Dieckmann: „Von 14 Dollar im Monat kann keine Familie überleben“

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Heute sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Wo liegen die Gründe? Und welche Rolle spielen Hilfsorganisationen? Im Interview mit Dagmar Dehmer vom Berliner „Der Tagesspiegel“ spricht Welthungerhilfe-Präsidentin Bärbel Dieckmann über die weltweiten Flüchtlingskrisen.

Dagmar Dehmer: Seit dem Zweiten Weltkrieg waren nie mehr Menschen auf der Flucht. Warum?

Bärbel Dieckmann: Ja, die Zahlen sind beunruhigend. Migration hat es immer gegeben, wegen Klimawandel, Hunger oder um wirtschaftlich bessere Perspektiven zu bekommen. Aber die großen Zahlen sind die Folge kriegerischer Auseinandersetzungen.

Gibt es Aussicht, Menschen über das oft bemühte Schlagwort „Fluchtursachen bekämpfen“ in ihrer Heimat zu halten?

Fluchtursachen bekämpfen heißt Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit in der Welt zu bekämpfen. Das heißt auch, Menschen vor Ort so gut zu versorgen, dass sie in der Region bleiben können und sich nicht auf einen unsicheren Weg machen müssen. Das bedeutet aber auch: Es braucht Frieden in diesen Ländern. Da sind politische Lösungen gefragt. Nicht-Regierungsorganisationen wie die Welthungerhilfe haben darauf gar keinen Einfluss. Das gilt zum Beispiel für Syrien. Ohne Frieden werden die Menschen dort nicht bleiben können.

„Wir müssen alles dafür tun, damit die Menschen in der Region gut versorgt sind. Und natürlich steht auch Europa in einer Verantwortung.“

Was bringt Menschen in den Flüchtlingslagern rund um Syrien dazu aufzubrechen?

Ich habe eines der großen Flüchtlingslager in der Südtürkei besucht, wo Tausende Syrer leben. Da habe ich niemanden getroffen, der gesagt hätte: Ich will hier raus. Es gibt ausreichend Nahrung und Wohncontainer, Schulen und Kindergärten. Die Menschen fühlen sich wohl genug, um zu bleiben. In Jordanien und dem Libanon aber mussten das Welternährungsprogramm (WFP) und das Flüchtlingshilfswerk UNHCR im vergangenen Jahr die Essensrationen um die Hälfte kürzen. Statt 28 Dollar pro Monat für eine vierköpfige Familie bekamen sie nur noch 14 Dollar. Davon kann niemand überleben.

In der Türkei allerdings leben die meisten Flüchtlinge nicht in Lagern, sondern hausen unter schwierigsten Bedingungen in Garagen, feuchten Kellern und Rohbauten ohne staatliche Versorgung. Sie unterstützen wir vor allem mit Geldkarten.

Solange die Menschen ein Angebot haben, das ein Überleben ermöglicht, machen sie den Schritt über das Mittelmeer auch nicht sofort. Wo Menschen für sich keine Möglichkeit mehr sehen, ihre Existenz zu sichern, ist das anders. Unser Plädoyer ist deshalb: Wir müssen alles dafür tun, damit die Menschen in der Region gut versorgt sind. Und natürlich steht auch Europa in einer Verantwortung.

Video: Nothilfe für syrische Flüchtlinge in der Türkei – die Welthungerhilfe unterstützt mit Geldkarten.

Wenn eine Krisensituation über Jahre anhält, was kann getan werden, damit die Menschen in den Flüchtlingslagern nicht verzweifeln?

In Ländern wie Mali oder Niger versuchen wir die unmittelbare Hilfe mit einer Zukunftsperspektive zu verbinden. Da werden Menschen absehbar länger bleiben. Sie bauen Gemüse an, manchmal sogar Getreide. Das geht in der Türkei nicht. Da sind die Flüchtlinge auf Zeit und empfinden das auch so. Ich habe mit vielen gesprochen, die nichts anderes wollen, als nach Syrien zurückzukehren. Außerdem ist die Türkei ein Land, in dem man einkaufen kann, wenn Geld zur Verfügung steht. Mit den Geldkarten können sich die Menschen versorgen.

