Spekulation auf Kosten der Hungernden

Mais wird immer öfter zu Treibstoff verarbeitet. © Lohnes
Mais wird immer öfter zu Treibstoff verarbeitet. © Lohnes

Liebe Leserinnen und Leser,

in Deutschland und anderen Industrieländern geben die Menschen durchschnittlich rund zehn Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Die wenigsten wissen, was es bedeutet, sich das Gemüse in der Auslage oder das Brot an der Theke nicht mehr leisten zu können. In Kenia, Somalia, Äthiopien und vielen anderen Ländern kennt man das Gefühl jedoch nur zu gut. Zwischen 50 und 80 Prozent ihres Einkommens investieren Menschen in Entwicklungsländern in Nahrungsmittel. 2008 gab es eine Welle des Protestes aufgrund gestiegener Nahrungsmittelpreise in zahlreichen ärmeren Ländern. Die Menschen haben ihrem Ärger und ihren Sorgen auf der Straße – teilweise auch gewaltsam – Luft gemacht. Damals waren die Preise hoch. Heute sind sie höher.

Im Februar diesen Jahres meldete die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) den historischen Höchststand der Lebensmittelpreise. Nie waren Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Reis teurer. Die Auswirkungen sind insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen verheerend. Sie müssen mehr ausgeben für ihre täglichen Mahlzeiten, essen daher noch weniger und können sich andere lebenswichtige Dinge wie Gesundheitsversorgung und Bildung nicht mehr leisten.

Der aktuelle Welthunger-Index, den die Welthungerhilfe jedes Jahr gemeinsam mit den Partnerorganisationen IFPRI und Concern herausgibt, nennt drei Hauptgründe: die wachsende Bedeutung von Agrartreibstoffen, die Folgen des Klimawandels sowie die Spekulation mit Agrargütern an den Börsen .

Gerade die Spekulation mit Nahrungsmitteln hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Je mehr Geld auf dem Markt ist, desto attraktiver wird die Branche für Spekulationen. Anleger versprechen sich schnelle hohe Profite, indem sie auf steigende oder fallende Preise von Agrarprodukten spekulieren. Und ihre Rechnung geht auf. Das Problem: Indem sie ebenso schnell Aktien kaufen wie sie sie wieder verkaufen, verstärken diese Anleger die Schwankungen des Preises zusätzlich.

So bestimmen immer weniger Angebot, Nachfrage und Lagerbestände den Preis von Weizen oder Mais, sondern zunehmend das Anlageverhalten an den internationalen Börsen. Eine Regulierung der Finanzmärkte sowie die Verpflichtung zu mehr Transparenz sind dringend geboten.

Was Hunger bedeutet, erlebt die Welt gerade am Horn von Afrika: Mehr als 13 Millionen Personen sind von der Katastrophe betroffen. Und auch anderswo leiden die Menschen an Unterernährung – fast eine Milliarde sind es mittlerweile weltweit. Eine stille Hungerkatastrophe, die unbeachtet von den Medien und von der Politik überall auf der Welt stattfindet und Mütter, Väter und Kinder in Entwicklungsländern trifft. Wie Florence Muoki aus Kenia, die ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken kann, weil die Nahrungsmittelpreise so gestiegen sind, dass alle beim Gemüseanbau helfen müssen. Deshalb setzt sich die Welthungerhilfe dafür ein, dass der Profit eines Einzelnen niemals höher bewertet wird als das Recht von Milliarden Menschen auf Nahrung.

Ihre
Bärbel Dieckmann

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7 Kommentare

  • Micki sagt:

    Es ist schlimm, dass die armen Menschen wegen der Profitgier von anderen Menschen leiden müssen. Wenn Grundnahrungsmittel so teuer sind wie bisher noch nie, dann muss man sich nicht wundern, was dann passiert.

  • Dennis sagt:

    Kriege werden unter humanitärem Deckmantel angezettelt und ganze Volkswirtsschaftsvermögen werden nur für diese Kriege verbrannt. Für wesentlich kleinere Beträge könnten wirklich humanitär wirksame Maßnahmen durchgeführt werden. Zu Schade, dass es so oft um Öl und nicht um Speiseöl für Hungernde geht.

  • Alex sagt:

    @Micki
    Da kann ich dir wohl nur beisteuern. Wenn man sich auch den Link zum Welthunger-Index anschaut wird/kann einem schlecht.
    Es muss sich einiges ändern, ich hoffe jeder trägt seinen Teil bei. Wir wissen manchmal nicht wie gut es uns geht.

    Grüße,
    Alex

  • Tanja sagt:

    ….ich sehe nur 2 Kommentare zu dieser Seite….
    das ist sowas von traurig, dass sich so wenig Menschen mit diesem Problem befassen!
    Es muss sich ne Menge ändern …ich hoffe es geht weiterhin voran!!!
    LG Tanja

    • Markus sagt:

      @Tanja

      Mit der Welthungerhilfe haben sich schon mehr befasst als ihnen lieb ist. Allerdings nicht zum positiven.

      Besonders das „Engagement“ in Haiti hat mich im wahrsten Sinne sprachlos gemacht.

  • Richard Hagenauer sagt:

    Um dem Hungertot zu entgehen müssen, wie beispielsweise in Malawi, Kinder beim Ernten von Tabak helfen. Ihre Hände sind ungeschützt, sodass ihre Haut so viel Nikotin aufnimmt, als würden sie täglich 50 Zigaretten rauchen, das ihren frühzeitigen Tod bedeutet! Das ist nicht nur unverantwortliche Ausbeutung, sondern auch auch vorsätzliches Morden in Raten! Diesen Tatbestand vernachlässigt m.E. die Welthungerhilfe!

  • @Richard Hagenauer
    Sehr geehrter Herr Hagenauer,
    die Situation der Kinder auf Tabakplantagen ist in der Tat nicht akzeptabel – nicht nur in Malawi. Weltweit arbeiten mehr als 215 Mio. Kinder in der Landwirtschaft, in Minen, Haushalten, Fabriken oder auf der Straße. Die Welthungerhilfe hat sich deshalb lange in der europäischen Kampagne „Stopp Kinderarbeit. Schule ist der beste Arbeitsplatz“ engagiert, um genau auf diese Missstände aufmerksam zu machen und entgegenzuwirken. Diese Kampagne konnten wir erfolgreich in Kooperation mit unseren Alliance2015-Bündnis-Partnern und mit Finanzierung durch die Europäische Union durchführen. Unsere befreundeten Partner aus der Alliance2015 führen diese Kampagne nun in einer neuen Phase fort. Mehr Informationen finden Sie hier: Stop Childlabour. Und auch die Welthungerhilfe wird nicht müde, auf die Situation der Kinder hinzuweisen. Sie finden Informationen zu unserer Arbeit auch auf unserer Website.
    Mit freundlichen Grüßen
    Kerstin Bandsom
    Referentin Informations- und Pressestelle der Welthungerhilfe

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