Konflikte in Nepal nach dem Erdbeben: Das Benzin wird knapp

Die Straßen in Nepal sind ungewöhnlich ruhig dieser Tage. Motorisierte Fahrzeuge sieht man kaum. Das Benzin ist knapp. ©Pilar
Die Straßen in Nepal sind ungewöhnlich ruhig dieser Tage. Motorisierte Fahrzeuge sieht man kaum. Das Benzin ist knapp. ©Pilar

An die autofreien Sonntage in meinen Kindertagen aufgrund der Benzinkrise der 70er Jahre kann ich mich noch gut erinnern. Auch an die Radler auf deutschen Autobahnen. Ein ähnliches Bild bietet sich derzeit in Nepal, besonders augenfällig in der sonst chronischen von Autos und Mopeds verstopften Hauptstadt Kathmandu. Jetzt überwiegen die Radfahrer auch hier.

Treibstoff ist absolute Mangelware.

Hintergrund sind die seit gut zwei Monaten anhaltenden Proteste der Madhesi- und Tharu-Volksgruppen, Minderheiten im Süden des Landes, der Grenzregion nach Indien. Sie blockieren die Grenzübergänge und lassen kaum noch Transporte ins Land. Sie fühlen sich diskriminiert durch die neue Verfassung, die am 20. September verabschiedet wurde. Ihrer Meinung nach profitieren von ihr vor allem die herrschenden Eliten in Kathmandu. Darüber hinaus befürchten sie weitere Benachteiligung durch die geplante neue, föderale Aufteilung des Landes. In ihren Protesten werden sie von Indien unterstützt, das seinen Einfluss in dem Himalaya-Staat gefährdet sieht.

Nepals Abhängigkeit von Indien ist groß, Waren aller Art kommen vom Nachbarn

Die Krise verdeutlicht noch einmal, wie groß die Abhängigkeit vom großen Nachbarn im Süden ist. Benzin, Diesel, Gas zum Kochen, Medikamente, Nahrungsmittel, Waren aller Art kommen aus Indien. Nepal selber hat keine ausreichenden Ressourcen. Die Verknappung insbesondere von Treibstoff, Gas und Medikamenten bedeutet eine dramatische Verschärfung der durch die schweren Erdbeben im April und Mai 2015 bestehenden humanitäre Notlage. Denn nun steht der kalte Winter vor der Tür. Die Regierung war in den vergangenen Wochen vor allem mit sich selbst und dem Konflikt beschäftigt. Der nach den Beben vollmundig angekündigte Wiederaufbau und die finanzielle Unterstützung für die betroffenen Haushalte, für die die internationale Gebergemeinschaft Nepal großzügig Gelder zur Verfügung gestellt hatte, wurden bisher kaum realisiert.

Was bisher aufgebaut wurde, haben hauptsächlich Bevölkerung und Hilfsorganisationen gestemmt.

Erdbebenopfer in Nepal sind noch immer auf Hilfslieferungen angewiesen. Doch ohne Treibstoff können die nicht transportiert werden. © Pilar

Erdbebenopfer in Nepal sind noch immer auf Hilfslieferungen angewiesen. Doch ohne Treibstoff können die nicht transportiert werden. © Pilar

Auch wir und unsere nepalesischen Partner sind von der Treibstoffkrise stark betroffen. Dringend benötigte Hilfsgüter können mangels Treibstoff nicht so schnell wie erhofft in die betroffenen Bergregionen transportiert werden. Dort wird vor allem Baumaterial für Unterkünfte weiterhin benötigt. Aufgrund einer schlechteren Ernte werden mancherorts die Nahrungsmittel knapp.

Benzinkrise verschärft humanitäre Notlage. Wir suchen nach Auswegen

Infografik: Das Erdbeben in Nepal zerstörte Tausende Schulen. Wir bauen eine erdbebensicher wieder auf.

Infografik: Das Erdbeben in Nepal zerstörte Tausende Schulen. Wir bauen eine erdbebensicher wieder auf.

Das Team der Welthungerhilfe sucht kontinuierlich nach Wegen aus der Misere. Beispielsweise werden für den erdbebensicheren Wiederaufbau der sechs Schulen durch die Welthungerhilfe und ihre Partner überwiegend lokal verfügbare Materialien verbaut. Die müssen gar nicht erst antransportiert werden. Unsere Mitarbeiter bewegen sich in Kathmandu nun auch vor allem mit dem Fahrrad.

Die derzeitige Krise hat weitreichende und langfristige Folgen für Nepal und wird die Entwicklung des Landes um viele Jahre zurückwerfen.

Nichtregierungsorganisationen, Rotes Kreuz und UN, kürzlich von oberster Ebene durch den UN Generalsekretär Ban Ki Moon, haben deshalb schon mehrfach an die nepalesische Regierung und die Madhesi-Vertreter appelliert, den Konflikt zu lösen und vor allem die dringend benötigten Warentransporte umgehend wieder ins Land zu lassen.

Doch ein Ende der von der Weltöffentlichkeit bisher kaum wahrgenommenen humanitären Notlage durch die Treibstoffkrise ist leider nicht in Sicht.

Die Erdbebenopfer sehen mit Schrecken einem sehr kalten Winter entgegen.

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