Die Entdeckung der Haltbarkeit – Phantasie und Experimentierfreudigkeit sind die wichtigsten Inhaltsstoffe jeder Lebensmittelkonserve

Leidenschaftliche Lehrer: Vilda und Pepe werden solange ihr Wissen weitergeben, bis auch die letzte Katze einkocht! © Welthungerhilfe/Eberle
Leidenschaftliche Lehrer: Vilda und Pepe werden solange ihr Wissen weitergeben, bis auch die letzte Katze einkocht! © Welthungerhilfe/Eberle

Der erste Besuch während unserer Kuba-Reise führt uns zu Vilda und Pepe, einem wundervollen Paar, das sich ganz dem Thema Lebensmittelkonservierung verschrieben hat. Was für andere ein Beruf ist, ist für Pepe und Vilda eine Mission. Ihr Ziel: Unabhängig von der Jahres- und damit Erntezeit, sollen sich die Kubaner mit ausreichend Lebensmitteln versorgen können. Deshalb konservieren sie von Fleisch über Fisch zu Gemüse, Wurzeln und Früchten alles, was sie in die Finger bekommen.

Lernt Vilda und Pepe im Video kennen!

Begonnen hat alles in den 90ern, der „Periodo especial“, als nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatengemeinschaft die komplette Lebensmittelversorgung auf Kuba eingebrochen ist. Vilda und Pepe haben kurzerhand eine Ecke ihres Wohnzimmers in ein Labor umfunktioniert und begonnen, mit Konservierungsmethoden zu experimentieren. Als Chemikerin konnte Vilda dabei ihre Fachkenntnisse über Gärungsprozesse anwenden. Heute, fast 20 Jahre später, beschränkt sich das Angebot nicht mehr auf Basics, wie Tomaten, Gurken, Kohl. Es gibt auch zahlreiche Leckereien zu bestaunen, z.B. eine süßlich schmeckende Radieschenmarmelade. Wir bestaunen eingemachte Karotten aus dem Jahr 1996, die immer noch so knallig orange sind, wie ihre frischen Artgenossen. Und wir dürfen auch probieren: Ein Kompott aus Ananas, Ingwer und Grapefruitschalen, das sich auch in einem deutschen Supermarkt im Delikatessenregal  sehen lassen kann.

Ich weiß nicht, was mich mehr umhaut: Ihre Begeisterung oder ihre schier unerschöpfliche Ideenflut und Experimentierlust.

Lange war meine einzige Verbindung zu dem Thema, dass meine Oma Marmelade eingemacht und Gurken eingelegt hat. Für mich unverständlich, denn beides konnte man für wenige Pfennige im Supermarkt kaufen. Ihre Geschichten über die Nahrungsknappheit in der Nachkriegszeit klangen in meinen Ohren wie Märchen aus der Vergangenheit, als jeder in den Vorstädten noch einen Kartoffelacker im Garten hatte. Erst in den letzten Jahren interessieren sich trotz überfüllter Lebensmittelregale im Supermarkt auch meine Freunde für Urban Gardening und das Einmachen von Erdbeeren. Nicht aus Not, sondern um wieder einen besseren Bezug zu unserer Nahrung zu bekommen oder günstig ungespritztes Gemüse essen zu können.

Das Erstaunlichste ist, dass sich Vilda und Pepe nicht als Produkteure verstehen, die ihre Konserven weiterverkaufen. Sie sind vielmehr experimentierfreudige Lehrer, die allen Interessierten beibringen, wie sie ihre Erträge selbst weiterverarbeiten können – „Promotores“ heißt das hier. Dazu haben sie eine komplette Wand des Wohnzimmers mit Bildtafeln tapeziert, die einfach verschiedene Konservierungsverfahren erklären und zahlreiche Bücher zum Thema geschrieben. Ihre Workshops sind im ganzen Land bekannt – und heiß begehrt. Aus allen Provinzen kommen Bauern, Hausfrauen und viele andere, um bei Vilda und Pepe zu lernen. Logistische und finanzielle Unterstützung erhalten sie dabei von der Welthungerhilfe, die bei Druck und Verbreitung der Lehrbücher hilft und den Transport der Workshopteilnehmer nach Havanna organisiert.

Kubanische Rezepte: „No es facil“

Einfach ist überhaupt das Stichwort: Für kein Verfahren braucht man ausgefallene Geräte, in der Regel reichen Pürierstab, Mixer und Kochtopf zum Konservieren. Auch die Ingredienzien sind leicht zu beschaffen: Zucker für die Marmelade, Salz für den Fisch. Und alles lässt sich in wenigen Schritten vorbereiten. Die beiden sind als Workshopleiter geübt: Nicht nur kubanische Bauern besuchen die „Tallleres“. Delegationen aus Nicaragua, Japan, Kanada oder Deutschland kommen, um sich bei den beiden engagierten Kubanern über ihre einfachen Methoden zu informieren. Sogar aus den USA reisen sie an – obwohl bis vor kurzem offiziell US-Amerikaner nicht nach Kuba durften.

Der meist gehörte kubanische Satz „No es fácil“ mag auch für Vilda und Pepe gelten. Aber viel mehr strahlen sie das Mantra der 2000er aus – „Sí se puede“ – oder wie die gehassten und geliebten großen Nachbarn sagen „Yes, we can“.

Im Projekt PIAL unterstützt die Welthungerhilfe die kubanische Landbevölkerung dabei, innovative Produktions- und Verarbeitungstechnologien zu entwickeln und zu verbreiten. Dazu zählen zum Beispiel Methoden der Saatgutlagerung, der Einsatz von lokal selektiertem und vermehrtem Saatgut, die Herstellung von organischem Dünger und die Nutzung einfacher Technologien zur Produktverarbeitung. Bauerngruppen tauschen ihre Kenntnisse untereinander aus – campesino a campesino nennt sich das Prinzip. All diese Neuerungen bieten ein hohes Potential für die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität. Dazu arbeitet die Welthungerhilfe mit dem nationalen landwirtschaftlichen Forschungsinstitut INCA und Universitäten im ganzen Land zusammen. Ziel ist es, die Lebensqualität der kubanischen Landbevölkerung langfristig zu verbessern.

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