Dauerhafte Katastrophenvorsorge erfordert starke Gemeinschaften

Ob ein Extremereignis zur Katastrophe führt, ist immer auch abhängig von der Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft - und der Katastrophenvorsorge. @ Pilar
Ob ein Extremereignis zur Katastrophe führt, ist immer auch abhängig von der Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft - und der Katastrophenvorsorge. @ Pilar

Mitte März 2015 trifft sich die Weltgemeinschaft im japanischen Sendai zum Weltgipfel zur Katastrophenvorsorge. Die Verabschiedung eines neuen Rahmenplans zur Katastrophenvorsorge steht auf der Tagesordnung. Wieder eine Internationale Konferenz, zu der tausende Teilnehmer aus allen Teilen der Welt anreisen. Polit-Tourismus? Oder die Chance auf Übereinkommen für ein sicheres und menschenwürdiges Leben für alle? Die World Conference on Disaster Risk Reduction (WCDRR) ist einer von weiteren drei großen Gipfeln in 2015 und 2016. Nachhaltige Entwicklung, Klimaschutz, Humanitäre Hilfe. Diese Themen stehen derzeit auf der Agenda der Weltgemeinschaft.

Wissen wir nicht spätestens seit 1992, was notwendig ist, damit zukünftige Generationen sicher und menschenwürdig leben können? Oder schon seit Anfang der 1970er Jahre, nach der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“? Oder noch früher. Die Älteren unter uns mögen sich erinnern.

Von Extremereignissen bedrohte Menschen im Fokus

Trotz aller Erkenntnisse: In den vergangenen Jahrzehnten dominiert die Betriebswirtschaft über die Volkswirtschaft, die private Gewinnmaximierung über soziale Verantwortung. Was ist aus Ludwig Ehrhards Maßhalten und sozialer Marktwirtschaft geworden? Auf dem Altar des Neoliberalismus verbrannt? Wie fruchtbar ist die Asche noch? Phönix, in welcher Form erhebst du dich wieder?

Es ist kein Wunder, dass der internationale Aktionsplan zur Katastrophenvorsorge von 2005 (Hyogo Framework for Action – HFA) bei der Reduzierung von strukturellen Risikofaktoren, obwohl als eines von fünf prioritären Arbeitsfeldern ausgewiesen, kaum erfolgreich war: Ernährungssicherung, Umweltsicherung, Einkommensverbesserung, soziale Sicherungssysteme – all dies fordert sozioökonomische Entscheidungen, die für so manch einen Investor und Politiker im Widerspruch zum Fetisch Wachstum stehen.

Dank des Aktionsplanes sind nationale und regionale Systeme zur Frühwarnung und zum Katastrophenmanagement entstanden und weiter gefestigt. In der humanitären Hilfe kam es zu einem Paradigmenwechsel: Nicht mehr nur die bereits von Katastrophen betroffenen Menschen stehen im Blick der Akteure sondern auch die von Extremereignissen bedrohten Menschen. Das ist gut so.

Hier inspiziert Jürgen Mika vom Nothilfeteam der Welthungerhilfe eine zerstörte Schule auf Gigantes.

Als Taifun Haiyan über die Philippinen jagte, verloren mehr als 4,1 Millionen Menschen ihre Häuser. Hier inspiziert Jürgen Mika vom Nothilfeteam der Welthungerhilfe eine zerstörte Schule auf Gigantes.

Naturkatastrophen gibt es nicht

Das Hyogo Framework for Action hat zweifellos das Verständnis für ein vorsorgendes Handeln weltweit geschärft. Mit der Erkenntnis: Naturkatastrophen gibt es nicht! Ob ein Extremereignis zur Katastrophe führt, ist immer auch abhängig von der Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft. Also immer von sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Faktoren. Dieses Grundverständnis ist die Voraussetzung für eine strukturelle Katastrophenvorsorge. Ein Naturereignis können wir nicht beeinflussen. Aber: Wir können die Frühwarnung verbessern. Wir können Mechanismen zur Vorbereitung und effektive Reaktion auf Katastrophen stärken. An der Schnittstelle, nein, nicht voneinander trennen sondern verbinden, also an der Nahtstelle zwischen Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zur Stärkung der Resilienz bedrohter Gemeinschaften. Und wir müssen weiter auf eine Überwindung der strukturellen Ursachen von Hunger, Armut und Ungerechtigkeit drängen.

So ist auch im Rahmen des neuen Aktionsplans vorgesehen, in ökonomische, soziale, kulturelle und ökologische Resilienz zu investieren (Priorität 3). Wird dies besser gelingen als bisher? Wird die volkswirtschaftliche Verantwortung über das Gewinnstreben der Investoren dominieren? Wird der politische Wille stark genug sein?

Für die Weltgemeinschaft wird es eine große Herausforderung, die derzeit laufenden Prozesse zur Katastrophenvorsorge, zur nachhaltigen Entwicklung, zum Klimaschutz und zur Humanitären Hilfe zusammenzuführen. Ein Schritt, sich der Vision der Welthungerhilfe anzunähern. Eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Gerechtigkeit, frei von Hunger und Armut.

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