Haiti: “Arbeitsalltag” nach einem der schwersten Erdbeben überhaupt

Zerstörtes Haus: Im Januar 2010 verwüstete ein schweres Erdbeben Haiti. © Herzau
Zerstörtes Haus: Im Januar 2010 verwüstete ein schweres Erdbeben Haiti. © Herzau

Das Hotel ächzt wieder so unheimlich bei den allnächtlichen Nachbeben. Es ist einzige, das noch steht in Petit Goâve und das man aus diesem Grund als erdbebenfest erklärt hat. Wahrscheinlich ist es das auch. Die kleinen Risse wirken harmlos. Nicht, dass man wirklich Angst hätte. Aber es raubt einem dennoch den Schlaf. Wenn der Tag um 6:00 Uhr mit dem E-Mail – Lagebericht nach Bonn beginnt und abends um 22:00 Uhr mit der Arbeitsgruppe Nahrungsmittel endet, kann das sehr erschöpfend sein, was die Menge an Schlaf anbelangt.

Am Morgen, wenn es noch etwas kühler ist, finden die Verteilungen statt. Am Tag zuvor wurden die Familien identifiziert, die am dringendsten versorgt werden müssen. Am Abend sollten zwei Lastwagen geladen werden, gerade genug, um die 800 Pakete zu fassen. Mit drei angetriebenen Achsen sind geländegängig genug, um die steile, erodierte Straße in Richtung Les Palmes zu schaffen. Ein Lastwagen fällt mit Batterieschaden aus und die geplante Verteilung droht zu platzen. Der französische Logistiker unserer Partnerorganisation, Herr über 24 angetriebene Achsen und gesamte (aber kümmerliche) 12.8 Tonnen Nutzlast, sieht, beruflich bedingt, nur Lösungen: pas de problème, wir werden zweimal fahren, doppelt so schnell ab- und wieder aufladen wie sonst und halb so schnell verteilen, damit keine Panik entsteht bei den Wartenden.

Die Straße durch Beatrice, einem ärmlichen Vorort am Berg, wird durch einen Steinwall blockiert. Die Menschen dahinter blicken finster und im Moment sagt niemand pas de problème. Der Chef unserer Partnerorganisation kennt die Leute, er wohnt selbst nicht weit von hier. Gleich oben am Hang stehen die Notunterkünfte. Die meisten „Dächer“ bestehen aus zerschlissenen Bettlaken, das hilft gegen morgendlichen Tau. Höchstens. Gestern hatte es den ersten Wolkenbruch gegeben, die Regenzeit könnte früher einsetzen. Die Angst, dass man den Wettlauf mit der Jahreszeit nicht gewinnen kann ist greifbar.

Wir wollen mit dem „chef du quartier“, dem Sprecher einer aufgebrachten Gruppe reden, Francois Millène. Er ist aufgebracht: „Meine Frau ist beim Erdbeben gestorben, meine Kinder werden krank durch den Hunger und den Regen. Wir sehen jeden Tag die vollen Lastwagen, nichts ist bei uns angekommen. Wie kann das sein, dass man uns an der Strasse vergisst, warum, weshalb …“ Ich muss jetzt versuchen, seine überschnappende Stimme mit wenigen langsamen und leisen Worten zu übertönen, sonst gibt es nicht nur ein Wortgefecht. Das braucht Zeit, die haben wir eigentlich nicht, aber müssen sie uns jetzt dennoch nehmen. Wir reden zehn Minuten. Monsieur Millène wird ruhiger und ich kann lauter werden, damit es alle hören. Ja, wir nehmen sie ernst, nein wir bleiben hier bis alle etwas haben. Ja, die Welthungerhilfe ist schon seit 36 Jahren in Haiti. Warum sollten wir gerade jetzt gehen? Aber wir müssen weiterfahren, Werkzeuge zu den Arbeitern bringen, die wir schnell kaufen und bei anderen Hilfsorganisationen leihen konnten.

50 Arbeiter fangen nun an mit der Reparatur der Strasse. In zwei Wochen werden es 100 sein. Und wir werden noch mehr Leute brauchen, nicht nur über Wochen, sondern über Monate. Wir bezahlen jedem der 12 Tage arbeitet 200 Gourdes, das sind rund vier Euro am Tag. Damit kann man eine Familie ernähren.

Die Arbeiter haben mit ihren eigenen Werkzeugen schon mal angefangen. Ob wir Arbeitshandschuhe hätten? Die Steine, frisch aus der Straße gebrochen, sind scharfkantig. Die fein austarierte Überlebenswirtschaft in Petit Goâve ist zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Nicht so sichtbar und plötzlich wie die meisten Häuser, aber nicht weniger bedrohlich. Wer früher einen kleinen Schreibwarenladen hatte ist jetzt glücklich, 12 Tage Einkommen im Straßenbau zu haben. Nein, wir haben jetzt noch keine Schutzhandschuhe, aber wir erwarten einen Container mit Werkzeugen aus dem dominikanischen Santo Domingo. Genug für 1.000 Arbeiter. Müsste diese Woche noch kommen. Mit Handschuhen, auch mit Schutzbrillen. Wenn das pas de problème sei, dann würde mir ein Stein vom Herzen fallen. Und natürlich geht das. „Madames et Monsiers, merci beaucoup – vielen Dank“. Ich mache dabei eine sehr, sehr tiefe Verbeugung und alle lachen schallend.

