Schritt für Schritt voran – Haiti ein Jahr nach dem Erdbeben

Stück für Stück werden die zerstörten Häuser, Straßen und Strukturen neu aufgebaut © Coulanges
Stück für Stück werden die zerstörten Häuser, Straßen und Strukturen neu aufgebaut © Coulanges

Liebe Leserinnen und Leser,

erinnern Sie sich noch daran, was Sie am 12. Januar 2010 taten, als Sie von dem verheerenden Erdbeben in Haiti erfuhren? Ich sehe alles noch ganz genau vor mir: Wie das Telefon klingelte und meine Welthungerhilfe-Kollegen mich über die Katastrophe informierten. Meine erste Frage war natürlich, ob es Opfer gab. Wie erleichtert war ich darüber, dass keiner unserer Mitarbeiter getötet wurde! Doch die täglich steigenden Zahlen der Verschütteten, die ihr Leben verloren, die Bilder der Verwüstung – das war entsetzlich. Auch etliche unserer haitianischen Mitarbeiter haben Familienangehörige und Freunde verloren.

Ein Jahr nach dem Erdbeben sind  die Folgen in Haiti überall gegenwärtig, das konnte ich selbst sehen, als ich in den letzten Tagen das geplagte Land besuchte. In der Hauptstadt Port-au-Prince sieht man noch überall eingestürzte Häuser. Trümmer liegen herum und es gibt immer noch tausende Menschen, die in Flüchtlingscamps leben müssen.

Umso mehr hat es mich gefreut, die Fortschritte bei unserer Arbeit in den Orten Jacmel und Petit-Goave im Süden des Landes zu sehen. Auch hier hat das Erdbeben schwere Verwüstungen angerichtet. Doch in den vergangenen zwölf Monaten haben die Männer und Frauen dort mit unserer Unterstützung den Großteil der Trümmer beseitigt. Die Kanäle wurden gereinigt und die Straßen ausgebessert. Dafür erhielten sie einen Lohn, von dem sie ihre Familien ernähren können – eine so genannte „Cash for Work„- Maßnahme.

Cholera effektiv bekämpfen
Im letzten Jahr schien manchmal ein Fluch über Haiti zu liegen: Als ob die Menschen nicht schon genug unter den Folgen des Bebens gelitten hätte, brach im Oktober auch noch die Cholera aus. Die Seuche kann sich schnell ausbreiten, denn Trinkwasser ist rar, seit die ohnehin schlechten Wasserleitungen und Brunnen durch das Erdbeben zerstört wurden.

Als ich durch die Straßen von Port-au-Prince fahre, sehe ich mit Unrat übersäte Flüsse. Der Gestank nimmt mir fast den Atem – und hier spielen Kinder, nutzen die Menschen das brackige Wasser.

Um die Cholera zu bekämpfen, unterstützen wir 1500 kubanische Ärzte, die Kranke in den Gesundheitszentren versorgen. Wir besuchen eines dieser Zentren – und ich bin von der Arbeit der Ärzte und Krankenschwestern sehr beeindruckt. Die provisorisch errichteten Behandlungszelte werden peinlich sauber gehalten. Den Ärzten stehen nur wenige Mittel zur Verfügung, doch die werden umso effektiver eingesetzt. So behandeln sie nicht nur die bereits Erkrankten. Sie  besuchen auch die Angehörigen, geben Ihnen Desinfektionsmittel für das Wasser und klären sie über Vorsorgemaßnahmen auf. Auf diese Weise tragen sie täglich dafür Sorge, die weitere Ausbreitung der Epidemie einzudämmen.

In die Berge nach Papatam
Die letzte Station meiner Reise führt mich tief in die Berge in die kleine Siedlung Papatam nahe der Küstenstadt Petit Goave. Dort treffe ich die junge Mutter Myriam Louima und ihre drei Kinder. Die 31-Jährige zeigt mir, wo sie und ihre Familie momentan leben: in einem Zelt, das notdürftig aus Planen zusammengezimmert ist. Doch schon bald wird sich ihr Leben verbessern. Freudestrahlend führt sie mich zu der Baustelle ihres neuen Hauses, wo ihr Mann gerade am Betonfundament mitarbeitet. Auch bei der Planung hat die Familie mitgeholfen.

