Mit Götterspeise die Wirtschaft ankurbeln: Wandel durch Handel mitten im Tropengürtel Sierra Leones

Kakaobäuerin Amie Yambasu auf ihrer Plantage. Die Hauptsaison ist vorbei, doch ihre Bäume tragen noch einige Früchte.
Kakaobäuerin Amie Yambasu auf ihrer Plantage. Die Hauptsaison ist vorbei, doch ihre Bäume tragen noch einige Früchte.

Es ist nur eine kleine Information am Rande, doch ehrlich gesagt beeindruckt sie mich. Projektleiter Franz Möstl sitzt am Steuer und nickt geradeaus. „Ach ja, würden wir hier geradeaus weiterfahren, dann kämen wir in rund 14 Kilometern in das Dorf mit dem Case Zero.“

Während wir trotz seiner Fahrkünste ordentlich durchschüttelt werden, rattert es in mir drin. ‚Aha, direkt hier hatte also im Mai 2014 alles in Sierra Leone angefangen mit dieser furchtbaren Seuche. Gruselig! Passt, schließlich sind die Grenzen zu Guinea und Liberia nur Steinwürfe entfernt.‘ Um uns herum teils dichter Wald, hier sind also auch die verdammten Flughunde (große Fledermäuse, die den Virus auf Menschen übertragen können) und die süßen, aber besser nicht zu genießenden Schimpansen zu Hause.

Von der Frucht zur zart schmelzenden Schokolade:
der Weg des Kakaos

Doch deshalb sind wir nicht hier, im östlichen Distrikt Kailahun. Möstl lenkt den Jeep geschickt nach rechts, vorbei an einem Fels mitten auf der Straße. „Straße?“ Bei uns würde sie maximal als kaputter Feldweg klassifiziert. Ich begleite den langjährigen Projektleiter der Welthungerhilfe hier am westlichen Tropengürtel Afrikas, um mehr über Kakaoanbau zu erfahren.

Wie eine Guillotine fährt das scharfe Messer durch die klebrig-braunen Bohnen. Der süßlich-herbe Geruch fährt mir in die Nase. Wie alle Umherstehenden recke auch ich den Hals, um das Ergebnis zu sehen. Hamude öffnet den Deckel des Instruments und gibt den Blick frei auf 50 halbe Kakaobohnen. Sauber durchtrennt, nach Ernte, Fermentieren und Trocknen, liegen sie da und geben ihr Inneres preis. Den Rohstoff für die Kakaomasse, nach der sich Menschen aus aller Welt, ganz besonders in der Weihnachtszeit, die Lippen lecken.

Mohamed Hassan Dayeck, von allen hier Hamude genannt, erklärt fachmännisch, wie er als Kakaohändler nun die Qualität der Kakaobohnen bewertet. Mit allen Sinnen (und auch mit Hilfe von Messgeräten) prüft er die Ernte eines Kleinbauern. Schließlich geht es um die – für beide Seiten – richtige Preisfindung. Besonders wichtig dabei: der Feuchtigkeitsgehalt der Bohnen. Ist er zu hoch, sinkt der Preis, da sie weiter an Gewicht verlieren können, und schlimmstenfalls schimmeln.

Wissen und Können weitergeben: Da profitieren alle von

Der libanesisch-stämmige Sierraleoner kauft die Cash Crops (wörtlich „Bargeld-Pflanzen“, also landwirtschaftliche Erzeugnisse, die für den Export erzeugt werden), transportiert sie quer durch das Land nach Westen, um sie im Hafen für den Weltmarkt anzubieten.

Kakaopflanzen aus Sierra Leone können da grundsätzlich mithalten, doch die Qualität muss stimmen. Das verstehe ich – aber was hat die Welthungerhilfe damit zu tun?

Wir bilden hier rund 30.000 Kleinbauern aus mit den so genannten Farmer Field Schools. Der Ertrag und die Qualität der Ernten soll erhöht werden – unser Ziel ist es dabei, dass die Farmer etwas mehr Geld in der Tasche haben“, erklärt mir Möstl.

Damit eine derart große Anzahl von Menschen trainiert werden können, wurden zunächst Multiplikatoren ausgebildet – und Hamude ist einer von ihnen. „ToT – Training of Trainers“ heißt das Prinzip. Er wurde auch mit Material und Messgeräten ausgestattet, vor seinem Haus steht eine Solar-Trockenanlage für die Bohnen, die entsprechenden Folien sind ebenfalls von der Welthungerhilfe.

