Haiti wird mich noch lange begleiten

Simone Pott im Nothilfe-Einsatz im Welthungerhilfe-Büro in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. © Grossmann
Simone Pott im Nothilfe-Einsatz im Welthungerhilfe-Büro in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. © Grossmann

Der Einsatz in Port-au-Prince ist für mich jetzt zu Ende, doch die Arbeit in Haiti wird noch lange weitergehen. Auch die Menschen, die das schreckliche Erdbeben miterleben mussten, werden sicherlich noch lange unter diesem traumatischen Ereignis leiden. Hinter mir liegen zwölf anstrengende Tage. Und noch immer ist es für mich surreal wieder im beschaulichen winterlichen Deutschland mit seinen ordentlichen Häusern und aufgeräumten Straßen zu sein

Am Samstagmorgen ist unsere kleine Gruppe mit dem Auto in Richtung Dominikanische Republik aufgebrochen. Meine Kollegin, Regina Tauschek, die beim Erdbeben ihr gesamtes Hab und Gut verloren hat, der freie Journalist Uli Dillmann und ich haben gemeinsam die Heimreise angetreten.

Auf unserem Weg sind wir in Port-au-Prince auch an der amerikanischen Botschaft vorbeigekommen. Vor dem Gebäude lagerten hunderte haitianischer Familien mit Sack und Pack. Zu sehen, wie die Frauen und Männer mit ihren kleinen Kindern auf dem Arm schon seit Stunden in der Sonne warten, hat mich sehr berührt. Sie warten vor der Botschaft, weil sie in die USA ausreisen wollen. Alle, die es schaffen, ein Visum oder eine Aufenthaltsgenehmigung für Amerika zu bekommen, verlassen nun das Land. Was das für den Wiederaufbau bedeutet, kann ich nur vermuten. Doch meine Vermutungen lassen schlimmes für das Land befürchten: Denn vor allem die gut ausgebildeten Menschen flüchten und werden später fehlen. Ich kann sie persönlich verstehen, die Zukunftsaussichten in Haiti sind einfach zu schlecht. Doch für das Land ist es fatal.

Am Grenzübergang zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti herrscht reges Treiben, wir sehen viele Lastwagen mit Hilfsgütern. Taxis warten und Menschen laufen herum. Nachdem wir die haitianische Grenze passiert haben, werden wir etliche Male durch Straßensperren aufgehalten. Früher gab es diese Sperren nicht. Doch seit dem katastrophalen Erdbeben ist in der Dominikanischen Republik die Angst vor Drogenschmuggel und illegalen Einwanderern gewachsen.

Als ich in der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo ankomme, trifft mich der erste Schock. Gerade noch in einer Art Hölle, finde ich mich auf einmal in einem Urlaubsparadies wieder. Palmen, blauer Himmel und fröhliches Treiben empfangen mich. Es ist wie in einem falschen Film. Ich kann nicht glauben, dass ich noch auf derselben Insel bin. Wie kann es sein, dass die Menschen hier weitermachen, als sei nichts geschehen?

Der zweite Schock trifft mich, als ich am späten Sonntagabend im kalten, verschneiten Deutschland ankomme. Noch einmal ein krasser Bruch zum tropischen Port-au-Prince. Ich bin fast betäubt. Doch ich freue mich so auf meine Familie, dass ich mir für diese Gedanken keine Zeit nehme.

Ich weiß aus meiner langjährigen Berufserfahrung, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis ich das Erlebte verarbeitet habe. Manches werde ich wohl nie vergessen. Weil ich selbst Kinder habe, stehen mir vor allem die Bilder der schwer verletzten Kinder vor Augen. Aber über das Erlebte zu reden hilft. Vor allem der Austausch mit den Kollegen ist wichtig.

Es ist schön, wieder in das eigene vertraute Umfeld zu kommen und in meiner ersten Nacht Zuhause habe ich tief und fest geschlafen. Es ist das erste Mal seit meiner Abreise, dass ich wieder durchschlafe. In Haiti war sowieso nur wenig Zeit für Schlaf. Zudem habe ich im Freien übernachtet, weil es ständig Nachbeben gab. Ich war immer auf dem Sprung und in Anspannung. Das lässt jetzt erst langsam nach.

Auch hier in Deutschland werde ich mich weiterhin intensiv mit Haiti befassen. Bald werde ich wieder an meinen Schreibtisch in der Pressestelle zurückkehren und noch diese Woche besuche ich die Klasse meiner Tochter. Die Schüler hatten spontan eine Spendenaktion für Haiti gestartet. Ich werde den Kindern erzählten, was die Welthungerhilfe mit dem Geld tut und dass es auch wirklich bei den Erdbebenopfern ankommt. Es ist wichtig die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hoch zu halten, denn das Leid der Menschen in Haiti ist noch lange nicht vorüber.

Es grüßt Sie

Ihre
Simone Pott

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3 Kommentare

  • Goofos sagt:

    Es würde mich interessieren was Sie dann den Kindern erzählen? Dass man die Bändchen für die Lebensmittelausgabe vorwiegend an Frauen verteilt hat und die Männer durch Sicherheitskräfte abdrängen hat lassen? Dass man die Lebensmittel an Frauen verteilt hat weil diese angeblich vernünftiger und gerechter seien als Männer? Dass man Männer hingegen schuften hat lassen um dann von den Frauen das Essen verteilt zu bekommen? Dass man sich darüber wunderte warum man bei den Männern Aggressivität provozierte? Dass man die Katastrophe nutzen will um nachhaltig das Geschlechterverhältnis zu ändern?
    Nun da werden in der Klasse sich die Mädchen ganz im Sinne von Gender mal wieder als das gutmütige Opfer fühlen dürfen und die Jungs als die männlichen Täter, die selbst bei solch einer Katastrophe leiden müssen. Das Geld aus der Spendenaktion kommt also bei Erdbebenopfern an, bei den Tätern nicht.

  • Mino sagt:

    @Goofos

    Du willst einen Kampf kämpfen, zu dem es keinen Krieg mehr gibt.

  • Daniel sagt:

    @Mino: Das sehe ich aber ganz anders… schließlich ist durch Sandy die Lage in Haiti erneut verschlimmert worden. Die Fragen stellen sich also nach wie vor, die Du hier aus welchen Gründen auch immer abbügelst. Ich warte nach wie vor auf eine sachliche, nachvollziehbare Aussage zur merkwürdigen Verteilungspraxis der WHH, aber außer Worthülsen und Schweigen ist hier bisher keine sinnvolle Reaktion erfolgt. Das macht es mir schwer, dem Engagement der WHH weiterhin positiv gegenüberzustehen. Ich habe meine Spenden für Haiti dann lieber woanders getätigt.

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