Nach dem Erdbeben in Haiti: Die Wasserverteilung beginnt

Erste große Nahrungsmittelverteilung der Welthungerhilfe in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. © Grossmann
Erste große Nahrungsmittelverteilung der Welthungerhilfe in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. © Grossmann

Ich bin jetzt den dritten Tag in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Die Stimmung in der Stadt wird sechs Tage nach dem schrecklichen Erdbeben immer verzweifelter. Ich bin froh, dass ich bereits so viele Jahre Erfahrung in diesem Job habe. Es ist nicht der erste Katastrophenfall, bei dem ich wenige Tage nach dem Ereignis vor Ort bin. Aber so viel Leid lässt mir doch den Atem stocken.

Am Wochenende war ich zufällig dabei, als ein luxemburgisches Rettungsteam in einer Berufsschule nach Verschütteten gesucht hat. Mir wurde erzählt, dass die Helfer kurz vorher noch von einer eingeklemmten jungen Frau Nachrichten aufnehmen konnten und an ihren Vater weitergeschickt haben. Doch dann ist mit einem Mal alles still. Ist die Frau bewusstlos geworden? Während die Rettungskräfte mit ihren Spürhunden suchen, stehen 40 bis 50 Menschen um die Berufsschule herum. Es sind Angehörige von der Frau und ihrer Mitschüler. Alle sind gespenstisch ruhig. Hoffen, bangen.

Doch die Hunde schlagen nicht an. Das bedeutet schlechte Nachrichten: Die junge Frau ist ihren Verletzungen erlegen und gestorben. Und auch alle anderen Schüler sind tot. Schätzungsweise 30 bis 50 junge Leute liegen unter den Trümmern begraben. Das Rettungsteam entscheidet die Schule zu verlassen und zum nächsten eingestürzten Gebäude weiterzuziehen. Es darf keine Zeit an einem Ort verbracht werden, an dem keine Hoffnung mehr besteht. Vielleicht gibt es unter dem nächsten Gebäude noch Überlebende. Doch die Chancen schwinden mit jeder Stunde. Für die Obdachlosen auf den Straßen ist es ein Glück, dass es nicht regnet. Für die Verschütteten bedeutet es jedoch, dass die Überlebenschancen sinken. Ich spreche mit den Leuten. Sie sind merkwürdig emotionslos. Alle scheinen noch unter einem Schock zu stehen.

Neben der riesigen menschlichen Tragödie, die das Erdbeben bedeutet, ist es vor allem ein logistischer Albtraum. Das sehe ich schon, wenn ich einen Blick auf die verstopften Straßen werfe. Wie soll man hier nur mit den Hilfstransporten durchkommen? Es sieht aus wie ein Ameisenhaufen. Schon vor dem Erdbeben hatte Haiti eine mehr schlecht als recht funktionierende Infrastruktur. Aber jetzt ist alles zerstört. Die sowieso nur rudimentär vorhandenen staatlichen Strukturen können jetzt gar nicht mehr arbeiten. Gebäude, Schreibtische, Computer, Telefone – alles ist von den einstürzenden Mauern und Dächern begraben worden. So wie das Polizeihauptquartier, das völlig dem Erdbeben gleichgemacht wurde.

Die Koordinierung der Hilfe ist jetzt eine große Herausforderung für alle Helfer. Heute werden wir erst einmal 11.000 Liter Trinkwasser verteilen. Der Tanker wird zum Place Saint Pierre fahren. Dieser Platz liegt direkt an einer Kirche in Petionville, dem Stadtteil von Port-au-Prince, in dem auch unser Büro liegt. Auf dem Platz kampieren seit dem Erdbeben mehrere hundert Menschen, die ihr Haus verloren haben. Sie sitzen dort eng an eng, auf ihren wenigen Habseligkeiten. Sie sind die ersten, die unsere Unterstützung bekommen.

Zudem werden wir demnächst sogenannte Familienpakete verteilen. 1.200 Familie wird einen Plastikeimer erhalten mit 22,5 Kilogramm Reis, 4,5 Kilogramm Bohnen, 1,6 Liter Öl und 400 Gramm Salz. Davon können sich insgesamt 6.000 Menschen gute zwei Wochen lang ernähren.

Wir richten unseren Blick auch über die Stadt hinaus. Heute ist Birgit Zeitler vom Nothilfeteam mit ein paar Kollegen und einer unserer lokalen Partnerorganisationen aufs Land gefahren. Sie versuchen das westlich von Port- au-Prince gelegene Petit Goave zu erreichen. Sie wollen in Erfahrung bringen wie schlimm die Gegend vom Erdbeben getroffen wurde. Noch immer haben wir keine Nachrichten aus der Region. Doch es heißt, dass es auch dort große Verwüstungen und viel Opfer gegeben hat. Wir dürfen auch diese Menschen nicht vergessen. Ich bin gespannt, was Birgit Zeitler zu berichten hat, wenn Sie heute Abend zurückkehrt.

Ich melde mich in ein paar Tagen mit Neuigkeiten aus Haiti.

Viele Grüße

Ihre Simone Pott

Bewerten Sie diesen Artikel: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Bisher keine Bewertungen)
Loading...

4 Kommentare

  • Janine Rothstein sagt:

    Liebe Simone,

    wir möchten Dir, Deinen Kollegen und allen, die vor Ort sind und berichten sowie Hilfe leisten, unsere größte Anerkennung aussprechen! Hoffentlich stehen euch schnellstmöglich alle Mittel zur Verfügung, um den Menschen effektiv helfen zu können.

    Wir freuen uns, wenn Du irgendwann wieder wohlbehalten zu Hause bist.
    Herzliche Grüße
    Janine, Daniel und Lily

  • Simone Pott sagt:

    Liebe Freunde,

    vielen Dank für Eure Zeilen und guten Wünsche. Das macht wirklich Mut und ich freue mich über diesen Zuspruch von Zuhause. Es ist im Moment oft nicht einfach hier zu arbeiten und zwischen all der Hektik sind die Worte von Euch wunderbare Momente der Ruhe und Kraft.
    Seid alle lieb gegrüßt und auf bald
    Simone

  • laura pott sagt:

    Hallo Mama,
    ich hoffe, dass es dir unter den umständen gut geht! Wir machen mit der Klasse eine Spendenaktion für Haiti. Alle sind ganz begeistert von dem, was du leistest!!!! Heute oder morgen wollen wir in der Stadt musizieren gehen. Ich hoffe, ich sehe dich bald im Fernsehen.
    Hab dich lieb Laura

  • Simone Pott sagt:

    Liebe Laura,

    Deine Zeilen haben mich ganz doll gefreut und sie haben mir vor allem Mut gemacht, für die noch verbleibenden Tage hier. Es ist manchmal nicht einfach, all das Elend zu sehen und ich kann am Abend manchmal nicht einschlafen, obwohl ich todmüde bin. Dann stelle ich mir vor, dass ihr in Gedanken bei mir seid. Ich freue mich auf Dich und werde Euch viel erzählen.
    Eine dicken Kuss und ich habe Dich und Elena sehr lieb.
    Mami

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihren Kommentar erst prüfen, bevor dieser auf der Webseite erscheint. Weitere Informationen finden Sie in unserer Blog-Netiquette.