Haiti: Steinige Wege zur Gleichberechtigung

Félisie Jean Louis, 60, und Marthe Marseille, 60 zum Thema Gleichberechtigung auf Haiti
Félisie Jean Louis, 60, und Marthe Marseille, 60 zum Weltfrauentag

Mein Kollege Junior und ich sind auf dem Weg nach Les Palmes, Haiti, wo wir zusammen mit unserer Partnerorganisation Concert Action in den nächsten Tagen einen Workshop mit der Bevölkerung organisiert haben. Wir kommen oder schaukeln wohl eher in Schritttempo voran und ich ertappe mich dabei, wie ich kurzzeitig überlege, auszusteigen und zu Fuß weiterzugehen. Bleib dann aber dennoch sitzen und betrachte die beeindruckende Landschaft um mich herum. Les Palmes liegt auf rund 1.100 m. Da kann man, finde ich, durchaus schon von einem Berg reden. Ansonsten ist es ganz schön öde um mich herum. Die jahrzehntelange Abholzung macht sich bemerkbar, denn richtige Wälder sieht man kaum noch. Man sagt, dass lediglich 2% der Insel noch bewaldet sind (in 1940 waren es noch 30%, in 1970 noch 10%). Das sieht und spürt man.

Wie steht es um die Gleichberechtigung im ärmsten Land Amerikas?

Haiti war einmal das reichste Land in der Region. Politische Krisen, immer wiederkehrende Naturkatastrophen und ein hohes Bevölkerungswachstum haben Haiti mittlerweile zu dem ärmsten Land auf dem amerikanischen Kontinent gemacht. Die meisten Menschen leben hier von der Landwirtschaft  wenn ich mir die Felder betrachte, beneide ich sie darum sicherlich nicht. Ich sehe Steilhänge, kleine Parzellen mit etwas grün und, ehrlich gesagt, überall nur Steine. Wie soll man da überhaupt anbauen?! Ich habe großen Respekt vor der harten  Arbeit. Dabei liegt das Durchschnittsalter bei 19 Jahren; in einer Familie leben durchschnittlich 8 Personen.

Darüber wird auch im Workshop in den nächsten Tagen viel diskutiert: Wie hat sich die Situation in den letzten Jahren geändert? Hat sie sich für Frauen und Männer gleich verändert oder gibt es Unterschiede. Die Teilnehmenden sind sich einig, dass sich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen eindeutig verbessert hat. Nach dem Erdbeben und Hurrikan Sandy war die Situation besonders schwierig, die Männer meinten, ihre Frauen seien nicht glücklich gewesen, weil es keine Lebensmittel gab und sie ihren Familien nichts Kochen konnten. Heute sei das Leben leichter. Frauen halten kleine Gemüsegärten und Beide verdienen Geld, um die Familie gemeinsam zu versorgen.

Frauen haben weniger Zugang zu Bildung

Frauen spielen in der haitianischen Gesellschaft eine wichtige Rolle und bilden gleichzeitig das Gesicht der Armut. Es mangelt ihnen an Zugang zu gut bezahlten Arbeitsplätzen, zu Bildung oder einer guten Gesundheitsversorgung. Obwohl es eine 30%-Quote gibt, sind nur 3,5% der Sitze im Parlament mit Frauen besetzt (vgl. 32,4% in Deutschland). Sie besuchen im Vergleich zu Männern, die durchschnittlich 6,7 Jahre an der Schule sind, nur 3,2 Jahre die Schule (vgl. Deutschland: Frauen 12,6 Jahre, Männer 13,3). Denn sie bekommen sehr früh, durchschnittlich bereits mit 15-19 Jahren, Kinder und werden für die gleiche Arbeit weniger bezahlt als die Männer.

Aber auch die hitzigsten Debatten haben irgendwann ein Ende. Bleibt die Frage, ob man hier oben im abgelegenen Les Palmes auch den Internationalen Weltfrauentag feiert. Einige kennen ihn, andere nicht. Man ist sich aber einig, dass man den Tag feiern sollte. Nicht nur weil es Juniors Geburtstag ist, sondern auch weil auf die oft sehr schwierige Rolle der Frau aufmerksam gemacht werden muss.  

Was sagen die Locals?

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Félisie Jean Louis, 60, und Marthe Marseille, 60:

„Früher waren wir komplett von unseren Ehemännern abhängig. Wir hatten keine Möglichkeit, uns an den Haushaltskosten zu beteiligen. Das hat sich jetzt geändert. Seit wir Gemüse anbauen, können wir fast immer genug ernten und jeden Tag unsere Familien ernähren. Wir haben die Häufigkeit der Mahlzeiten in der Hand – und auch die Qualität. Wir können außerdem Geld für wichtige Dinge wie Medikamente oder die Schulgebühren unserer Kinder zurücklegen. Wir sind unabhängiger und nicht mehr gezwungen, unsere Männer nach Geld zu fragen. Und da sind wir stolz drauf. „

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Simain Gustan, 27, und Louis Rigal, 43:

Einige Frauen sind sehr eigenständig geworden, nachdem sie an einer Schulung zur Weiterverarbeitung von Lebensmitteln teilgenommen haben. Sie haben jetzt die Möglichkeit, ihre Ernten zu verarbeiten und die Produkte gewinnbringend zu verkaufen. Die Frauen sind jetzt besser integriert und profitieren von den gemeinschaftlichen Aktivitäten.

Frauen geben dem Leben einen Sinn, sie haben es verdient geehrt zu werden. Die haitianische Regierung sollte dem Weltfrauentag mehr Bedeutung schenken. Und die Frauen sollen wissen, dass sie unser Leben bereichern. Wir wünschen uns, dass sie noch mutiger sind, dass ihnen Verantwortung übertragen wird, und dass sie sich nicht unter dem Gewicht des Lebens beugen müssen.“

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Laurette Jean Louis, 28:

„Der Weltfrauentag ist sehr wichtig. Ein einziger Tag im Jahr ist eigentlich viel zu wenig, um die Frauen für das, was sie machen und repräsentieren, zu würdigen. Die Männer bemühen sich – aber wir machen die Hausarbeit. Im Vergleich zu den Männern haben wir seltener die Möglichkeit, in die Schule zu gehen und werden nicht immer wertgeschätzt.

Wir wünschen uns, dass wir als Frauen mehr akzeptiert werden. Dass wir ausreichend Mittel und Möglichkeiten zum Leben haben. Und dass die im haitianischen Gesetzt verankerte 30-Prozent-Quote zur Partizipation der Frauen angewandt wird und sich auf mindestens 50 Prozent erhöht.“

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Jean Philippe Hubert, 51, und Benèche Jean Claude, 41:

„Frauen sind die Säulen jeder Familie und jeder Gesellschaft. Aber leider werden ihre Rechte oft nicht respektiert. Sie haben mehr Verantwortung als Männer. Wenn sie sich engagieren, ist das eine große Erleichterung für uns.

Wir haben an Schulungen zu verschiedenen Themen wie Gleichberechtigung teilgenommen. Das hat uns geholfen, die Bedeutung von Frauen besser zu verstehen und unser Verhalten ihnen gegenüber zu verbessern.

Mehr über unsere Arbeit in Haiti erfahren Sie auf unseren Projektseiten.

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