Jenseits der Afghanistan-Konferenz: Hoffnungsschimmer und Ernüchterung

Wolfgang Jamann zu Besuch in Afghanistan.
Wolfgang Jamann zu Besuch in Afghanistan.

Liebe Leserinnen und Leser,

nach einigen vergeblichen Anläufen war ich endlich wieder einmal in Afghanistan, um mir persönlich ein Bild von den Fortschritten unserer Projektarbeit vor Ort zu machen. Meine Reise fiel  ausgerechnet in den heißesten Monat des Jahres – nur wenige Tage vor Guido Westerwelles Besuch der Kabul-Konferenz, bei der die Außenminister der NATO-Staaten über die Zukunft des Landes berieten.

Die Konferenz sollte viel Symbolkraft haben, aber sie brachte wenige Ergebnisse. Zwar fand erstmals ein internationales Treffen auf afghanischem Boden statt, man musste jedoch die Stadt sperren. Die afghanische Zivilgesellschaft wurde nicht einbezogen und für wirkliche Sicherheit konnte die Regierung auch nicht sorgen.  Am Tag nach meiner Abreise sprengte sich erneut ein Selbstmordattentäter in die Luft. Auch die Raketenangriffe der Taliban auf den Konferenzort sprachen nicht dafür, dass das so sehr gewünschte Friedensabkommen in greifbarer Nähe ist.

Wie anders war die Lage in Shibergan, der Provinzhauptstadt von Jawzjan im Nordwesten des Landes. Hier unterstützt die Welthungerhilfe die Bevölkerung bei der Entwicklung kommunaler Entscheidungsstrukturen, baut mit ihnen eine funktionierende Wasserversorgung auf und berät sie in landwirtschaftlichen Produktionsmethoden.

In allen Dörfern haben die Menschen mit Hilfe der Welthungerhilfe festgelegt, welche Maßnahmen als erstes umgesetzt werden sollen. Je nach Priorität werden Brunnen gebohrt, Schulen instandgesetzt oder Latrinen ausgehoben. Ein spektakulärer Anblick war das Bohrgerät – eines von vieren, die die Welthungerhilfe für Tiefbohrungen einsetzt. Trotz drückender Hitze war zu spüren – man wollte keine Zeit verlieren. Denn Wasser ist kostbar, ermöglicht gesundes Leben und satte Ernten. Und jenseits der Kämpfe in Kunduz, Helmand und Kandahar scheint es in Shibergan Schritt für Schritt voran zu gehen. Hier spürt man, was möglich ist, wenn Afghanen selbst ihre Zukunft in die Hände nehmen.

Doch auch in Shibergan machen wir uns Gedanken über die Sicherheit unserer Mitarbeiter und Partner.  Unsere Erfahrung hat gezeigt: Der beste Schutz ist immer noch die Akzeptanz der Bevölkerung. Die Menschen warnen uns, wenn es gefährlich wird. Leider kann man sich darauf nicht mehr absolut verlassen. So bewegen wir uns mit zivilen Fahrzeugen, ohne Logo-Aufkleber der Organisation und mit möglichst wenig Aufhebens durch die Dörfer. Es macht Mut zu hören, dass die Zahl der Überfälle auf Hilfsorganisationen im letzten halben Jahr um ein Drittel gesunken ist und dass entführte Entwicklungshelfer  gesund und unverletzt wieder freigelassen wurden. Offensichtlich sind unsere Unparteilichkeit und unsere humanitäre Mission zumindest ein kleiner Schutz!

Nach den ermutigen Eindrücken in Shibergan war unser Besuch eines Flüchtlingslagers in Kabul regelrecht schockierend. Hier leben 900 Familien unter unwürdigen Bedingungen. Es gibt nur eine Wasserpumpe, keine Kanalisation, keine Gesundheitsversorgung und nur sporadisch Schulunterricht für die Kinder. Es ist schwer vorstellbar, wie sich die Flüchtlinge aus Helmand ihr tägliches Essen organisieren. Im Moment ist das Wetter gut, doch wie ergeht es den Bewohnern, wenn es regnet oder schneit und sich Dutzende von Familienmitgliedern in kleinen löchrigen Lehmhütten drängen? Eine solche Situation ist auch im zweitärmsten Land der Welt nicht zu akzeptieren.

Die Welthungerhilfe wird hier schnell helfen und Wasserpumpen reparieren, Dächer bereitstellen, Nahrungsmittel herbeischaffen und Hygienetrainings anbieten. Zugleich müssen wir dafür sorgen, dass die Flüchtlinge auch von der Kabuler Regierung unterstützt werden. Wie wichtig wäre auch eine psychologische Unterstützung. Alte Männer berichten uns, wie sie von den Taliban gefoltert wurden, weil man ihnen unterstellte für die Regierung zu arbeiten. Dafür kann es schon reichen, dass der Bart nicht lang genug ist oder eine Frau die falsche Kleidung trägt.

Zumindest den Kindern wird bereits von unserer Partnerorganisation Aschiana geholfen. Sie unterhält in Kabul vier tolle Zentren, in denen Straßenkinder, behinderte und benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt werden. Auch Aschiana ist ein Stück Zukunft Afghanistans, und so war es eine wichtige symbolische Geste, dass die Kinder 100 gemalte Bilder auf der Kabul-Konferenz aufhängen durften. Bilder von Hoffnung, Mut und einer besseren Zukunft. Ob Präsident Karzai, Hillary Clinton und Guido Westerwelle die Bilder gesehen haben?

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Wolfgang Jamann

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3 Kommentare

  • yvonne sagt:

    Lieber Herr Jamann,
    für mich war Ihr Bericht über Afghanistan sehr interessant und motivierend um weiter an der Welthungerhilfe zu spenden.
    Dankeschön. Yvonne Schlüter

  • Andre sagt:

    Ein sehr schöner, wenn natürlich auch trauriger Bericht, wenn man liest, wie es da vor Ort aussieht.
    Ich glaube wenn man nicht da war, kann man es sich nicht vorstellen.

  • Christian sagt:

    Das hört sich ja erst mal leider nicht so rosig an. Dennoch lässt mich der Bericht auch hoffe, dass sich die Lage irgendwann wieder mehr oder weniger normalisiert. Deswegen an dieser Stelle mein größtes Lob und Anerkennung an die ganzen Helfer direkt vor Ort, die ihr Leben riskieren, um den Umschwung zu schaffen. Ich hoffe das ihre Bemühung bald Früchte tragen!

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