Humanitäre Hilfe und Entwicklung verbinden

Till Wahnbaeck in Äthiopien
Till Wahnbaeck in Äthiopien: Es ist wichtig, langfristige Strukturen aufzubauen. © Jens Grossmann

Read the article in English

Als ich auf einem Flugplatz in Beni auf den UN-Flug wartete, der uns zurück nach Goma in die Demokratische Republik Kongo (DRK) bringen sollte, sprach ich mit einem Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes. „Alle NRO leisten in diesem Land Nothilfearbeit“, sagte er. „Ihr seid die einzigen, die von der Nothilfe zu Resilienz und langfristiger Entwicklung übergehen.“ Ich denke, er hatte recht. Und er benannte eine der großen Stärken der Welthungerhilfe. Ja, wir sind hier, wenn die Krise eintritt, wenn die Kämpfe ausbrechen, wenn die Erde bebt – Nothilfe macht mittlerweile etwa die Hälfte unserer Arbeit aus. Aber anders als einige Nothilfespezialisten sind wir immer langfristig engagiert. Wir denken immer über den nächsten Schritt nach, darüber, wie die Menschen gegenüber künftigen Schocks widerstandsfähiger gemacht werden können. Ich denke, das zeichnet uns als Organisation aus. Die Demokratische Republik Kongo ist ein Paradebeispiel.

Langsam findet auch bei den Geldgebern ein Umdenken statt

Als ich mit Louis Dorvilier durch den Osten des Landes fuhr, wurde mir klar, wie viel von unserer Arbeit darin besteht, schlicht und einfach Leben zu retten. Mir wurde aber auch klar, wie wichtig es ist, Strukturen aufzubauen, die beständig sind. Zum Beispiel landwirtschaftliche Zugangsstraßen: Diese verbinden die Farmer Field Schools und die Frauen, die wir rund um den Gemüseanbau ausbilden, mit den örtlichen Märkten, auf denen sie ihre Erzeugnisse verkaufen können. Geldgeber stellen uns keine Mittel für langfristige Projekte hier zur Verfügung. Sie sagen, in der Demokratischen Republik Kongo gehe es nur um Nothilfe. Wir treiben das Geld trotzdem auf und beweisen, dass es sogar in Notfallsituationen sinnvoll ist, in Resilienz zu investieren. Langsam findet bei den Geldgebern ein Umdenken hin zu unserer Sichtweise statt.

Ein Feld mit Kohl in der Demokratischen Republik Kongo

Die Welthungerhilfe schult Frauen im Gemüseanbau. Ihre Ernten verkaufen sie dann auf den lokalen Märkten. © Welthungerhilfe

Ein anderes Beispiel ist Somaliland, wo mein Kollege Woldesenbet Gebre mir kürzlich zeigte, wie die Welthungerhilfe während der schrecklichen Dürre am Horn von Afrika Nahrungsmittel verteilt. Hier wird großartige humanitäre Arbeit geleistet. Woldesenbet zeigte mir aber auch die Staudämme, die wir in der Region am Fuße der Hügel errichten. Staudämme in Zeiten von Dürre? Ja, denn irgendwann werden die nächsten Niederschläge  kommen – zu spät und zu heftig. Und wenn sie kommen, würden sie den ganzen fruchtbaren Boden wegwaschen, wären da nicht unsere Staudämme, die die Bodenerosion verhindern und sicherstellen, dass die Menschen auf etwas aufbauen können, wenn die aktuelle Dürre vorüber ist.

