Die Welt steht nicht vor unserer Tür – Migration: Fakten, Chancen und Risiken

38 Millionen Menschen suchen in ihrem eigenen Land Zuflucht. Weitaus die meisten Flüchtlingen = 86% werden also in ihren Heimatländern und in Nachbarländern aufgenommen.
38 Millionen Menschen suchen in ihrem eigenen Land Zuflucht. Weitaus die meisten Flüchtlingen = 86% werden also in ihren Heimatländern und in Nachbarländern aufgenommen.

Während Immigranten und Asylsuchende von einer Minderheit in unserem Land vor allem als Bedrohung (was droht uns eigentlich?) wahrgenommen werden, setzen sich Wissenschaftler wie der Osnabrücker Migrationsforscher Jochen Oltmer etwas nüchterner mit den Fakten zum Thema Migration auseinander. Zum Beispiel in einer Studie zum Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung, die er im Auftrag von Welthungerhilfe und terre des hommes verfasste und mit einer Reihe von Fachleuten diskutierte.

Lesen Sie hier die Studie:

 

Entwicklungshilfe und Asylpolitik neu denken: Migration ist kein Sicherheitsproblem!

Für uns ist das Thema deshalb so wichtig, weil wir wissen möchten, ob Entwicklungszusammenarbeit im allgemeinen oder unsere Programmarbeit im Besonderen dazu beitragen kann, Migration „entwicklungsfreundlich“ zu machen.

Man kann zwischen drei Formen von Migration unterscheiden:

  • als Wahrnehmung von Chancen, z.B. auf dem Arbeitsmarkt
  • als Reaktion auf Krisen wie Umweltzerstörung oder akute Not
  • als Folge von Zwang und Gewalt.

Die Zahl der internationalen Migranten wird auf mehr als 230 Millionen geschätzt, davon sind etwa 21 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende. Zu diesen internationalen Flüchtlingen kommen noch etwa 38 Millionen Menschen, die in ihrem eigenen Land Zuflucht suchen. Weitaus die meisten Flüchtlingen (86%) werden in ihren Heimatländern und in Nachbarländern aufgenommen.

38 Millionen Menschen suchen in ihrem eigenen Land Zuflucht. Weitaus die meisten Flüchtlingen = 86% werden also in ihren Heimatländern und in Nachbarländern aufgenommen.

38 Millionen Menschen suchen in ihrem eigenen Land Zuflucht. Weitaus die meisten Flüchtlingen (86%) werden in ihren Heimatländern und in Nachbarländern aufgenommen.

Anders als wir glauben, steht die Welt NICHT vor unserer Tür

Während man davon ausgehen kann, dass sich die Zahl der Flüchtlinge weltweit so schnell nicht verringern wird, prognostizieren die Vereinten Nationen, dass sich die Gesamtzahl der Migranten, die nach Europa wollen, verringern wird. Soviel zum Thema „Die Welt steht vor unserer Tür“ oder „Europa wird überrannt.“

Risiken und Chancen von Migration

Dass Migration sehr große Risiken birgt, sehen wir beinahe täglich im Mittelmeer. Diese Risiken werden in erster Linie von den Migranten selbst getragen – beim Auftreiben des benötigten Geldes, beim Besorgen der notwendigen Papiere, bei den Arbeitsbedingungen im Zielland und natürlich auf dem Weg dorthin.

Migration ist teuer, deshalb verhindert Armut Migration. Trotzdem gelingt es z.B. zweitausend Nepalesen täglich, ihre Heimat zu verlassen, um vor allem in Malaysia und den Emiraten ihr Glück zu suchen. Drei Särge kommen täglich nach Nepal zurück, wie uns die Leiterin eines Migrationsprogramms berichtete.

Migration kann aber auch Chancen bieten – für die Migranten, für die Heimatländer und auch für die Zielländer. Doch die positiven Wirkungen treten nicht automatisch ein, sondern nur dann, wenn entsprechende Rahmenbedingungen vorliegen. Und genau daran kann Entwicklungszusammenarbeit gemeinsam mit dem Herkunftsland arbeiten:

  • an legalen Möglichkeiten für Arbeitsmigration,
  • an wirkungsvollem Schutz der Rechte der Migranten und der im Heimatland verbliebenen Angehörigen,
  • an konsequenten Maßnahmen gegen Lohndumping,
  • an bilateralen Wanderungsabkommen.

