Tausende Menschen sind auf Hilfe angewiesen

Jürgen Mika verteilt im Flüchtlingslager Dadaab, Kenia Wasserkanister.
Jürgen Mika verteilt im Flüchtlingslager Dadaab, Kenia Wasserkanister.

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Seit zwei Wochen bin ich als Nothelfer nun in Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt. Schon bevor ich hierher kam, wusste ich, dass Dadaab riesig ist und viele Menschen hier leben. Trotzdem war ich schockiert, als ich das Lager gesehen habe. Es ist trostlos: Mitten in der Wüste, nur  Dornenbüsche und unendlich viel Sand. Und es ist drückend heiß.

Fast 400.000 Menschen leben in den drei Camps, die zu Dadaab gehören, täglich kommen etwa 1.500 neue dazu. Ein Flüchtlingslager diesen Ausmaßes habe ich zuvor noch nie gesehen, dabei arbeite ich seit fünf Jahren im Nothilfeteam und war schon bei vielen großen Katastrophen im Einsatz.

Man muss es sich vor Augen halten: Hier leben so viele Menschen wie in einer deutschen Großstadt. Ähnlich wie in einer echten Stadt gibt es auch in Dadaab Straßen, Wasserversorgung, Sanitäranlagen, Handwerksbetriebe, Händler, sogar  Telefonläden, in denen man sich Karten für sein Mobiltelefon kaufen kann. Diese Infrastruktur hat sich in den vergangenen 20 Jahren entwickelt, seit es die Lager gibt. Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Somalia sind in den letzten zwei Jahrzehnten ca. 300.000 Menschen nach Dadaab geflohen. Es gibt tatsächlich Leute, die schon 20 Jahre in Dadaab leben und  seit ihrer Ankunft auf die Nahrungsmittelversorgungen der Hilfsorganisationen angewiesen sind. Hinzu kommt eine ganze Generation von Kindern, die hier geboren ist. Selbst versorgen können sich die Bewohner der Camps um Dadaab nicht –als Flüchtlinge haben sie keine Arbeitserlaubnis und damit auch keine Chance, eigenes Geld zu verdienen.

In den vergangenen sechs Wochen sind zusätzlich 80.000 Dürreflüchtlinge angekommen. Eine Zeltstadt in der Wüste, keine Möglichkeit zu arbeiten und erst mal keine Perspektive, dass sich etwas an diesem Status ändert. Es sind keine schönen Umstände, die die Menschen hier erwarten.  Und dennoch: immer mehr Somalis kommen nach Dadaab, weil sie hier etwas erhalten, was sie in ihrer Heimat nicht haben: Eine Grundversorgung mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln.

Weil in den vergangenen Wochen so viele neue Flüchtlinge nach Dadaab gekommen sind, unterstützt die Welthungerhilfe die Organisationen, die unter Leitung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) schon länger hier tätig sind. Seit letzter Woche verteile ich mit den Kollegen unserer italienischen Partnerorganisation CESVI Wasserkanister und Seife an die Neuankömmlinge. Wir werden in den nächsten Tagen 6.000 Hygienepakete an etwa 24.000 Menschen ausgeben. Bis Ende des Jahres wird die Welthungerhilfe mit Verteilungen zusätzlicher Hygienepakete rund  65 Prozent des Bereiches WASH abdecken, das ist die Versorgung im Wasser-, Sanitär- und Hygienebereich. In den nächsten Wochen rechnen wir mit insgesamt  180.000 Menschen die sich nach Dadaab flüchten, diese Menschen wollen wir mit unseren Hygienepaketen  erreichen.

Die Verteilungen hier in Dadaab laufen ganz anders ab, als ich es von vorherigen Nothilfe-Einsätzen kenne. In der Regel sprechen die Nothelfer ihre Aktivitäten zwar untereinander ab , damit die Hilfe bei den richtigen Personen ankommt. Doch meist verteilt jede Organisation ihre Hilfsgüter wie Essen, Nahrungsmittel, Zelte, Hygieneartikel selbst. Nicht so in Dadaab: Hier hat sich die Welthungerhilfe mit anderen Organisationen zusammengetan, die auch im Hygienebereich tätig sind. Wir packen gemeinsam Versorgungspakete für die Flüchtlinge. Die großen Säcke, in denen alles eingepackt wird, tausende Kanister, die Waschschüsseln und fast die gesamte Seife sind zum Beispiel von der Welthungerhilfe. Andere Organisationen steuern weitere Wasserkanister und Eimer bei. Diese Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen in Dadaab gefällt mir sehr gut. Es macht wirklich Sinn so zu arbeiten, jeder packt beim anderen mit an und dadurch ist unser Einsatz sehr effektiv.

Was mir derzeit große Sorgen bereitet, ist die Cholera: Sie ist in verschiedenen Regionen Somalias  ausgebrochen, nun besteht die Gefahr, dass sie von somalischen Flüchtlingen nach Dadaab eingeschleppt wird. Das wäre eine Katastrophe: 400.000 Menschen leben in Dadaab auf engstem Raum, die Durchfallerkrankung könnte sich blitzschnell ausbreiten. Damit das nicht passiert, bereiten wir schon jetzt Präventionsmaßnahmen vor. Neben den neu angekommenen Dürreflüchtlingen sollen in den nächsten Wochen auch die 300.000 Menschen, die schon seit Jahren hier leben, von der Welthungerhilfe mit Wasserkanistern und Seife versorgt werden. Cholera-Infektionen lassen sich ja schon durch einfache Maßnahmen vermeiden, zum Beispiel indem man sich regelmäßig die Hände wäscht oder sauberes Wasser trinkt. Um das tun zu können, brauchen die Menschen eben Hilfsgüter wie Seife oder Wasserkanister. In den nächsten Wochen wollen wir außerdem in einer „Haus zu Haus Kampagne“ darüber informieren, mit welchen Hygienemaßnahmen die Cholera verhindert werden kann.

Dafür, dass sich das Leben der Menschen in Dadaab nicht noch weiter verschlechtert oder mangels Hygiene durch Krankheit bedroht wird, wird sich die Welthungerhilfe in den kommenden Wochen einsetzen. Dass dies überhaupt so schnell möglich war, ist auch der hohen Spendenbereitschaft aus Deutschland zu verdanken. Dafür danke ich Ihnen sehr.

Herzliche Grüße aus Dadaab

Ihr Jürgen Mika

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2 Kommentare

  • Helagor sagt:

    Ein wirklich guter Artikel, der die Probleme alle aufzeigt.
    Hoffentlich rüttel das ein paar Leute auf, etwas zu unternehmen.

  • Kappen Berthold sagt:

    Meine Tochter ist Sängerin, und möchte für die Welthungerhilfe ein Benefizkonzert in der Kirche in 59964 Medebach ( Sauerland) geben. Es wäre schön, wenn wir etwas mehr info über die Hungerhilfe in Ostafrika erfahren würden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Berthold Kappen

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