Genug Wasser für alle: So trotzt eine Region Äthiopiens der Dürre

„Ich danke Gott, dass er mich davon erlöst hat, die Sorge in den Augen meiner Kinder zu sehen und mich zu schämen, weil ich sie nicht ernähren kann“, sagt Ato Wario.
„Ich danke Gott, dass er mich davon erlöst hat, die Sorge in den Augen meiner Kinder zu sehen und mich zu schämen, weil ich sie nicht ernähren kann“, sagt Ato Wario.

Am selben Tag, an dem ich die herzzerreißende Geschichte der Menschen in Yabelo gehört hatte, besuchte ich noch eine andere Gegend in Äthiopien. Hier leiden die Menschen dank des 2015 von der Welthungerhilfe begonnenen Resilienz-Projektes so gut wie gar nicht unter der anhaltenden Dürre.

Eine Wasserpumpe für den Ergo-Distrikt

Yabelo ist eines der am stärksten von der Dürre betroffenen Gebiete in Äthiopien. Aktuell sind dort über 450.000 Menschen von der Trockenheit betroffen. Die Welthungerhilfe unterstützt durch Projekte bei der Bewältigung der Dürre und ihrer Auswirkungen. So auch im Ergo-Distrikt – eine der Gegenden, die für das länderübergreifende Projekt „Stärkung der Resilienz von Agropastoralist*innen und Pastoralist*innen“ ausgewählt wurde.

Verblüffend ist, dass die aktuelle Dürre den Bewohnern des Ergo-Distrikts nichts anhaben kann, während sie Gemeinschaften in nur 65 km Entfernung schwer getroffen hat. Warum? Weil die Menschen im Ergo-Distrikt Zugang zu dem motorbetriebenen 60.000-Liter-Wasserversorgungssystem haben, das im Rahmen des Projekts gebaut wurde. Es ist wunderbar, wie sich ein einziges Projekt der Welthungerhilfe auf die Gemeinschaft, mit der wir arbeiten, auswirkt.

Die neue Wasserversorgungsanlage im Ergo-Distrikt, Äthiopien.

Die neue Wasserversorgungsanlage im Ergo-Distrikt, Äthiopien.

Ato Wario ist 61 Jahre alt. Er unterstützt neun Familienmitglieder und hat viele Dürrezeiten erlebt. Nach der letzten Dürre blieben ihm nur noch neun Ziegen. „Ich war verzweifelt. Ich konnte meine Kinder nicht mehr ernähren, sie starrten auf meine Hand, wenn ich nach Hause kam, um zu sehen, ob ihr Vater nicht etwas zu essen bringen würde. Aber das konnte ich nicht, die Situation machte mich hilflos und ohnmächtig.“

Die Gemeinschaftsmitglieder mussten weite Strecken zurücklegen, um Wasser zu holen. Da diese Aufgabe normalerweise von den Frauen übernommen wird, litten diese am meisten. Mit rauer Stimme erinnert sich Wario an diese Erlebnisse: „Eine Frau gebar unterwegs ihr Kind, ohne jede Hilfe. Wir mussten auch miterleben, wie eine Frau von einer Herde Tiere getötet wurde, die trinken wollten.“

Ato Wario aus dem Ergo-Distrikt, Äthiopien.

„Ich danke Gott, dass er mich davon erlöst hat, die Sorge in den Augen meiner Kinder zu sehen und mich zu schämen, weil ich sie nicht ernähren kann“, sagt Ato Wario.

Vor einigen Jahren installierte eine NRO eine 10.000-Liter-Wasserpumpe. Diese konnte jedoch den Bedarf der Gemeinschaft nicht decken. „10.000 Liter für mehr als 40.000 Menschen, 15.000 Ziegen und mehr als 10.000 Rinder? Das Wasser reichte nie aus!“, sagt Wario. Im Jahr 2015 kamen dann die Welthungerhilfe und ihr Partner AFD (Action for Development). Sie installierten eine weitere motorbetriebene Wasserpumpe, die zusätzlich 50.000 Liter Wasser liefert. Diese neu erbaute Anlage hat einen eigenen Platz, um die Tiere zu tränken, und ein Becken, um Kleidung zu waschen. Der weiteste Weg, den jemand nun zurücklegen muss, um zu dieser Anlage zu kommen, braucht weniger als zwei Stunden.

