Veshab auf ca. 1500 m Höhe im Norden Tadschikistans durch.

Es geht durch einen etwa fünf Kilometer  langen unbeleuchteten, durchnässten, ungelüftetem Tunnel, von dem bereits viele Kollegen und Kolleginnen berichtet hatten. Vorgewarnt durch die Geschichten der KollegInnen sind wir gespannt darauf, was uns im Tunnel erwarten wird. Wir haben Glück, es ist wenig Verkehr, keine Bauarbeiten, kein Starkregen oder ähnliche Hindernisse, die den Weg erschweren würden. Wir schaukeln im Dunkeln hindurch und hören Geschichten über vergangene Fahrten zu. Manche steckten eine Stunde fest, andere sogar acht. Nach einer Viertelstunde waren wir schon wieder draußen, zurück im Schneesturm.

Ein herzlicher Empfang

Wir fahren an kleinen Bergdörfern vorbei. Steinhäuser an den Berg gebaut, kaum von der Umgebung zu unterscheiden, erst beim genaueren Hinschauen erkennt man Schornstein und kleine Fenster. Die Gipfel mit Schnee bedeckt oder im Nebel verhangen. Nach langen vier Stunden kommen wir schließlich in Veshab an. Müde und durchgefroren ziehen wir unsere Schuhe im Hauseingang aus und treten in einen kleinen mit Teppichen und Kissen gesäumten, warmen Raum. Eine Festtafel empfängt uns mit: getrockneten Aprikosen und Aprikosenkernen, geknackten Walnüssen, Äpfeln, Tee und vielen anderen Leckereien. Ein Augen- und später auch Gaumenschmaus. Tee wird eingeschenkt, Brot aufgetischt und Suppe gereicht. Wir reden über das Wetter, den morgigen Workshop, über Veshab und Familiengeschichten.

Am nächsten Morgen werden wir peu à peu wach und der Blick aus dem Fenster bestätigt die gestrige und nächtliche Vermutung: Draußen ist es schneeweiß, der Himmel strahlend blau und mit Sonnenschein! Unser Häuschen ist von schneebedeckten Bergen umgeben – die gestern noch bunt leuchtenden Laubbäume biegen ihre Äste vor Schnee. Eine wunderschöne Landschaft umgibt uns! Der Erkundungstour des Dorfes zu Beginn des Workshops steht nichts mehr im Wege und wir sind voller Vorfreude und gespannt.

Nach einem guten Frühstück brechen wir dick eingepackt zur Schule auf, in der der Workshop stattfinden soll. Dort sind bereits die ersten Teilnehmenden versammelt. Wir eröffnen den Workshop mit einer Begrüßung und der Dorferkundungstour, um zu erleben, wie sich die Situation in den letzten Jahren geändert hat. Bei strahlend blauem Himmel machen wir uns dick eingemummelt mit rund zwanzig Frauen und Männern auf den Weg durch Veshab. Wir beginnen an der Schule, die erst vor zwei Jahren wieder in Betrieb genommen wurde. Weiter geht es zum Theater und Büro der Imker, zur Gesundheitsstation und zum Wasserwerk.

Frauen wie Rukia setzen sich durch

Während unseres Spaziergangs durch das Dorf treffen wir auf die 43-jährige Rukia Nazarowa, die mit ihrem Mann und den vier Kindern in Veshab lebt. Sie lädt uns zu sich nach Hause ein und wir erleben eine aktive Frau, die überall zu sein scheint und viel zu sagen hat. Ihr Ehemann ist eher schweigsam, doch bezeugen Beide, sich gut zu verstehen. Und das ist nicht so einfach im patriarchisch geprägten Tadschikistan. Rukia selbst nimmt seit 2007 an den Aktivitäten im Millenniumsdorf teil, unterstützt das Projekt und mobilisiert die Frauen. Seitdem Rukia in einem Nachbarort an einem „Mobilisierungskurs“ teilgenommen hat, betrachtet sie die Situation aus einem völlig anderen Blickwinkel. Für sie ist es am wichtigsten, das Leben der jungen Mädchen zu ändern. Klassisch gingen sie maximal 11 Jahre zur Schule, heirateten und kümmerten sich um Haushalt und Familie. Die Mütter der Töchter wollten keinen weiteren Bildungsweg.

Es war gar nicht so einfach für Rukia, die Erlaubnis z.B. für die Teilnahme an Nähkursen zu bekommen. Und es war auch nicht einfach, die Kurse zu organisieren. Die Mütter dachten anfangs, Rukia würde ihre Töchter nach Dubai verkaufen. Doch Rukia erklärte geduldig, um was es bei den Nähaktivitäten geht. Heute kann man sich in Veshab Kleidung nähen lassen und braucht sich nicht mehr ins Nachbardorf oder die nächstgelegene und 1,5 Stunden entfernte Stadt Aini zu begeben. 

So wundert es nicht, dass sie auf unsere Frage – was sollte die Welthungerhilfe weltweit in den Projekten umsetzen – antwortet: An erster Stelle Women Empowerment. Und sie ist sich bewusst

Being rich, does not make someone happy. It’s most important to understand each other within the family.

Bei schönstem Sonnenschein wandern wir weiter durch Veshab, genießen die Landschaft, führen Gespräche mit der Bevölkerung – soweit mit der Sprachbarriere möglich. Nach einer halben Stunde sind wir zurück an der Schule und verbringen den restlichen Tag im Workshop.

Nachdem ich jahrelang in Afrika unterwegs war, bin ich nun zum ersten Mal in Zentralasien… Und ich muss sagen, mir gefällt es, sehr sogar! In Tadschikistan ist es leiser als in vielen afrikanischen Ländern, auch deutlich kühler. Aber genauso bunt. Frauen tragen ihre Waren auch hier auf dem Kopf, Kinder sind wie überall neugierig und es gibt Reis, Gemüse und Fleisch zu essen – die Menschen sind überaus gastfreundlich und herzlich. Doch eins ist anders: Wenn die Tadschiken lachen, leuchten und blitzen die Goldzähne.

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