Was tun, wenn der Regen ausbleibt? Ehemalige Nomaden in Uganda stellen sich neuen Herausforderungen

150 Familien kehrten ihrer Tradition den Rücken, wurden als Bauern sesshaft. Doch dann blieb der Regen aus. © Löffelbein
150 Familien kehrten ihrer Tradition den Rücken, wurden als Bauern sesshaft. Doch dann blieb der Regen aus. © Löffelbein

Feuer prasselt auf dem riesigen Felsblock, überall um mich herum hämmert es. Ein LKW kämpft sich schnaubend seinen Weg über die „Straße“. Rund herum werfen Männer und Frauen zerkleinerte Marmorstücke auf ihre Haufen. Auftraggeber ist eine Straßenbaufirma dutzende Kilometer weiter südlich. Ein schwitzender junger Mann erklärt, was es mit dem Feuer auf dem Brocken auf sich hat: „Die ganz großen Dinger bekommen wir mit unserem Werkzeug nicht aufgespalten, aber wenn wir sie stark erhitzen, knacken sie irgendwann und dann können wir anfangen, sie zu zerkleinern.“

Auch er wohne in dem von der Welthungerhilfe unterstützten Dorf mit dem Namen Apeipuke New Resettlement. Wir haben dort Stunden verbracht und mit den Einwohnern gesprochen, und es ist, wie man bei uns sagen würde: ein reines Neubaugebiet.

Doch was hat das Dorf mit dem Steine-Kloppen zu tun?

Im Norden Ugandas: 150 Nomaden-Familien werden sesshaft

Ich lerne ein junges, sehr sympathisches Paar kennen, das es mir erklärt. Luka Tukon und seine Frau Magret sitzen auf einer schmalen Bank im Schatten. Mit ihren zwei Kindern sind sie eine von 150 Familien, die in dem 2013 neu gebauten Dorf leben.

Die Regierung hat uns dazu ermutigt, die Leute von der Welthungerhilfe haben uns viel dabei geholfen, dass wir jetzt hier unser eigenes Maniatta haben“, erzählt der 27-jährige, „es gibt einen Brunnen, einen Versammlungsplatz, einen guten Schutzzaun und Felder für alle.

Apeipuke New Resettlement liegt in einer großen Ebene, von Bergen umgeben. Seine Einwohner waren noch bis vor wenigen Jahren Nomaden, die mit ihrer Viehherde von Tal zu Tal, auch über Ländergrenzen hinweg, auf der Suche nach Weideland umher gezogen waren. Sie gehören, wie ihre Nachbarn ringsum im trockenen Nordosten Ugandas, zum Volk der Karamajong. In dem afrikanischen Binnenstaat sind sie zwar insgesamt – bei über 40 Völkern in Uganda – eine Minderheit, aber nicht so hier oben im Nordosten, nahe der Grenze zu Kenia. Viele Jahre lang wurden bei bewaffneten Raubzügen Rinder geraubt, was meistens einen Rachefeldzug in die andere Richtung zur Folge hatte. Irgendwann wurde nicht mehr „nur“ mit Schwert oder Lanze, sondern auch mit modernen Handfeuerwaffen gekämpft – viele Verletzte und Tote inklusive.

Dass es mir beinahe auch so gegangen wäre … kämpfen, rauben, vielleicht auch mehr … aber dass ich stattdessen nun auf eigenem Grund vor meiner eigenen Hütte sitze – das ist das Größte und Beste, was mir und meiner Familie passieren konnte!

Früher: Gewalt und Rinder als Brautpreis

Luka Tukon spielt versonnen mit seinem Stab, während er von früher erzählt. „Noch mein Vater musste Rinder rauben, vor allem um meine Mutter heiraten zu dürfen und sie bei ihrer Familie mit Rindern auslösen zu können. Da er keine hatte, war er gezwungen, welche zu klauen. Das gab natürlich jede Menge Probleme. Jahrelang mussten wir uns in den Bergen verstecken, hatten sehr wenig zum Überleben. Und immer Angst … da waren so viele Maschinengewehre im Umlauf.“

 

„Jetzt haben wir Frieden, ein neues Leben“

Damit ist seit 2013 Schluss! „Jetzt haben wir Frieden, ein neues Leben. Wir fühlen uns hier sicher, auch unsere beiden Kinder.“ Margret lächelt, sie spricht leise, aber doch bestimmt. Zwischendurch wandern ihre wachen Augen rüber zu Tochter Regina, die etwas bastelt, und Sohn Isaac, der vor der Wohnhütte spielt. In ihrem neuen Maniatta, wie die traditionellen Dörfer der Karamajong heißen, hat die junge Familie das, was man auf Deutschland übertragen einen Hof nennen würde. Es gibt neben der Wohnhütte traditionelle Korn- und Vorratsspeicher, einen Hühnerstall, eine Küchenhütte.

Und eine ganz neue Gemeinschaft. Die 150 Haushalte teilen sich einen Brunnen, Ställe, Werkzeuge und, direkt neben dem Dorf, eine große Farm. „Wir teilen uns Ochsenpflüge, tauschen Saatgut aus, helfen uns gegenseitig und geben uns Tipps“, sagt Luka begeistert. Jede Familie hat dort Parzellen, kann selbst entscheiden, was angebaut wird.

Sie haben ein Feld, Vieh und Saatgut – doch der Regen bleibt aus

Im ersten Jahr sei der Anbau sehr erfolgreich, die Ernte üppig gewesen. Vergangenes Jahr sei es zunächst gut losgegangen. Dann jedoch, nach der Aussaat, wäre der Regen einfach ausgeblieben, und die meisten der jungen Pflanzen eingegangen. Statt der Regenzeit kam Trockenheit. Und damit ein massives Problem für die junge Familie von Magret. Sie gaben die Kinder bei Verwandten ab und verdingten sich als Tagelöhner im Steinbruch. „Wir konnten so etwas Geld verdienen, um Essen zu kaufen.“

Was für eine Misere, wenn eigentlich alles da ist: Felder, Ochse mit Pflug, Saatgut, gute Beratung. Alle haben ihren traditionellen Lebensstil dafür aufgegeben. Vergebens, wenn eine entscheidende Zutat fehlt: die natürliche Bewässerung von oben.

Ich bin sehr erstaunt über die Zuversicht von Luka und Magret, dass es dieses Jahr wieder viel besser werde. „Wenn ich an die Zeit in den Bergen zurück denke, wie viele Probleme wir da hatten“, antwortet Luka besonnen.

Klar, als Mann vermisse ich schon die Kühe. Doch als Vater sage ich, an unserem alten Leben vermisse ich vieles überhaupt nicht: Gewalt, Unsicherheit, Stehlen, Töten, all die Waffen!

Nun also Pflugschar statt Lanze.
Luka wartet geduldig weiter, wie Millionen Bauern weltweit, auf den richtigen Zeitpunkt zum Säen. Und auf Regen.

 

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Weitere Informationen über unsere Projekte in Uganda finden Sie hier:

www.welthungerhilfe.de/uganda-wiederaufbau

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