Korruption im Kongo: Die Zeche zahlen die Ärmsten

Malerischer Sonnenuntergang im Kongo
Abendstimmung im Kongo - das Land könnte ein Paradies auf Erden sein.

Der Kongo ist ein atemberaubend schönes Land. Und ein atemberaubend gewalttägiges, korruptes, zerstörtes Land zur selben Zeit. Noch nie ist mir der Widerspruch zwischen natürlicher Schönheit und menschengemachtem Leid so bewusst geworden wie in diesem Land, das seit 20 Jahren für uns zu einem Nothilfe-Dauereinsatz geworden ist.

Ich besuche unsere etwa 200 Kollegen, die im Osten des Landes an der Grenze zu Ruanda stationiert sind. Schon am Flughafen von Goma auf dem Weiterflug  in unsere Projektregion (die Straßen sind Kampfgebiet und daher gesperrt) offenbart sich die ganze Tragik dieses Landes. Vor mir ein Mann mit Handgepäck und einer Parfumflasche. „Die darf nicht mit ins Flugzeug“, sagt der Sicherheitsbeamte. Der Mann gibt ihm einen Dollar. „Die darf nicht mit ins Flugzeug“, sagt der Beamte wieder. Zwei Dollar. Zum dritten Mal ein Nein. Bei drei Dollar werden sich die beiden handelseinig, der Mann steckt seine Parfumflasche ein und nimmt sie mit auf den Flug. Hinter dem Mann eine Frau mit einem Laib Käse im Handgepäck. „Die darf nicht mit ins Flugzeug“, geht das Spiel von vorne los. Wenn es denn ein Spiel wäre. Von diesem Korruptionssystem leben ganze Gruppen, lebt das halbe Land. Ein ausgeklügeltes System regelt, an wen der Sicherheitsbeamte seine Einnahmen alles weitergeben muss, damit er an den Fleischtöpfen bleiben kann.

Bevölkerung zahlt für Dienstleistungen, die staatliche Aufgaben sind

Wenn Korruptionsfälle zur Anzeige kommen, liegt das nicht daran, dass die anderen nicht korrupt wären, sondern dass der betreffende Mann nicht geteilt hat. Unser neuer Landesdirektor hat seinen Impfpass nicht dabei, er ist in der Hauptstadt zur Kontrolle. „Wie lösen wir jetzt dieses Problem?“, fragt die Dame an der Gesundheitskontrolle am Flughafen und hofft auf Geld. „Ganz einfach“, sagt unser neuer Landesdirektor, „wir geben uns die Hand und bleiben Freunde.“ Mit Verweis auf die guten Kontakte der Welthungerhilfe zum Flughafenmanagement kommt er damit durch. Auch unsere Projektleiterin Caroline Le Merle, eine Belgierin, bleibt hart: „Ein paar Mal haben sie mich auf der Rollbahn stehen gelassen und ich musste zurück ins Hotel“. Teurer als die paar Dollar Bestechungsgelder, aber die Botschaft hat gewirkt. Seitdem fliegt sie unbehelligt.

Das ganze Land ist zu einem Selbstbedienungsladen geworden.

Im Projektgebiet an der Grenze zu Uganda fahre ich Kilometer für Kilometer an wunderschönen Farmen vorbei. Der Präsident des Landes hat sie sich gekauft für die Zeit nach seiner Präsidentschaft. Mit welchem Geld? Der Afrika-Korrespondent von LeMonde sagt mir, dass Präsident Kabila über Strohmänner mehr als 70 Firmen kontrolliert. Ein israelischer Unternehmer, der ihm vor 15 Jahren mit zehn Millionen Dollar den Weg zur Macht gesichert hat, ist mit Schürfrechten für Kongos unglaubliche Rohstoffreserven reich belohnt – und gibt seinem Wohltäter bestimmt reichlich zurück. Man munkelt, dass die Minister der Regierung für Kabinettssitzungen in Kinshasa ein Tagegeld von 50.000 Dollar bekommen.

Auf der Route Nationale 4 steckt ein Lastwagen in einem riesigen Schlagloch fest.

Auf der Route Nationale 4 klaffen riesige Schlaglöcher. Staatliche Gelder zur Instandhaltung kommen hier offenbar nicht an.