Die Welthungerhilfe baut hier gemeinsam mit Partnerorganisationen Häuser für Erdbebenopfer, die ihr Heim verloren haben. Dabei werden die Menschen bei allen Entscheidungen einbezogen, denn sie wollen ihr neues Leben selbst gestalten. Nur wenn wir die haitianische Bevölkerung und ihre Regierung einbeziehen, können sich die Lebensumstände in Haiti dauerhaft verbessern. Und in Papatam ist ein erster Schritt in eine positive Zukunft getan, darüber freue ich mich.

Ich hoffe, durch meinen Blog konnten auch Sie sich einen Eindruck davon machen, wie die Menschen in Haiti ein Jahr nach dem Erdbeben mit unserer Unterstützung an ihrem Neuanfang arbeiten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit, damit wir den Betroffenen hier und in anderen Ländern auch weiterhin helfen können.

Herzliche Grüße,
Bärbel Dieckmann

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5 Kommentare

  • Denis sagt:

    Super neuer Post! Ich werde da nochmal versuchen mehr zu erfahren!

  • Eugen Schiebel sagt:

    Angesichts der beispiellosen Spenden und internationalen Staatenhilfen bin ich immer wieder überrascht und enttäuscht zugleich, wie es ein Jahr nach dem Erdbeben auf Haiti aussieht. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass zumindest ein Großteil der vielen hundert Spendenmillionen in dunklen Kanälen versickern, statt der armen Bevolkerung zu dienen.

  • Sehr geehrter Herr Schiebel,
    es ist sehr verständlich, dass Spenderinnen und Spender ein Jahr nach der Katastophe in Haiti gern mehr Erfolge sähen. Aber Haiti ging es schon vor dem Beben sehr schlecht, und jetzt braucht es einen Neuanfang. Dazu müssen die Bevölkerung und die staatlichen Strukturen, sofern sie wieder aufgebaut sind, unbedingt mit einbezogen werden.
    Die Welthungerhilfe konnte mit den ihr zugedachten Spenden einen Großteil erfolgreich in die Nothilfe investieren. Weiterhin gehen wir für den Wiederaufbau von mindestens fünf Jahren aus. Dazu müssen die Gelder sorgfältig geplant und investiert werden, damit die Hilfe nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt wird und die Erfolge dann ausbleiben. Alle Informationen zu unseren Aktivitäten finden Sie in unserem Haiti-Spezial. Für die seriöse und transparente Verwendung von Spenden sind wir mehrfach ausgezeichnet worden. Bitte informieren Sie sich hierzu auch auf unserer Website.
    Mit freundlichen Grüßen
    Kerstin Bandsom, Referentin Informations- und Pressestelle der Welthungerhilfe

  • Markus sagt:

    Ja es war entsetzlich…umso entsetzlicher ist das, was ich heute hier lesen musste in Bezug auf Haiti.

    DAS ist noch viel entsetzlicher.

    “ Für die seriöse und transparente Verwendung von Spenden sind wir mehrfach ausgezeichnet worden“

    Selten so viel menschenverachtenden Zynismus gelesen!

  • Daniel sagt:

    ” Für die seriöse und transparente Verwendung von Spenden sind wir mehrfach ausgezeichnet worden” Interessant- heißt das, Sie haben die ausgesprochen fragwürdige und heiß diskutierte Verteilungspraxis, die in :

    http://www.welthungerhilfe-blog.de/krise-katastrophen/verteilungen-in-haiti-plastik-planen-fuer-ein-bisschen-schutz/

    thematisiert wurde, endlich geändert? Es hatte zwar einige Kritik daran gegeben, dass die Welthungerhilfe Nahrungsmittel nur an Frauen verteilte, darauf wurde aber nicht wirklich sachbezogen eingegangen. Es wäre schön, wenn Sie das mal beleuchten könnten.

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