Kenia: Wie die Kraft und Zuversicht zurückkam – durch Nahrung und viel Zuhören

Mit einem Tanz empfangen uns die Menschen in Kalembe Raha zur Begrüßung.
Mit einem Tanz empfangen uns die Menschen in Kalembe Raha zur Begrüßung.

Vor kurzem besuchte ich mit meinem Team  Kalembe Raha, eine erschreckend ärmliche Siedlung von Langzeitvertriebenen im Südosten Kenias. Wir bereisten die Region um herauszufinden, welche Familien nach der schweren Dürre im letzten Jahr Nahrungsmittelhilfe benötigen. In Kalembe Raha ist die Situation besonders dramatisch. Die ausgemergelten, völlig mittellosen Menschen leben hier seit vielen Jahren. Seitdem sie durch eine kompromisslose Naturschutzpolitik aus ihren Häusern und von ihren Höfen vertrieben wurden und alles verloren haben, überleben sie mehr schlecht als recht. Und viele von ihnen nicht einmal das. Ich hatte diesen Menschen ohne jede Hoffnung auf Zukunft bei meinem Abschied versprochen, sie bald wieder zu besuchen.

Nun fahre ich wieder in den Ort. Auf der Fahrt dorthin sausen mir die Gedanken durch den Kopf. Dank einer großzügigen Finanzierung des Auswärtigen Amts konnten wir inzwischen nährstoffreiche Zusatznahrung, Vollmilch und Tabletten zur Trinkwasserbehandlung verteilen. Aber ein Rest Zweifel bleibt: Wie werden sie mich, die Deutsche aus dem reichen Westen, und mein kenianisches Team empfangen? Sie leben ja immer noch auf dem trockenen Stückchen Feld in ihren Grasverschlägen und sind bitterlich arm. Die Regenzeit, in der wahrscheinlich wieder Einige an Infektionen und anderen Krankheiten  gestorben sind, ist inzwischen vorbei. Jetzt leuchtet die Landschaft einige Wochen lang in einem satten Grün. Das ist zwar ein wundervoller Anblick nach all der Trockenheit. Aber genug geregnet hat es leider zum fünften Mal in Folge nicht, damit auf den Äckern auch eine echte Ernte heranwächst. Einen richtigen Anlass zur Hoffnung gibt es in der Gegend nicht, schon gar nicht für die Bewohner der Vertriebenensiedlung.

Inzwischen sind wir in Kalembe Raha eingetroffen. Wie anders mutet mir die Grashüttensiedlung dieser bitterlich armen Menschen doch dieses Mal an. Liegt es an den noch grünen Halmen der Maispflanzen rund herum? Nein, so grün ist es dort dann auch wieder nicht. Und dann fällt es mir schlagartig auf: Die Menschen, die da singend und tanzend auf uns zukommen, lachen. Sie freuen sich uns zu sehen. Und sie sehen viel fideler aus als noch vor ein paar Wochen. Ihre Kleider sind immer noch zerrissen und schäbig. Die meisten stehen in Lumpen da. Aber ihre Augen strahlen, ihre Haut glänzt gesund, und ihre Gesichter sehen nicht mehr so eingefallen aus.

Sie freuen sich, jubeln, umrunden uns, tanzen und singen. Und dann wollen sie erzählen. Erzählen, wie gut ihnen die nährstoffreiche Nahrung und ganz besonders den Kindern die gute Milch getan hat. Wie stark sie sich fühlen – und wie schön! Einer nach dem anderen nimmt mich an die Hand und zieht mich strammen Schrittes durch die Siedlung zu ihrem Gras- und Plastiktütenverschlag. Alle wollen sich bedanken. Und weil sie nichts besitzen, besteht ihr Dank darin, dass sie mich in ihr Zuhause einladen. Ich bin überwältigt – aber auch ein bisschen peinlich berührt. Wir von der Welthungerhilfe machen doch nur unseren Job. Und den machen wir so gut es geht. Es ist ja nicht unser Verdienst, dass es uns gut geht und diesen Menschen nicht.

Nach und nach verstehe ich aber, dass sich diese strahlenden Menschen für mehr bedanken als für die Nahrungsmittel. Endlich, nach über 17 Jahren, hat sie jemand beachtet, hat sich jemand für sie interessiert und sie in ihrer Not und Ausweglosigkeit ernst genommen. Hat ihnen Grund für neue Hoffnung gegeben. Einen echten Sinn, weiterzuleben. Das macht mich ungemein froh, schüchtert mich aber auch ein wenig ein. Diese Hoffnung, dieses Vertrauen! Für die nächsten Monate versorgen wir die Menschen natürlich noch mit Nahrungsmitteln, damit sie durch die schlimmste Zeit nach der langen Dürre ohne große Gesundheitsschäden hindurch kommen. Aber als Welthungerhilfe-Team denken wir natürlich auch an die Zeit danach. Wir diskutieren mit den Menschen über ihre persönlichen Wünsche und Pläne und ihre Lösungsvorschläge für die Siedlungsgemeinschaft. Danach sprechen wir auch mit den kenianischen Behörden. Wir wollen ausloten, wie sie mit uns und den Betroffenen gemeinsam dafür sorgen können, dass diese Menschen die Möglichkeit erhalten, sich irgendwo auf einem Fleckchen Land in der Nähe eine neue Existenz aufzubauen. Das planen wir in den kommenden Wochen Schritt für Schritt, gemeinsam mit diesen jetzt so lebensfroh lachenden und tanzenden Menschen.

Noch ist uns nicht klar, wie wir diesen Start in ein neues, selbstbestimmtes, würdiges Leben finanzieren werden. Im Vergleich zu vielen groß angelegten Entwicklungsmaßnahmen kostet so etwas nicht viel. Aber die Finanzierung müssen wir trotzdem sichern. Und da hoffen wir natürlich darauf, dass Sie, liebe Freundinnen und Freunde der Welthungerhilfe, uns bei unseren Vorhaben mit Ihrer Spende helfen werden. Ich freue mich wirklich, dass ich Ihnen heute diese erfreuliche und auch für mich überraschende Entwicklung mitteilen kann. Und ich hoffe, dass wir es mit gemeinsamen Anstrengungen auch schaffen werden, diese temporäre Freude in ein neues Leben mit zufriedenen und glücklichen Menschen zu verwandeln. Nichts Angenehmeres könnte ich mir heute vorstellen, als wenn ich Ihnen in einigen Monaten oder einem Jahr dann von der endgültigen Erfolgsstory berichten kann.
Es grüsst herzlich aus Südostkenia,
Iris Krebber

P.S.: Sie wollen spenden? Hier geht’s zur Online-Spende. Und hier erfahren Sie mehr über unser Dürreprogramm in Kenia.

Bewerten Sie diesen Artikel: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Bisher keine Bewertungen)
Loading...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihren Kommentar erst prüfen, bevor dieser auf der Webseite erscheint. Weitere Informationen finden Sie in unserer Blog-Netiquette.