Wir kombinieren Nothilfe mit langfristigen Ansätzen

Oder der Südsudan, ein Staat, der so schlimm vom Krieg betroffen ist, dass wir dort nichts anderes tun können als Leben zu retten. Wir brauchen dringend Frieden – und wir brauchen dringend stärkeren politischen Druck durch die internationale Gemeinschaft. Und dennoch, selbst in einer hoffnungslosen Situation wie dieser denken wir darüber nach, was als nächstes zu tun ist, um die Menschen zur Selbsthilfe zu befähigen. Als ich mit Welthungerhilfe Programmkoordinatorin Lena Voigt und einigen Kolleginnen und Kollegen im Flüchtlingslager von Bentiu zusammensaß, erzählten sie mir von ihrer Idee, rund um die Zelte Gemüse anzubauen und auf dem Lagergelände Obstbäume zu pflanzen. Sie trafen auf Widerstand, zum Beispiel vonseiten der Lagerverwaltung, die keine dauerhaften Strukturen schaffen wollte. Die Menschen, denen ich begegnet bin, leben aber bereits seit Monaten oder gar Jahren im Lager und hegen keine große Hoffnung, es in absehbarer Zeit zu verlassen. In gewisser Weise muss man daher aus der Not eine Tugend machen.

Die Menschen haben all ihr Vermögen verloren, ihre Felder liegen brach. Sie leben außerhalb ihrer normalen Strukturen. Viele Dinge, die oftmals einen Wandel verhindern – die Gefahr von Missernten, sozialer Druck, anstrengende Tage und keine Zeit für Experimente – spielen im Flüchtlingslager keine Rolle mehr. Diesen Silberstreif am Horizont zu nutzen und Ernährungswissen zu vermitteln sowie Frauen beim Erwerb ackerbaulicher Fähigkeiten zu helfen, ist daher eine kluge Strategie. Und es beweist erneut die Einzelstellung der Welthungerhilfe, wenn es darum geht, Nothilfe mit langfristigem Denken zu verbinden.

Wir werden mehr Krisen denn je erleben

Flüchtlingslager von Bentiu

Im Flüchtlingslager von Bentiu erzählten Welthungerhilfe Kolleginnen mir von ihrer Idee, Obstbäume auf dem Gelände zu pflanzen. © Brockmann

Es gibt nach wie vor Länder, in denen wir uns ausschließlich auf langfristige Entwicklung konzentrieren können. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir in Zukunft mehr Krisen denn je erleben werden. Die alte Trennungslinie zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklung verschwimmt zunehmend. Oft sehen wir in einem Land deutliche Fortschritte bei der langfristigen Bekämpfung des Hungers und zugleich Bedarf an humanitärer Hilfe aufgrund des Klimawandels oder politischer Konflikte. Wir bekämpfen den Hunger daher unabhängig davon, in welchem Kontext er auftritt. Genau deshalb arbeitet unser neu geschaffenes Humanitarian Directorate so hart daran, sowohl unsere Kompetenz für humanitäre Hilfe als auch unsere Fähigkeit zur Krisenvorsorge und -bewältigung auszubauen.

Unsere Arbeit macht mich stolz

Es frustriert mich unendlich, all dieses von Menschen verursachte Leid zu sehen. Dass in einem so fruchtbaren Land wie dem Südsudan Lebensmittelverteilungen notwendig sind, stimmt mich traurig. Zu sehen, wie Viehhalter unter einer andauernden Dürre leiden, die von den Industrienationen aufgrund unseres Energieverbrauchs verschuldet ist, macht mich wütend. Aber zu sehen, wie gut wir darin sind, an der Schnittstelle von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit die Widerstandsfähigkeit der Menschen zu stärken, gibt mir Hoffnung und macht mich stolz. Ich glaube, wir sind gut aufgestellt, um auf die Herausforderungen dieser chaotischen Welt zu reagieren, in der man zwei Schritte nach vorne und einen Schritt zurück macht. Es löst nicht alle Probleme auf der Welt, aber es mildert das Leid der Menschen und hilft ihnen, aus jeder Krise stärker und nicht schwächer hervorzugehen.

Lesen Sie außerdem

Bewerten Sie diesen Artikel: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 2 Bewertungen, durchschnittlich: 3,50 von 5
Loading...

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihren Kommentar erst prüfen, bevor dieser auf der Webseite erscheint. Weitere Informationen finden Sie in unserer Blog-Netiquette.