Die Bevölkerung selbst zahlt für alle Dienstleistungen, die eigentlich staatliche Aufgaben sind. Den Glauben, dass der Staat ihnen dafür eine Gegenleistung schuldet, haben sie längst verloren. Die Bundesstraße 4 zum Beispiel, kostet für 400 Kilometer umgerechnet 500 Euro Maut, offiziell zur „Instandhaltung“. Nach dem Hundertsten riesigen Schlagloch und der zweiten eingestürzten Brücke ist mir klar, dass von dem eingenommenen Geld nichts für den eigentlichen Zweck übrigbleibt.

Ein Weg aus der Armut: Welthungerhilfe schult im Gemüseanbau

Unter dieser Plünderermentalität leiden die Ärmsten der Armen. Die Welthungerhilfe ist in den unsichersten Regionen des Landes aktiv, alle Menschen, die ich treffe, sind in der Vergangenheit vertrieben worden. Die Hälfte beherbergt Vertriebene in ihren Häusern – sie teilen das Wenige, das sie noch haben. Wir tun das, was eigentlich die Regierung tun sollte: wir ermöglichen ihnen den Neustart. Eins unserer Projekte verteilt Saatgut und Werkzeuge, wir bilden im Gemüseanbau aus, verteilen Geld (damit die Menschen nicht sofort ihr Saatgut und Werkzeuge verkaufen, sondern mit dem Geld Schulden begleichen, Medizin kaufen und Schulgeld zahlen).

Frauen stehen am Rande eines Gemüsefeldes der Farmer Field School der Welthungerhilfe bei Beni

Die Farmer Field School der Welthungerhilfe bei Beni.

Dr. Frank, der Landwirtschaftsexperte der Regionalregierung, sagt mir: „Der Kreislauf funktioniert; die Menschen stehen auch ein Jahr nach Projektende auf eigenen Füßen und haben aus der alten Ernte neu gesät.“ Ein anderes Projekt hat mit lokalen Tagelöhnern eine landwirtschaftliche Zubringerstraße gebaut und auch hier Frauen den Gemüseanbau beigebracht. Im Dorf mit Straßenzugang hat sich ein Markt entwickelt, wo die Frauen ihre Ware verkaufen. „Ihr habt uns aus dem Hunger geholfen“, sagen mir die Frauen.

Länder müssen Verantwortung übernehmen

Auf dem Rückweg aus dem Kongo fahre ich nach Ruanda. Bereits direkt hinter der Grenze bin ich in einer anderen Welt: asphaltierte Straßen, Elektrizität, solide Häuser. Die Menschen fühlen sich sicher, der Müll wird abgeholt, Geschäfte entstehen überall, Teeplantagen und landwirtschaftliche Genossenschaften säumen die Straße. Der große Unterschied zum Kongo: das Land geht mit starker Hand gegen Korruption vor. Hilfsorganisationen gibt es kaum noch im Land: seit 2000 hat sich der Hunger dort laut unserem Welthungerindex mehr als halbiert.

Was bedeutet das für unsere Arbeit in all den Ländern, wo Regierungen nicht funktionieren und wo noch immer Hunger herrscht? Zum einen muss die internationale Gemeinschaft die Geldhähne zudrehen, ausländische Konten einfrieren und auch die sogenannte Budgethilfe einstellen, mit denen Regierungen im Süden Gelder von Regierungen aus dem Norden überwiesen bekommen. Auch wenn das an Bedingungen geknüpft ist, so sind doch Länder wie der Kongo eigentlich reich genug, sich selbst zu kümmern. Gleichzeitig sind Hilfsorganisationen gefordert, den Menschen eine Perspektive zu geben, die von ihrer eigenen Regierung so schmählich im Stich gelassen werden: die Ärmsten der Armen, die sich nicht wehren können. Ihnen nicht zu helfen, wäre zynisch. Nicht gegen Korruption und Ausbeutung zu protestieren, wäre feige. Und so verlasse ich dieses wunderschöne Land mit dem Zorn darüber, was Menschen einander antun können. Aber ich verlasse es auch mit dem Gefühl, das unsere Arbeit richtig und wichtig ist und wirkt. Und dass wir nicht nachlassen dürfen, das dicke Brett der Entwicklung immer weiter zu bohren.

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1 Kommentar

  • Juergen Luedemann sagt:

    Interessanter Artikel !
    Gut ist, dass die Regierung in Ruanda Korruption bekämpft.
    Aber die gute wirtschaftliche Entwicklung in Ruanda ist deshalb möglich, weil Ruanda den Kongo schamlos ausplündert (Coltan, Diamanten, Gold). Da verliert man ja den Überblick, wer eigentlich der Gute ist und wer der Böse ist.

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