 Wenn Entwicklungspolitik dafür missbraucht werden soll, Wanderungsbewegungen zu steuern, ist sie kurzsichtig und größenwahnsinnig.

Entwicklungszusammenarbeit wird in der Politik, z.B. im Koalitionsvertrag, gerne als so eine Art Zaubermittel gegen Immigration angesehen.

Oben kommt ein bisschen mehr Geld rein, unten kommen weniger Migranten und Flüchtlinge raus. Das funktioniert so aber nicht; Entwicklungspolitik kann kein Alibi für eine fehlende Gesamt-Migrationspolitik sein.

Gleichwohl haben sich nicht nur staatliche, sondern auch nicht-staatliche Organisationen wie die Welthungerhilfe mit den Themen Migration und Flucht auseinanderzusetzen, werden sie doch täglich in ihrer Arbeit damit konfrontiert. Die Arbeit mit Menschen, die ihre Heimat verlassen wollen oder müssen, unterscheidet sich jedoch substanziell, je nach Situation. Am Ausgangspunkt gilt es oft Bedingungen herzustellen, die eine Flucht oder einen Wegzug vermeiden. „Auf dem Weg“ sind Beratungszentren an Schleuserpunkten eine mögliche Unterstützung. In temporären Unterkünften und in Flüchtlingslagern brauchen Menschen gegebenenfalls humanitäre Hilfe oder auch Möglichkeiten zur Rückkehr. Im Einzelfall können wir auch zu Krisenprävention und friedlicher Konfliktaustragung beitragen. Arbeitsmigranten können so beraten werden, dass sie Risiken der Migration besser einschätzen und so vermeiden können.

Menschen, die migrieren, weil sie woanders berufliche Chancen suchen, verfügen über große wirtschaftliche und gesellschaftliche Potentiale. Nicht zuletzt deshalb sind die Regionen mit starker Zuwanderung schon immer Zentren von Produktivität und Innovation gewesen. Auch für die Herkunftsländer bietet Migration Chancen: etwa durch die Rücküberweisungen der Migranten, die die Entwicklungshilfe in aller Regel deutlich übersteigen. Allerdings kassieren die Banken immer noch zu hohe Gebühren für diese Geldtransfers, insbesondere nach Afrika. Chancen für die Herkunftsländer bieten auch die neuen Kompetenzen, die Migranten im Zielland erwerben, ihre neuen Kenntnisse und Weltsichten.

Die Bedingungen für Migration so zu beeinflussen, dass sie es den Menschen ermöglichen, ihre Handlungsspielräume und die ihrer Angehörigen in ihren Gesellschaften zu vergrößern: Das wäre ein Ziel einer stimmigen Migrationspolitik. Daran mangelt es aber noch, Europa arbeitet lieber an Instrumenten zur Abwehr.

Ihr Uli Post

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3 Kommentare

  • Lotta sagt:

    Hallo,
    die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland ist steigend.
    Es werden so viele Menschen erwartet, die in unserem Land Frieden finden wollen, dass niemand das Ausmaß einschätzen kann.
    Hat die Welthungerhilfe schon mal darüber nachgedacht, in dieser schweren Zeit, Flüchtlingshilfe in Deutschland zu leisten?
    Ist da etwas in Planung
    Lieb Grüße Lotta

  • Uli Post sagt:

    Stimmt, die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland steigt, und wir stehen vor einer ziemlichen Herausforderung, was den menschenwürdigen Umgang mit den Flüchtlingen angeht. Aber wir können diese Herausforderung meistern. Viel schwieriger ist die Situation in den unmittelbaren Nachbarländern Syriens oder Somalias, die sehr viel mehr Menschen aufgenommen haben. Die Welthungerhilfe engagiert sich dort sehr stark in der Arbeit mit Flüchtlingen.Deshalb leisten wir als Organisation auch keine Flüchtlingshilfe in Deutschland; aber eine Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kümmern sich als Bürger um die Anliegen der Flüchtlinge.

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