Innovative Konzepte beweisen: Lebensmittel müssen nicht in der Tonne landen

Ein Berg "krummes" Gemüse, das nicht der Verkaufsnorm entspricht.
Zu schade für die Tonne: Unternehmen setzen sich innovativ gegen Lebensmittelverschwendung ein

Es kann einfach nicht sein, dass weltweit knapp 800 Millionen Menschen hungrig schlafen gehen und gleichzeitig im Jahr über 18 Mio. Tonnen Nahr­ungs­mittel in Deutschland im Abfall landen, obwohl mindestens 10 Mio. Tonnen davon vermeidbar wären (laut einer Studie des WWF) . Wie diese knapp 10 Tonnen unter anderem vermeidbar bei Unternehmen wären, das will die Initiative Genießt uns! herausfinden.

Abfall von Lebensmitteln minimieren! Unternehmen, die Mut machen!

Nach den ersten zwei Jahren zeichnete die Initiative nun auf der weltweit renommierten Ernährungsmesse in Köln, ANUGA, 16 innovative, engagierte und vorbildliche Unternehmen aus, die Mut machen und ganz praktisch beweisen, dass Lebensmittelabfall minimiert werden kann – vom Landwirt auf dem Feld, über das Logistikunternehmen und mittelständische Supermärkte bis hin zur Unimensa oder Krankenhaus-Kantine.

Ganz besonders überzeugend fand die prominente Jury, bestehend aus Hanni Rützler (Foodtrendforscherin) dem Koch und TV-Moderator Christian Rach und Prof. Dr. Guido Ritter (Vorstand des Instituts für nachhaltige Ernährung der Fachhochschule Münster) drei Unternehmen. Und so wurden an diesem fröhlichen Abend dem Münchner Traditionsgasthof Weisses Bräuhaus, dem Kölner Erlebnisbauernhof Gertrudenhof, und der Bio-Bäckerei Cibaria mit Sitz in Münster für ihr herausragendes Engagement zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen der erste Genießt uns!-Award verliehen.

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Bestpractise: So reduzieren Unternehmen den Lebensmittel-Müllberg

Allen drei Unternehmen gelingt es auf vorbildliche Weise, effektive Maßnahmen im Alltagsbetrieb zu verankern, um Lebensmittelabfälle erst gar nicht entstehen zu lassen.

“Eine neue Kultur der Wertschätzung von Lebensmitteln”

Der Getruden­hof überzeugt mit der „Schlemmerstation“ aus Überschüssen, dem Verkauf von „krummem“ Gemüse und seinem Bildungsansatz, bereits Kindern den Wert von Lebensmitteln beizubringen:

  • Im Hofladen wird nicht normgerechtes Gemüse, das vom Großhandel wegen Form und Optik nicht akzeptiert wird, angeboten.
  • Der Milchlieferant, welcher den Hof beliefert, nimmt nicht verkaufte Ware zurück, die später zu Käse wird.
  • Der Schulbauernhof schafft es nach Einschätzung der Jury, in seiner Bildungsarbeit „eine neue Kultur der Wertschätzung von Lebensmitteln“ zu schaffen.

“Mir war es wichtig, dass auch ein landwirtschaftlicher Betrieb ausgezeichnet wird. Die Landwirtschaft steht am Anfang der Produktionskette, hier kommen unsere Lebensmittel her. Leider wird beim Thema Vermeidung der Lebensmittelverschwendung die Landwirtschaft oft ausgespart. Dabei besteht gerade hier die Möglichkeit die Wertschätzung für unsere Lebensmittel dem Verbraucher ohne Umwege vor Augen zu führen“, erläutert Jurymitglied Prof. Dr. Guido Ritter, Ernährungswissenschaftler an der FH Münster.

Brot ist “Leben” und wird doch in Massen verschwendet

Da sich verschwenderischer Ressourceneinsatz nicht rechnet, hat die Bio-Bäckerei Cibaria nicht verkaufte Ware als wichtigste Stellschraube zur Effizienzsteigerungen in der Produktion identifiziert. Retouren werden hier systematisch erfasst, die Belegschaft regelmäßig geschult.