4.000 Landwirtinnen und Landwirte hat Hamude bereits trainiert. Und?! – „Oh ja, das hat sich bereits sehr gelohnt“, sagt uns der umtriebige Kaufmann, „ich habe mehr Kakao zu besseren Preisen kaufen können. Da profitieren wir alle von – bis hin zu meinen Kunden in Europa.“

Nach der Kakaoproduktion kommt der Transport:
Auch die Infrastruktur muss stimmen

Gerade ist die Regenzeit vorbei – und damit auch die große Erntezeit. Zwar kann die Kakaopflanze im Grunde ganzjährig Früchte tragen, doch es gibt eben auch eine Hauptsaison. Für Produzenten wie auch Händler ein Albtraum! „Ihr habt den Zustand der Straßen erlebt, nun stellt euch mal vor, wie es in der Regenzeit ist, mit vollen Trucks diese Wege zu nutzen“, seufzt Hamude. Ich frage nach dem Schrotthaufen vor seiner Tür, ein wirklich zerbeulter Unimog aus Deutschland. Er nickt nur, leicht resigniert. Dann richtet er sich schnell auf, lobt die deutsche Wertarbeit und behauptet, den bis zur nächsten Saison wieder flott zu kriegen.

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Später lerne ich eine freundliche Dame aus dem Nachbardorf kennen, eine von Hamudes Kundinnen. Amie Yambasu zeigt mir ihre Plantage, tatsächlich hängen da noch vereinzelte Bohnen an den Stämmen. Lächelnd erzählt die 45-jährige, dass sie zu Beginn des Projekts erst einmal stinksauer gewesen sei: „Da kam ein Field Officer und hat von Bäumen, die etwa fünf Stämme hatten, zwei oder drei abgesägt und behauptet, nächstes Jahr würden an dem Rest mehr Früchte dran hängen. Wir wollten das erst nicht, weil wir das nicht kannten. Dann habe ich gesehen, dass sie Recht hatten – und heute freue ich mich über das neue Wissen.“ Wissen ist Ertrag – andere Themen sind Düngen, Vermehren oder Bio-Zertifizierung.

Später auf meinem Weg durch Sierra Leone habe ich das Gefühl, zu schweben. Nein, hat nichts mit übermäßigem Kakaogenuss zu tun – sondern mit der Straßenqualität. Nach stundenlangem Gerumpel plötzlich Fahren auf etwas, was ich als „Straße“ kenne. Was für mich als Besucher ein Mangel an Komfort ist, ist für Landwirte, Produzenten und Händler existentiell.

‚Marktzugang‘ heißt das Stichwort, denn was bringen die besten Produkte, wenn diese ihren Weg nicht (rechtzeitig) oder nur sehr beschwerlich zu Abnehmern, Zwischenhändlern und Verbrauchern finden?

Da verstehe ich leicht, dass die Welthungerhilfe auch einige Zufahrtsstraßen wieder rehabilitiert hat und dies auch noch weiterhin tun wird. Nach dem langen und desaströsen Bürgerkrieg in Sierra Leone wurde ab 2004 ein wenig in die öffentliche Intrastruktur investiert, aber längst nicht genug. So „er-fahre“ ich eben ganz konkret, was eine bessere Straße für Land und Leute bedeutet.

Wandel durch Handel – ob in der lokalen Markthalle oder auf dem Weltmarkt

Direkt an der großen Hauptstraße, die durch den kleinen Staat (Sierra Leone ist etwa so groß wie Bayern) durchquert, liegt auch der kleine Ort Talia. Hier hat die Welthungerhilfe, keine zehn Meter von der Straße entfernt, eine große und schöne Markthalle gebaut. Zweimal die Woche findet hier ein Wochenmarkt statt, wo im großen Stil Lebensmittel aller Art gehandelt werden. Heute ist es etwas ruhiger, wie jeden Tag kommen Frauen aus den umliegenden Dörfern, um Obst, Wurzeln und Gemüse anzubieten. Die Kleinbäuerinnen sitzen an ihren Tischen, freuen sich über den angenehmen Schatten in der Halle und über jeden Kunden, der bei ihnen Station macht. Kakao wird hier nicht angeboten, dafür alles andere, was der Boden hergibt.

Am Ende der Reise habe ich viel gelernt. Über „Theobroma“, die Speise der Götter, wie der Botaniker Carl von Linné die Früchte des Kakaobaums genannt hat. Über integrierte Wirtschaftsförderung im ländlichen Raum, von der alle profitieren, über die Bedeutung von Basis-Infrastruktur. Der Kakao geht ins Ausland, doch Früchte, Salate und Gemüse werden auch von den Nachbarn gekauft. „Wandel durch Handel“, ganz neu interpretiert. Wenn nun bloß keiner mehr verseuchtes Bush-Meat verzehrt …

Mehr über die Arbeit der Welthungerhilfe in Sierra Leone

Das Kakaoprojekt wird vom Freundeskreis Hamburg unterstützt

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