Sudan: Die Menschen dort rechnen mit uns!

Eine Mädchenschule im Flüchtlingslager Mellit in Darfur - und ich durfte am Unterricht teilnehmen. Die Schule wurde mit Geldern des BMZ finanziert.
Eine Mädchenschule im Flüchtlingslager Mellit in Darfur - und ich durfte am Unterricht teilnehmen. Die Schule wurde mit Geldern des BMZ finanziert.

Szenenwechsel: vom Glamour einer Live-Fernsehgala in den staubigen Westen des Sudan. Hier, in Nord- und Süd-Darfur, sind fast drei Millionen Menschen ohne Heimat. Sie verlassen ihre Dörfer auf der Flucht vor Reitermilizen, marodierenden Banditen und feindlichen Nachbarstämmen, sie haben Angst vor Ermordung, Plünderung, Schändung. Gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm haben wir uns der Herausforderung gestellt, etwa einer halben Million Flüchtlinge Unterkunft, Nahrung und Wasser zur Verfügung zu stellen.

Auch Schulen gibt es, dank unserer Freunde Marshall und Alexander sind ein paar davon nun auch mit Bänken und Tischen ausgestattet. Mit ehemals sowjetischen Hubschraubern, die so alt sind wie ihre Piloten aus Russland, geht es ins Flüchtlingslager Mellit, sechzig Kilometer von El Fasher entfernt. Die Straße ist zu unsicher – gerade erst wurden drei Fahrer des Welternährungsprogramms umgebracht, weil Kriminelle es auf ein paar Säcke Reis und einen Geländewagen abgesehen hatten.

Sechstausend Menschen, viele davon Kinder, leben seit zweieinhalb Jahren hier. Okay: sie haben zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf, alle Kinder besuchen eine Schule. Doch mit welcher Perspektive? Noch jahrelang von Hilfsgeldern zu leben, keine Arbeit zu haben, keine Selbständigkeit? Werden die Kinder jemals eine Hacke zur Hand nehmen oder einen Brunnen graben – oder wird eine ganze Generation dazu erzogen, auf den nächsten Versorgungskonvoi zu warten? Kinder stehen um mich herum, alte Menschen reden auf mich ein. Ich darf eine kurze Rede halten, sie wird ins Arabische übersetzt. Ich rede über die Solidarität in Deutschland, in Europa – und weiß, dass es bei uns nur wenige gibt, die sich vom Schicksal dieser Menschen berühren lassen. Sie nicken, sie hoffen – und sie geben mir zu verstehen, dass sie mit mir, dass sie mit uns rechnen.

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1 Kommentar

  • Jörg Heinrich sagt:

    Lieber Hans Preuß,

    es war in der Tat ein absolut eindrucksvolles Erlebnis. Für mich war es auch bei meinem x-ten Besuch in Darfur wieder sehr spannend. Allein die Reise mit dem Hubschrauber, den wir nehmen mussten, weil der Landweg möglicherweise von Militäreinheiten, Rebellen oder gar Banditen blockiert gewesen wäre, war eine Herausforderung für die Nerven. Der Flug in nur 300-400m Höhe hätte es ja einer einzigen Panzerfaust ermöglicht, uns vom Himmel auf die blutige Erde Darfurs zurück zu holen. Als wir dann ankamen und dort die erste Begrüßung stattfand, wo jeder von uns schonmal mindestens 50 Hände drückte, ahnte ich, wie es weitergehen könnte, wenn wir erst einmal im Flüchtlingslager Hai Abassi ankommen sollten – aber was dann geschah, übertraf wiederum meine Erwartungen. Mindestens 400 Menschen waren dort. Sie sangen mit Leib und Seele, das war wirkliche Freude, die man in den Stimmen erkennen und auf den Plakaten aber insbesondere in den Gesichtern lesen konnte. Du kannst dir kaum vorstellen, wie ich in solchen Momenten Motivation tanke für meine eigene Arbeit. Wenn auch einige Menschen der Nahrungsmittelhilfe insgesamt kritisch gegenüberstehen, dort habe ich wieder einmal gesehen, wie wichtig unsere Arbeit in Darfur ist: diese Menschen, die die Nahrungsmittel von uns bekommen sind unschuldig, sie können nichts dafür, dass sich Milizen und Militär bekämpfen und sie dabei ihre Häuser und ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, den Zugang zu ihrem Ackerland, und ohne fremde Hilfe verhungern würden. Ich bin froh, dass wir den Menschen mit unserem Besuch Hoffnung gebracht haben, dass wir ihnen gezeigt haben, dass wir sie nicht im Stich lassen und sie auf ihrem schwierigen und langen Weg zum Frieden begleiten und sie beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Dörfer unterstützen werden.
    Hoffentlich werden auch viele andere Menschen von Deinem Besuch erfahren und sich für das Schicksal der Opfer des Bürgerkriegs in Darfur interessieren und unsere Arbeit unterstützen. Und wir beide haben sicherlich auch etwas dabei gelernt: wenn sich eine unserer Töchter demnächst mal über die Beilagen eines üppigen Mittagessens beschwert, dann können wir doch unglaubliche Vergleiche anstellen, oder?
    Ich würde mich freuen, wenn wir in ein paar Jahren wieder nach Darfur führen und dann auf dem Landweg einige Dörfer besichtigen könnten, die wieder aufgebaut sind, und wo die Menschen wieder ein in der Wüste Darfurs ohnehin schwieriges aber immerhin ein Leben in Würde und Freiheit leben.

    Jörg Heinrich

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