Das allabendliche Koordinationstreffen findet auf der Hotelterrasse und beim Essen statt – und davor und danach. Informelle Begegnungen sowie die formalen, die technische Standards setzen müssen. Themen wie Wasserversorgung, Unterkünfte, Gesundheit werden im Detail besprochen. Die Welthungerhilfe leitet die Themengruppe Nahrung. Das umfasst sowohl die schnelle Hilfe mit Nahrungsmitteln, als auch die Versorgung der Bauern im Hinterland mit frischem Saatgut und Werkzeugen.

Aus Nahrungsmittelhilfe muss bald Ernährungssicherung werden. Erst wenn die Ernährung gesichert ist, aus eigener Kraft und mit fremder Unterstützung, kann Entwicklung beginnen. Hunger zerstört diesen Ansatz. Die Organisationen müssen sich über die schnellstmögliche Erhebung der wichtigsten Daten einigen, um zielgenauer arbeiten zu können. Es gibt richtig viel Arbeit hier. Für Jahre, nicht Monate. Schwierig ist es hinzunehmen, dass man jetzt nur das Wichtigste tun kann und das Wichtige erst nach Wochen. Wir „Internationale“ versuchen die Tage zu dehnen, aber müssen trotz allem auf uns aufpassen. Essen und schlafen. Zeit nehmen für ein E-Mail nach Hause oder ein Telefongespräch. Aber angesichts der Not und des Leids der Menschen hier in Haiti ist das eigentlich doch alles pas de problème!

Es grüßt aus Haiti,

Thomas Hörz

Bewerten Sie diesen Artikel: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Bisher keine Bewertungen)
Loading...

4 Kommentare

  • ebook sagt:

    was mich besonders erschüttert ist, dass nach haiti kein hahn mehr kräht. das unglück ist aus dem medien und somit auch aus dem focus der öffentlichkeit verschwunden. ich kann mir gut vorstellen wie es den armen leuten dort geht. die tun mir richtig leid.

  • Daniel sagt:

    @ebook:
    Das ist doch immer so. Die Leute haben sich am Leid der Haitianer satt gesehen und warten jetzt auf eine neue Katastrophe, die sie aus ihrem trüben Alltag reisst. Es ist wirklich erschreckend.

  • Direkt nach dem Erdbeben habe ich bei verschiedenen Hilfsorganisationen gespendet. Ich habe mich sofort bei SOS gemeldet und eine Patenschaft übernommen. Weiterhin wurde in unserem Ort eine Veranstaltung zu Gunsten von Adoptionen durchgeführt. Die Spenden waren großartig. Bei uns gibt es schon ein Adoptivkind aus Haiti. Es sollte noch ein kleiner Junge dazu gekommen. Es war auch schon alles behördlicherseits in die Wege geleitet. Durch das Erdbeben und die schlimmen Umstände durften die Kinder früher zu ihren Adoptiveltern. Als die Kinder hier ankamen waren einige schon fast ausgetrocknet und mit Fieber, Erbrechen und Durchfällen belastet. Trotzdem sind diese Kinder jetzt in guter Obhut. Ich verfolge die Geschehnisse täglich auf Haiti und hoffe und bete, dass die Menschen bald wieder in einigermaßen geordneten Verhältnissen leben können. Ich werde auch weiterhin spenden.

  • Simone Pott sagt:

    @Brigitte Loosen

    Wir verstehen gut, dass angesichts des Leids in Haiti, und insbesondere dem der Kinder, viele Menschen schnell und unkompliziert helfen möchten. Wir halten es dennoch für die bessere Lösung, die Kinder nicht aus ihrem gewohnten Lebensumfeld herauszuholen. Sie haben möglicherweise noch Verwandte, die vielleicht immer noch nicht gefunden wurden, bei denen sie sein möchten, die sich um sie kümmern können. Nicht nur die Welthungerhilfe, sondern auch andere Hilfswerke distanzieren sich von einer Empfehlung, diese Kinder in andere Länder zu vermitteln und somit dem gewohnten Umfeld zu entziehen. Stattdessen empfehlen wir die Förderung des Wiederaufbaus von sozialen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern oder Übergangsheimen für Kinder, die ihre Eltern bei Katastrophen verloren haben.

    Viele Grüße, Simone Pott, Welthungerhilfe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihren Kommentar erst prüfen, bevor dieser auf der Webseite erscheint. Weitere Informationen finden Sie in unserer Blog-Netiquette.