Haben wir aus der Tsunami-Katastrophe vor vier Jahren gelernt? Der Umgang mit der Ausnahmesituation in Myanmar/Birma.

Nachdem Zyklon Nargis eine verheerende Schneise der Verwüstung hinterließ, herrscht im ehemals fruchtbaren Irrawaddy-Delta massiver Trinkwassermangel, die Welthungerhilfe hat die Versorgung von 76 Doerfern üebernommen.
Nachdem Zyklon Nargis eine verheerende Schneise der Verwüstung hinterließ, herrscht im ehemals fruchtbaren Irrawaddy-Delta massiver Trinkwassermangel, die Welthungerhilfe hat die Versorgung von 76 Doerfern üebernommen.

Die Folgen des Zyklons Nargis, die in ihrer Gänze noch gar nicht absehbar sind, bedeuten unendliches Leid für Hunderttausende Menschen in Myanmar/Birma. Über die Anzahl der Todesopfer bestehen bis dato nur Schätzungen. Abertausende haben ihre Angehörigen, ihr Heim, ihre komplette Lebensgrundlage verloren. Die wenigen Bilder, die wir bislang durch die Medien erhalten, lassen die Erinnerung an den Tsunami im Indischen Ozean wiederaufkommen: Bei der Jahrhundertkatastrophe kamen Ende Dezember 2004 unzählige Menschen ums Leben, als riesige Wellen die Küsten von Thailand, Indonesien, Sri Lanka und Indien überfluteten und für Zerstörungen unglaublichen Ausmaßes sorgten.

Wie damals steht auch heute die schnelle Nothilfe im Vordergrund, um den Sturm-Opfern das Überleben zu sichern. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn die Regierung den Nothelfern den Zugang zu den Krisengebieten gestattet und sie in ihrer Arbeit nicht behindert. Gleichzeitig sollten wir Hilfsorganisationen uns die Lehren, die wir aus den internationalen Hilfsoperationen für die Tsunami-Opfer gezogen haben, erneut vergegenwärtigen. Das könnte uns helfen, unsere Arbeit nun noch besser zu organisieren und effizientere Hilfe zu gewährleisten.

Was haben wir also aus der Vergangenheit gelernt?

1) Wie sind uns unserer Kompetenz sicher!

Wir Hilfsorganisationen haben oft große Angst vor den öffentlichen Vorwürfen, die Hilfe werde nicht schnell genug geleistet. Nicht selten resultieren solche Anklagen aus der übertriebenen Darstellung der Medien hinsichtlich Opferzahlen und Ausmaße von Katastrophen. Denn eine Meldung muss ja schließlich fesseln, am besten noch entsetzen, damit sie Abdruckgarantie und somit auch Gehör findet.

Die Welthungerhilfe weiß, wozu sie in der Lage ist. Wir kennen unsere Kernkompetenzen ganz genau. Seit Jahrzehnten sind wir in Entwicklungsländern aktiv. Und wir wissen, wie professionelle Arbeit aussieht. Wir kennen Chancen – aber auch Grenzen – viel besser als jeder Journalist: Wir lassen uns nicht verrückt machen!

2) Die Selbsthilfefähigkeiten der betroffenen Menschen nicht unterschätzen!

Die Betroffenen sind nicht nur Opfer, sondern gleichzeitig auch starke Akteure. Trotz des, oder vielleicht sollte man sagen, gerade wegen des Elends gibt es eine große Solidarität innerhalb der armen Bevölkerung. Neben der allgegenwärtigen Bedürftigkeit werden Strategien und Energien zur Selbsthilfe aktiviert. Als Katalysator wirkt nicht zuletzt ein unbändiger Überlebenswille.

Wenn unsere Hilfe an diese Voraussetzungen im Zusammenspiel mit unseren langjährigen Erfahrungen anknüpft, dann ist sie enorm wirkungsvoll und vor allem nachhaltig. Wenn wir es schaffen, die Menschen in ihrer Hilfe zur Selbsthilfe zu stärken, dann haben sich unsere Bemühungen gelohnt.

3) Wiederherstellung des Status quo ante ist keine Lösung

Katastrophen treffen die Menschen in den Entwicklungsländern immer am schlimmsten. Sie sind verwundbarer gegenüber unvorhergesehenen Ereignissen. Wenn wir durch unsere Intervention nur versuchen würden, den Ursprungszustand wieder herstellen, dann zementierten wir ihre prekäre Lage und somit die Armut.

Eine wirkliche Verbesserung kann auf vielerlei Weise erfolgen: Zerbrechliche Hütten werden durch eine stabile Grundkonstruktion widerstandsfähiger gegen Flut, Wind und Erdbeben gemacht. Verbessertes Saatgut und Werkzeug erhöhen Boden- und Arbeitsproduktivität. Aufenthalte in Flüchtlingslagern können für Schulunterricht oder Unterweisung in Hygiene, Anbauverfahren, Ernährungslehre genutzt werden. Überall bieten Krisen auch Chancen: Sie müssen erkannt und ausgeschöpft werden!

4) Schon heute an übermorgen denken!

Alles muss schnell gehen, alle Kapazitäten werden gebraucht. Doch was kommt nach der Bewältigung der unmittelbaren Katastrophe? Sobald der Druck der sofortigen Hilfeleistung vorüber ist, sollten Fachleute umgehend Untersuchungen für den längerfristigen Bedarf und nachhaltige Entwicklungsprojekte vornehmen. Doch: Für längerfristige Entwicklungszusammenarbeit oder gar Katastrophenvorsorge gibt es kaum „frisches“ Geld. Also: Wir müssen an das Morgen denken und Geld für den „Tag danach“ reservieren. Nur so können Nothilfeoperationen in nachhaltige Maßnahmen übergeleitet werden.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Was empfinden Sie, wenn Sie die Ereignisse in Myanmar/Birma verfolgen?

Es grüßt herzlich,

Ihr Hans-Joachim Preuß

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1 Kommentar

  • Roswitha Bergenthal sagt:

    Die Ereignisse in Birma sind doppelt erschütternd: das Leid durch die Naturkatstrophe und die Unmenschlichkeit der Militärregierung. Es ist unerträglich Hilfe, die angeboten wird, zu verweigern und das Leid von Menschen billigend in Kauf zu nehmen. Das ist für mich ein Verbrechen an der Menschlichkeit und gehört vor den Internationalen Gerichtshof. Ich kann nicht begreifen, dass die verantwortlichen Politiker der Industrieländern seit Jahren scheinbar nichts tun. Durch die Naturkatastrophe wurde dieses Versäumnis ganz offenbar.
    Eine Hilfsorganisation wie die“Welthungerhilfe“ kann die politischen Probleme nicht lösen. Sie muß damit leben. Verantwortliche Politiker sollten aber auch von Hilfsorganisationen an ihre vielen Versprechen erinnert werden. Vielleicht ist die Spendenbereitschaft auch deshalb so gering, weil man eine Initiative von den westlichen Politikern erwartet.

    Mit freundlichen Grüßen
    Roswitha Bergenthal

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