Dort investieren wir mehr in Bildungsprojekte, damit nicht eine verlorene Generation syrischer Kinder heranwächst, die nicht lesen und schreiben lernen. In Syrien haben die Kinder derzeit gar keine Chance auf Bildung, dort bekommen sie ja nicht einmal genug zu essen. Im Irak dagegen sind es oft Binnenvertriebene, die innerhalb des Nordiraks geflüchtet sind. Dort gibt es auch langfristigere Projekte zur Integration und um den Menschen die Perspektive zu geben, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

An welchen Schauplätzen der Flüchtlingskrise ist die Welthungerhilfe tätig?

Neben Syrien, der Türkei und dem Irak arbeiten wir im Niger, wo viele Menschen aus Nigeria Zuflucht suchen, die vor der Terrorgruppe Boko Haram flüchten. In Mali betreuen wir Binnenflüchtlinge, die aus dem Norden des Landes in den Süden gekommen sind, nachdem islamistische Milizen dort Stadt um Stadt erobert hatten. Im Südsudan versorgen wir rund 500.000 Menschen, und in der Demokratischen Republik Kongo helfen wir derzeit rund 280.000 Binnenvertriebenen.

„Oft gibt es Konflikte zwischen der eingesessenen Bevölkerung und den neu Hinzugekommenen.“

Wie sollten langfristige Projekte nach Ihrer Erfahrung aussehen?

Zunächst geht es vor allem um den Gemüseanbau und das Halten von Tieren, damit man die eigene Familie wieder ernähren kann. Es geht um Gesundheitszentren und psycho-soziale Unterstützung von Kindern. Wir organisieren Komitees von Einheimischen, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Es geht um die Vermittlung von Kenntnissen über Ernährungs- und Hygienefragen. Und um Konfliktlösungsstrategien. Denn oft gibt es Konflikte zwischen der eingesessenen Bevölkerung und den neu Hinzugekommenen. In Mali und Niger waren die Leute schon arm, bevor die Flüchtlinge kamen. Ja, und ich wundere mich immer wieder über die Großzügigkeit, mit der die Flüchtlinge dennoch aufgenommen werden.

Auch in Jordanien und im Libanon ist das so, trotz aller Herausforderungen, die sie haben. Das gilt auch für die Türkei. Es sind 2,7 Millionen Flüchtlinge, die zumindest in Frieden dort leben können und nicht massiv abgelehnt werden.

Ihr Rat lautet also: Der diplomatische Einsatz für Friedenslösungen sollte verstärkt werden?

Diese Konflikte sind alle nicht ohne internationale Unterstützung zu lösen. Syrien schon gar nicht. Flüchtlinge, die nach Europa gekommen sind, gehen in eine extrem ungewisse Zukunft. Viele haben erst gar nicht die Kraft und die Mittel, um sich auf den Weg zu machen. Und die Menschen hoffen auch, dass sie beim Wiederaufbau Syriens gebraucht werden. Sie haben eine große Identifikation mit ihrem Land. Sie haben mir immer viel von ihrer Heimat erzählt. Womöglich werden einige junge Männer auch nach Europa geschickt, um ihre Familien in Syrien oder in den Flüchtlingslagern zu unterstützen? Ja, aber das ist erst möglich, wenn die Migranten integriert sind und einen Arbeitsplatz haben. Ein Einwanderungsgesetz könnte vieles leichter machen.

„Entwicklungszusammenarbeit als solche verhindert nicht Migration. Aber wenn sie die Flucht verhindern kann, ist das doch auch schon mal was.“

Das vollständige Interview ist am 14. März 2016 in „Der Tagesspiegel“ erschienen.

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