Ferngespräch aus dem Südsudan: Warum die nachhaltigen Entwicklungsziele so essentiell notwendig sind!

Warum die nachhaltigen Entwicklungsziele so notwendig für den Südsudan sind.

Ich sitze vor meinem Zelt im Welthungerhilfe Compound in Ganyiel, einem kleinen Ort im Südsudan, mitten in den Sumpfgebieten entlang des Nils. In der Terminologie der Vereinten Nationen ist das hier eine „hard to reach area“. Ich sitze und lausche gespannt, ob ich irgendwo ein Flugzeug hören kann oder zumindest das Geräusch der Rotorblätter eines Helikopters – nichts dergleichen. Nur die alltägliche Geräuschkulisse von Menschen, die sich am Markt aufhalten – inmitten der nahezu komplett leeren Stände – und derer, die auf der Rasenfläche vor dem Compound Fußball spielen, dort wo in Kürze das kleine Propellerflugzeug landen soll, das uns mit zurück in die Südsudanesische Hauptstadt Juba nehmen würde – so jedenfalls der Plan.

Hier und da höre ich den Schrei eines Esels. So geht das nun schon den dritten Morgen. Die letzten beiden Flüge wurden abgesagt, die Rasenfläche sei zu nass für eine Landung. Ob das wirklich der Grund ist? Auf dem Markt gab es wieder Gerüchte, die Regierung plane eine Offensive. Vielleicht erklärt das das Ausbleiben meiner Mitfluggelegenheit? Wenn ich darüber nachdenke entsteht schon ein leicht ungutes Gefühl. Aber es bleibt nichts zu tun, als abzuwarten. Und es bleibt Zeit bei einem Tee vor mich hin zu sinnieren.

Am Nil in Südsudan – ein Zufluchtsort, an dem es an so Vielem fehlt.

Hier im Südsudan bin ich zum ersten Mal auf einem humanitären Einsatz in einem Konfliktgebiet. Und Ganyiel ist mittendrin, südliche Spitze Unity States, kontrolliert von der Opposition, Mitten im Sumpf. In Folge des anhaltenden Konflikts im Südsudan waren schon über 2 Millionen Menschen gezwungen ihr zu Hause zu verlassen und sind auf der Flucht – der Großteil davon innerhalb der Landesgrenzen, viele kamen auch hier nach Ganyiel.

Während das große Lager für Binnenflüchtlinge im Norden Unity States inzwischen schon einer fast unglaublichen Zahl von über 120.000 Menschen Zuflucht, eine sichere Bleibe und Schutz bietet, werden die Neuankömmlinge hier in Ganyiel zumeist von der lokalen Bevölkerung aufgenommen, die ihre Hütten und vor allem auch ihre Nahrungsmittel teilen, von denen es ohnehin viel zu wenig gibt.

Südsudan: Ernte bleibt aus – Nahrungsmittel kommen per Luft.

Im Zuge des Konflikts konnten viele Bauern nicht aussäen und so blieb auch die Ernte aus. Hier liegt eine der Hauptaufgaben der Welthungerhilfe, die die Verteilung von Nahrungsmittel organisiert, die vom Welternährungsprogramm per „airdrop“, also aus Flugzeugen abgeworfen, nach Ganyiel gebracht werden.

Die neuen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) sind wichtig für den Südsudan  – werden sie Wirkung haben?

Aus dieser Ganyiel-Perspektive wirkt das, was zurzeit auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York diskutiert wird sehr, sehr weit weg. Und doch – vieles worauf sich die Weltgemeinschaft versuchen wird zu einigen, wäre so essentiell notwendig für die Menschen hier. In New York werden sie sich um die nachhaltigen Entwicklungsziele streiten.

Das 2. SDG-Ziel im aktuellen Vorschlag „Hunger beenden“ wirkt wie für den Südsudan geschrieben, so auch Ziel Nummer 10 „Ungleichheit verringern“. Eines der Ziele aber, was in dieser Form in den abzulösenden Millenniumszielen noch nicht vorkam, ist Nummer 16: das Fördern einer „friedlichen Gesellschaft“ das ist es, worum es im Südsudan eigentlich geht.

Südsudan ist nicht arm, es hat Rohstoffe, sogar Erdöl, im Süden des Landes könnte der „Grüne Gürtel“ das ganze Land mit genügend Nahrungsmitteln aus eigener Landwirtschaft versorgen. Aber eben nur dann, wenn eine Einigung zwischen den Konfliktparteien erzielt und der seit fast zwei Jahren andauernde Konflikt endlich beendet wird.

Ob das Friedensabkommen, dass Präsident Salva Kiir und Oppositionsführer Riek Machar letzten Monat unterzeichnet haben ein Meilenstein in diese Richtung ist?

Und ob die Nachhaltigkeitsziele (SDGs), die die nächsten 15 Jahre Entwicklungspolitik prägen sollen, sich bis hin nach Ganyiel auswirken werden? Beides steht wohl noch in den Sternen.

Zurzeit kein Linienflug – also per Anhalter in Südsudans Hauptstadt Juba

In den Sternen steht auch, ob das angekündigte Flugzeug je hier in Ganyiel eintrifft um uns abzuholen. Gerade als unsere Zweifel überhand nehmen, hat meine Kenianische Kollegin Dorcas eine Idee: Heute wird doch ein Transportflugzeug von Juba aus mit Saatgut nach Ganyiel geschickt, das flöge leer zurück – vielleicht könnten wir uns da einfach reinsetzen… Gesagt getan, nach kurzer Rücksprache mit den Piloten nehmen wir auf den Klappsitzen im Laderaum der kleinen Maschine Platz. Beim Start ruckelt es bedenklich. Aber wir heben ab.

Sicher fliegen uns die Piloten zurück in die Hauptstadt. Bleibt nur zu hoffen, dass auch für den Friedensprozess im Südsudan oder den Prozess zur Umsetzung der Entwicklungsziele ähnlich sichere Piloten gefunden werden.

 

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Humanitäre Situation im Südsudan
Die Vereinten Nationen haben für den Südsudan die höchste Notfall-Stufe ausgerufen. 90 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Kämpfe haben bis heute rund 2,1 Millionen Menschen in die Flucht getrieben – der Großteil sucht Schutz im eigenen Land. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Zahl noch weiter steigen wird. Die Welthungerhilfe ist im Land mit 10 Projekten aktiv, unter anderem unterstützen wir Flüchtlinge mit Nahrungsmittelhilfe und Saatgut. Mehr unter www.welthungerhilfe.de/suedsudan-nothilfe
Bewerten Sie diesen Artikel: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 53 Bewertungen, durchschnittlich: 4,81 von 5
Loading...

1 Kommentar

  • Sabine Schäfer sagt:

    Tout d’abord, bravo pour la volonté de s’engager et d’apporter une aide réelle à ceux qui souffrent là -bas. Ensuite bravo pour l’analyse de la situation et la présentation. Du réalisme et une réponse rationnelle. Il faut du courage pour aller là-bas et s‘ attaquer aux besoins tangibles. Il faut aussi accepter l’incertitude quant aux décisions des combattants et des gouvernements.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihren Kommentar erst prüfen, bevor dieser auf der Webseite erscheint. Weitere Informationen finden Sie in unserer Blog-Netiquette.