Ausreichend Wasser für Mensch und Tier

Warios Leben hat sich völlig verändert: „Jetzt habe ich 100 Ziegen, die viel Milch produzieren. Wir verwenden die Milch für unseren Eigenbedarf, den Rest verkaufen wir auf dem Markt.  Mit dem zusätzlichen Geld kann ich meine Kinder zur Schule schicken und verschiedenste Nahrungsmittel essen. Ich bin abgesichert!“

Auch Ato Dima Guyo, 55 Jahre alt, 19 Familienmitglieder, hatte die meisten seiner Tiere verloren. Nur sieben Ziegen waren ihm geblieben. Dann wurde er als ein Mitglied des Komitees für die Verwaltung der Wasserversorgungsanlage ausgewählt. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Anlage vor allem zu schützen, was den Betrieb beeinträchtigen könnte und sicherzustellen, dass das Wasser gerecht in der Gemeinschaft verteilt wird.

Als Komitee-Mitglied ist Ato Dima Guyo mitverantwortlich für die Verwaltung der Wasserversorgungsanlage.

Als Komitee-Mitglied ist Ato Dima Guyo mitverantwortlich für die Verwaltung der Wasserversorgungsanlage.

Er erinnert sich noch sehr gut an die Vergangenheit, wie lange man sich für Wasser anstellen musste, wie sich die Tiere darum keilten, als erstes zu trinken und wie das Komitee unermüdlich und ohne Pause Unterstützung leistete. Mit der neu errichteten Anlage kann das Komitee nun Pausen einlegen, nachdem es den Menschen beim Wasser entnehmen geholfen hat.

„Das Wasser, das wir früher holten, war für unsere Tiere zu kalt. Dieser Speicher hat warmes und frisches Wasser, das gut für die Tiere ist. Da sie nun so regelmäßig Wasser bekommen, geben die Tiere mehr Milch. Außerdem sind wir der Meinung, dass seitdem auch ihr Fleisch besser schmeckt.“

Die Zahlungsmodalitäten sind wie folgt: Die Menschen kommen jeden Tag, um Wasser zu holen, und jeden zweiten Tag können sie ihre Tiere bringen.  Eine Einzelperson zahlt 30 Cent pro Kanister, 50 Cent pro Ziege, 50 Cent pro Kamel, 25 Cent pro Schaf und 50 Cent pro Kuh. Die Menschen können so viel Wasser entnehmen, wie sie möchten, da die Wassermenge in der Anlage nicht begrenzt ist. Das gesammelte Geld verwendet das Komitee für die Instandhaltung und administrativen Kosten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

„Die festgelegten Preise richten sich nach dem durchschnittlichen Einkommen, das eine Person erzielen kann“, sagt Ato Dima. „Verglichen mit anderen Wasserversorgungsanlagen ist diese billiger und leicht zugänglich. Das macht die Gemeinschaft zufrieden und stolz.“

Wasser ermöglicht Schulbildung

Ato Dima kann nun 200 Ziegen halten. Mit dem zusätzlichen Geld, das er durch den Verkauf der Milchprodukte verdient, schickt er seine Kinder zur Schule. Er kann nicht verhehlen, wie stolz er ist, wenn er lächelnd erzählt, wie sich dieses Wasser auf sein Leben auswirkt. Er war ein Mann, der alles verloren hat. Doch er hat es geschafft, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, begeistert und traurig zugleich zu sein. Ich wünschte, man könnte einfach „Copy and Paste“ anwenden, um diese Wasserversorgungsanlage für die von der Dürre betroffenen Menschen im Yabelo-Distrikt zu kopieren und ihnen so zu helfen. Und vielleicht einige Ziegen aus der Herde von Ato Dima an Adi Alecha zu geben, dessen Leben von einer einzigen Kuh abhängt. Ich weiß, das ist nicht möglich, aber manchmal hilft es, sich das Unmögliche zu wünschen, um sich besser zu fühlen.

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