  • Nicht verkaufte Brote und Brötchen werden zu Paniermehl verarbeitet und mittels überarbeiteter Rezepturen wieder in Backwaren eingearbeitet.
  • Was hier keinen Einsatz findet, geht als Spende an Bahnhofsmissionen oder an die Versorgung der Nachtschicht.

„Seit Jahrtausenden ist Brot wohl das bedeutendste Lebensmittel überhaupt und ein symbolträchtiges Lebensmittel, das für physische und geistige Nahrung steht. Zugleich zählen Backwaren zu den Lebensmitteln, die an erster Stelle beim Abfall stehen. Eine Bäckerei auszuzeichnen, die sich gezielt der Vermeidung von Verlusten verpflichtet fühlt und der dies durch intensive Kommunikation mit MitarbeiterInnen und Kunden gelingt, ist daher ein Zeichen für die gesamte Branche“, erläutert Jurymitglied Hanni Rützler

Blick in eine bayrische Küche: „Das sollte und muss Schule machen“

Die im WeissenBräuhaus München in der Küche verwendeten Rohstoffe werden von regionalen Partnern bezogen. Aber wie schafft es ein Bräuhaus mit tradi­tioneller Münchner Küche Abfälle zu vermieden?

  • Die in der Küche und auf den Tellern anfallenden Le­bens­mittelabfälle werden regelmäßig erfasst.
  • Die Speisekarte wurde an die Esskulturen und Wün­sche der Gäste angepasst. So kann die Haxe halbiert oder Salat und Beilagen entkoppelt vom Hauptgericht bestellt wer­den.
  • Die Küchenproduktion wurde umgestellt und neue Rezepturen einschließ­lich einer Reste­verwertung einge­führt. Die Entsorgungskosten für Lebensmittelreste konnte das Bräuhaus seit 2008 um 60 % reduzieren, der Restmüll ging um 20 % zurück.

„XXL – war gestern? Leider ist dem nicht so. Es dient nur als Alleinstellungsmerkmal, um dem Gast vermeintlich mehr für sein Geld zu bieten. Produziert wird dabei lediglich für die Tonne. Essen bewusst für die Mülltonne produziert!! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Die Spitzen­gastro­nomie mit ihren Sterne Restaurants war immer Vorreiter in Sachen Produktqualität und auch Nachhaltigkeit, aber die Vermeidung von Lebensmittelmüll – was für ein absurdes Wort – stand nie im Fokus. Da muss ein bayrisches Brauhaus kommen und allen zeigen wie’s geht! Das sollte und muss Schule machen“ (Jurymitglied Christian Rach)

Gemeinsam mit Filmemacher Valentin Thurn („Taste the Waste“) waren Politiker, Unternehmen, Wissen­schaftler und NGOs aus ganz Deutschland zu der Preisverleihung gekommen. Im Anschluss lud Sodexo zum „Essensretter­bankett“ der besonderen Art: Aus vermeintlichem Abfall wurde ein genussreiches Buffet: Verwendet wurden Lebensmittel, die für die Messe gekauft wurden, die aber am letzten Messetag keine Verwertung mehr gefunden hatten. Serviert wurden etwa Süppchen aus überreifen Tomaten, Pesto aus welken Kräutern und Häppchen aus Fallobst.

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Auch Ihr Unternehmen will etwas tun und  Nahrungsmittel-Abfalle vermeiden – die ersten Schritte sind:

  1. Werden Lebensmittelabfälle systematisch erfasst?
  2. Welche messbaren Erfolge gibt es?
  3. Gibt es Maßnahmen zur Vermeidung von Lebensmittelabfall?
  4. Auf welcher Unternehmensebene gibt es eine interne Kommunikation zum Thema Lebensmittelverschwendung?
  5. Gibt es eine (externe) Kommunikation zu Lieferanten und/oder Kunden?
  6. Ist das Thema im Unternehmen/Managementsystem verankert?
  7. Hat das Unternehmen eine systematische Vorgehensweise/einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess?
  8. Ist eine besondere Innovation entwickelt worden?

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Die Initiative Genießt uns! ist ein Zussammenschluss von WWF Deutschland, Welthungerhilfe, United Against Waste, Foodsharing e.V., die Verbraucherzentrale NRW und der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. mit Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

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